Stilstand

If your memory serves you well ...

Helau!

Geschichte kehrt allenfalls als Farce wieder, das sollte auch Rechtsaußens Bester wissen, der Dschang vom Schwarzen Kanal. In seinem jüngsten Erguss muss trotzdem der Beppe Grillo als wiederauferstandener Mussolini dran glauben. Warum? Weil auch er über die Marktplätze kommt, weil auch er ein durch und durch verrottetes System in den Orkus jagen will, vor allem aber, weil er – tätä tätä! – eine ‚Bewegung‘ anführt:

„Auch Mussolini bestand darauf, dass seine „Fasci di Combattimento“ keine Partei, sondern eine Bewegung sei, weil Parteien nicht die Lösung, sondern das Problem wären.“

Jaja – ein ‚Movimento‘ fand sich dort trotzdem nicht im Namen. Apropos – ProNRW bezeichnet sich auch als ‚Bürgerbewegung‘, dann hätten wir da noch die ‚Bewegung 2. Juni‘, sowie die ‚Bewegung für das Leben‘, ferner LobbyControl, die ‚Bewegung für mehr Transparenz in der Politik‘, und sogar die ‚Bewegung für Jennifer‘, wo’s um Spenden für ein Wachkoma-Kind geht. Es gibt buchstäblich Tausende von ‚Bewegungen‘ – und das seien dann wohl alles Faschisten, meint jedenfalls unser Sherlock Holmes der deutschen Publizistik, der Geistesriese Jan Fleischhauer – nach seinem solitären Selbstverständnis der einzige Hirnträger in einer enthirnten Welt. Mir fehlt da bloß noch die ‚Enthüllung‘, dass der Beppe Grillo einst bei den Kommunisten gewesen wäre, so wie der Duce auch, so dass man mal wieder sehen könne, dass doch alle Kommunisten im Grunde Faschisten seien. Diesbezüglich aber fand Dschangs Rüssel wohl nichts aufwühlend Paralleles, sonst hätte er’s uns ja aufgemalt …

Ansonsten passt alles perfekt in die schwarzweiße Lego-Welt der ideologischen Linolschnittler: ‚Beppe Grillo = Italien‘ und ‚Benito Mussolini = Italien‘. Dazu noch ein wenig Verdi-Opernmusik und diesen Fünf-Sternlern aus dem Fundus ein paar Schwarzhemden überwerfen, fertig ist die Laube. Schon macht es bei jedem eindimensionalen Leser ‚Klick‘! Solche Parallelführungen sind ungefähr so sinnvoll wie ‚Jan Fleischhauer = Publizist‘ und ‚Benito Mussolini = Publizist‘ – es ist höherer Blödsinn und bloß ein Vexierspiel mit Worten. Und die verführten Italiener werden sich jetzt ratzfatz von diesem ‚Mussolini 2.0‘ abwenden, weil ihnen der Jan Fleischhauer endlich die Augen geöffnet hat – oder wie jetzt? Wohl eher: Entlohnte Schreibtherapie bei praktischer Irrelevanz …

Dass der Beppe Grillo im Gegensatz zum Duce die Gewaltfreiheit propagiert, dass er auf Marktplätzen steht, weil die italienischen Medien ihm gegenüber die Omertá praktizieren, dass er sich diesem System einfach nur bei festen Bündnissen verweigert,  dass er aber einer Minderheitsregierung in Sachfragen durchaus zustimmen will, dass er als guter Arzt der direkten Demokratie ein vollgesogenes System auf finanzielle Diät setzen will, indem er den Parteien die Zitze entzieht – das übersteigt den Horizont eines Jan Fleischhauer, den ich persönlich mir übrigens an der Spitze eines ‚Marsches auf Berlin‘ eher vorstellen könnte, als einen Beppe Grillo bei einem ‚Marsch auf Rom‘. Denn der ist schon dort, während der Jan Fleischhauer mir nicht so recht von dieser Welt scheint – und daher noch viele, viele Kilometer vor sich hat.

Im Kern ist das Problem ein anderes: Ein Beppe Grillo stört erheblich die Kreise der Euro-Kreuzritter, also der Banken, der Investoren, der Angela Merkel und der sonstwie am Euro interessierten Kreise zwischen Madrid und Riga. Die Fünf-Sterne-Bewegung – bliebe sie program-matisch konsequent – lässt die Gefahr wachsen, dass Italien tatsächlich den Euro-Raum verlassen könnte. Womit sich die Drohungen der Kreuzritter als das erweisen würden, was sie sind – nämlich hohl. Das nämlich wäre für sie der ‚worst case‘, alle ihre Assets schwimmen dann den Bach der Entwertung hinab. Wer also tagtäglich à la Olaf Henkel damit droht, dass Griechenland, Portugal, Zypern usw. ‚doch gehen‘ sollten, der würde verdammt dumm aus der Wäsche gucken, wenn diese Länder tatsächlich Arrivederci sagen. In Griechenland herrscht schon ‚Dritte Welt‘, da kann’s nicht mehr schlimmer kommen. Hierzulande dagegen … naja. Und deswegen zetermordiot und buhuht der Jan wohl so entsetzlich über diese Grillini – und steckt sie in schwarze Hemden, weil wegen ihnen nicht mehr Goldman-Sachs aka Monti in Italien regieren kann.

Dass diese Fünf-Sterne-Bewegung unter dem Druck der Pragmatiker demnächst ihren Anführer und Maultrommler verlieren dürfte, das steht übrigens auf einem ganz anderen Blatt. Die akademische Jugend der italienischen Fünf-Sternler emanzipiert sich erstaunlich rasch von ihrer Wahlkampftrompete. Da ist bei einer politischen Diva, die sich für unersetzlich hält, ein beleidigter Rückzug absehbar – so wie einst beim Lafontaine …

Nachtrag: Der Pantoufle hat den Jan Fleischhauer jetzt noch viel fachgerechter filetiert …

6 Kommentare

  1. Ach, schon wieder dieser Troll. Seit er in Strafrechtsfragen Karl Binding zitiert hat, darf man Fleischhauer wohl als ideologischen [Apologeten] bezeichnen – merkwürdig, dass so etwas Herrn Broder nicht auffällt, der weiß doch sonst immer, wer ein [solcher] ist.

    Hallo, flatter: Ich habe hier zweimal editierend in deinen Kommentar eingegriffen, weil so mancher schon so manches zitiert hat, ohne gleich ein solcher zu sein, vor allem, wenn das Zitierte weit vor der Lebenszeit jener schlimmen Finger lag. So kann bspw. ein Hermann Löns kein Hitlerverehrer gewesen sein, (obwohl dies manche gern so hätten), weil der Hitler als völlig unbekannter ‚Schütze Arsch‘ justamäng erst an die Westfront marschierte, als der Löns schon tot im Stacheldrahtverhau hing. Das ist nun mal das Gesetz der Chronologie …

  2. Sehr, sehr schön Besonders »‘Jan Fleischhauer = Publizist’ und ‘Benito Mussolini = Publizist’« .
    Der radikale Rollkragen hat sich dieses Mal aber auch wirklich sehr echauffiert. Wie er da mit hängender Zunge den Spuren dieses britischen Journalisten nachjagte, der als Hofberichterstatter von Berlusconi arbeitet… zu schön.

  3. Ich weiß jetzt nicht, ob du dich auf die einschlägige Rechtssprechung beziehst, dann hätte ich nichts zu meckern.
    Ich hatte gerade heute ein Gespräch darüber (ich sprach von exakt jenem Kommentar) und merkte an, dass ich nicht nur sparsam bin mit Bezeichungen wie [Apologeten], sondern sie meide. Meinen Umgang damit pflege ich wie folgt: Faschismus ist ein System, das man so nennen darf, wenn es dafür gute Gründe gibt. Das ist gemeinhin zulässig, wesentlich eher als jemanden als „Faschisten“ zu bezeichnen.
    Wenn aber sich jemand ausdrücklich auf Nationalsozialsozialisten als Gewährsleute und im Kontexr für die eigenen Ausführungen bezieht, dann – und genau dann – halte ich die Bezeichnung „ideologischer [Apologet]“ für gerechtfertigt.

    p.s.: Ich respektiere nach wie vor jede Form von nachvollziehbarer Moderation.

  4. „http://www.tagesschau.de/ausland/grillo-interview100.html“
    Daraus Grillo: „Dann müssen wir einen Plan vergleichbar mit der „Agenda 2010″ in Deutschland bekommen. Was sich in Deutschland bewährt hat, wollen wir auch.“

  5. @ Quax: Boah, dieser ’neue Mussolini‘ will eine Agenda 2010 einführen? Wenn das der Fleischhauer hört! Vollständig lautet das Zitat übrigens: „Und dann muss man sofort Geld zur Schaffung eines Grundeinkommens für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen bereitstellen. Dann müssen wir einen Plan vergleichbar mit der „Agenda 2010″ in Deutschland bekommen. Was sich in Deutschland bewährt hat, wollen wir auch.“

    Wer ein bedingungsloses Grundeinkommen direkt mit der Agenda 2010 im Kopf verkoppeln kann, der zeigt nur, dass er von Deutschland (noch) wenig Ahnung hat. Grillo ist ausgebildeter Buchhalter, aber trotzdem kein Ökonom. Dort im Süden sehen viele wohl den wirtschaftlichen Erfolg hierzulande, und sie plappern unseren Kolumnisten dann nach, dass dies alles nur an der Agenda 2010 gelegen hätte – statt vor allem auch an sinkenden Unternehmenssteuern, einem deregulierten Finanzmarkt, der medial begleiteten moralischen Entfesselung unserer Bourgeoisie und sonst noch so mancherlei, was hier doch eher im Umfeld der Agenda passierte.

    @flatter: Es hat rechtliche und historische Gründe: Einerseits schreibe ich dieses Blog bewusst ‚auf Kante‘ und vermeide laute Etikettierungen, wenn sich etwas auch leise und wirkungsvoller sagen lässt. Zweitens wäre es Blödsinn, von einem ‚Wilhelminismus‘ zu sprechen, bevor es einen ‚Kaiser Wilhelm‘ gab. Das wiederum wäre dann unhistorisch … und Binding ist – meine ich – schon 1920 gestorben. Da gab es noch nicht einmal eine NSDAP. Was nicht heißt, dass dies grauenhafte Buch eines sozialen Utilitaristen nicht auf die Nachfolgenden auf fürchterliche Weise eingewirkt hat …

  6. Okay, das ist ein Argument, wenngleich man auch konzedieren muss, dass Marx bei Gründung der Sowjetunion bereits tot war . Ich habe in der Nacht auch nicht besonders intelligent formuliert. Man könnte jetzt darüber streiten, ob der NS aus dem Nichts emporkam oder eindeutige Wurzeln hatte, zu denen Binding gehört und was es bedeutet, wenn wenn man diese zitiert. Schwamm drüber. Es ist selbstverständlich deine Entscheidung, wie hier damit umzugehen ist und ich verstehe diese vollkommen. Es liegt mir nur daran zu verdeutlichen, dass die Formulierung „ideologischer […]“ nicht unreflektiert dahergegesagt ist. Ideologisch liegt er nämlich damit exakt auf Linie der […]. Deshalb muss man ihn nicht so bezeichnen, bis dahin stimme ich dir zu.

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