Wenn ich jemandem sage, sein Verbrauchstext enthielte keine Dramaturgie, ich sähe zum Beispiel keinen Helden darin, dann weiß der Betreffende meist nicht, wohin er seine Augen wenden soll. Nicht etwa deshalb, weil die meisten Menschen Kritik nur in homöopathischen Dosen vertragen. Nein, der Betreffende hält mich jetzt für komplett plemplem. Er denkt an Old Shatterhand, an Captain Hornblower, an Spiderman und an ähnliche ‚Helden‘ – und tippt sich aus Höflichkeit nur innerlich an die Stirn. Dabei hatte ich von solchen Figuren doch gar nicht geredet. Wer sagt überhaupt, dass der Held einer Geschichte ein Mensch sein muss …?

Der Held einer Geschichte kann ebenso gut der kommende Gesundheitsfonds sein, eine Landschaft wie Alaska, eine seltene Orchideenart oder die neue Armaturen-Kollektion von ‚Badewannen-Schröder‘. Immer geht es schlicht darum, dass der jeweilige Held etwas ‚erleben‘ muss, dass der Weg einer guten Geschichte ans Ziel niemals geradlinig verlaufen darf, sondern Kurven und ‚Brüche‘ aufweist. Deshalb vor allem gehört ein solcher Satz in keinen Artikel dieser Welt hinein, auch nicht in einen Geschäftsbericht: „Im Jahr 2003 setzen wir uns bei Blindmann das Ziel, nach fünf Jahren mit Navigationsgeräten einen Umsatz von 100 Mio. zu erzielen. Und im Jahr 2008 war es dann soweit„. Wie öde! Wie langweilig! Wie voraussehbar! jeder Leser schnarcht über einem solchen Text dahin …

In jede Erzählung gehören Widerstände hinein, Umwege, Stolpersteine für den Leser, alles muss auch mal ganz anders gekommen sein als gedacht, ja, sogar ein Scheitern darf ruhig einmal an die Wand gemalt werden, dann, wenn der ‚Held‘ daraus umso strahlender oder gereifter hervorgeht. Das nämlich ist Dramaturgie, so erzeugt der Schreiber Spannung, deshalb werden Texte gelesen: „Im Jahr 2003 setzen wir uns bei Blindmann das Ziel, nach fünf Jahren mit unseren Navigationsgeräten einen Umsatz von 100 Mio. zu erzielen. Und dank unserer Lavalampen war es dann im Jahr 2008 soweit„. Schon erzeugt ein Wechsel beim Produkt Interesse, schon deutet sich eine Geschichte an, der es lohnt, zuzuhören. Mutabor: Unser Held hat sich ‚verwandelt‘ …

Drehbuchschreiber reden von den ‚Wants‘ und ‚Needs‘, wenn sie diese Erzähltechnik meinen: Am Anfang, wenn der Held – sei es ein Mensch, sei es ein Produkt – in die große, weite Welt aufbricht, dann hat er gewisse Vorstellungen von den Zielen, die er erreichen will – oder aber sein Management bzw. die Oberste Heeresleitung. Das ist das Wollen oder Möchten, das sind die ‚Wants‘. Dann aber kommt das Schicksal dahergeschlendert, auch Moira oder Zufall genannt, und sagt: „Deinen Zielen – denen huste ich was. Von mir bekommst du das, was du wirklich brauchst“. Dem ‚Helden‘ kommen ‚Ereignisse‘ dazwischen – Vaterschaft, Verwundung, Pleite, die Liebe, der Wettbewerb – er muss sich in unerwarteten Situationen bewähren, er wird letztlich ein ganz anderer, als er es sich einstmals dachte, und er wird so erst ein ‚wirklicher Held‘. Das also wären seine ‚Needs‘: Das Schicksal als gutes Service-Unternehmen hat ihm das besorgt, was er wirklich brauchte.

Und so etwas kann eben nicht nur den Menschen passieren, sondern auch dem Gummipömpel aus dem Badezimmer. Wer hätte schon gedacht – um eure Fantasie durch ‚Verwandlung‘ mal auf Touren zu bringen – wer hätte also gedacht, dass der sich mal in ein beliebtes Sexspielzeug verwandeln könnte …?