Stilstand

If your memory serves you well ...

Heinrich Mann – von hinten

Verbotene Texte sind in der Literaturwissenschaft selten, aber es gibt sie. So kann ein interessierter Leser in diversen Heinrich-Mann-Werkausgaben rauf und runter blättern, er wird in ihnen nicht jene Aufsätze finden, die Heinrich Mann als Chefredakteur für ‚Das Zwanzigste Jahrhundert‚ in den Jahren 1895 und 1896 schrieb. Allzu deutlich – dies vermutlich die Ansicht der Herausgeber – wäre wohl geworden, dass Heinrich Mann jener Diederich Heßling aus dem ‚Untertan‘ selbst gewesen ist, den er später so kongenial beschrieb.

Die ‚Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt‚, so der Untertitel, die in Leipzig bei Schröter erschienen, wären mit dem Begriff ’sozialkonservativ‘ nur unzureichend geschildert. Sie waren vielmehr ‚wilhelministisch‘ im übelsten Sinn: antisemitisch, militaristisch, kolonialistisch, ständisch, antikatholisch usw. – weltanschaulich aber hielten sie sich für höchst modern, schon der Titel, der voraus ins 20 Jahrhundert weist, bringt den ‚fortschrittlichen‘ Anspruch überdeutlich zum Ausdruck. Gestrig, nach Ansicht des Herausgebers Heinrich Mann dagegen, war vor allem der alte Liberalismus der 48er Jahre, demgegenüber betrachtete er die Sozialdemokratie fast noch mit Sympathie.

Heinrich Mann als wüster Antisemit

Heinrich Mann, der Antisemit

Ein Paar Zitate mögen an dieser Stelle daher unsere Kenntnis Heinrich Manns erweitern – und das alte Klischee erschüttern vom konservativ-bürgerlichen Thomas einerseits und dem progressiv-emanzipatorischen Heinrich andererseits. So bspw. lautet das Schlusszitat aus jenem Artikel, der im 5. Heft und zweiten Halbband im Jahr 1895 unter dem Titel ‚Jüdischen Glaubens‚ erschien und für alle Juden im Reich das Ghetto propagierte:

„Jeder vom nationalen und sozialen Gewissen Geleitete wird daher Antisemit sein; aber die Unterdrückung der Judenschaft bezeichnet für ihn nicht Zweck und Ziel seiner Bestrebungen, sondern nur ihre einfachste Folgeerscheinung!“ (462)

Yep – das also ist unser Heinrich Mann, der dort von der ‚tiefen und mächtigen Volksbewegung, die man Antisemitismus nennt‚ daherschwadroniert und vom Juden als dem „sichtbaren Begriff alles Dessen, was zerstört und niedrig macht„. Der Verfasser wähnt sich umgeben von einer durch und durch ‚verjudeten Kultur‘, die mit ihrer Börsenmoral und ihrer Durchtriebenheit den deutschen Idealismus vergiftet hätte. Abhilfe könne nur der innere Bürgerkrieg schaffen, wobei Heinrich Mann in seiner eliminatorischen Militanz ‚den Juden‘ auch gleich noch den Darwin und den ‚Neoliberalismus‘ ans Bein tüddelt:

„Jede andere Kultur ist hinfällig, so lange man die wilden Thiere im ‚freien Spiel der Kräfte‘ duldet, anstatt sie auszurotten oder in Käfige zu sperren!“

Das ostjüdische Klischee des hosenverkaufenden Jünglings aus den Weiten Galiziens, der es dank seinem Schachersinn in kürzester Zeit an der Börse zu Millionen bringt, dieses Stereotyp, das seit Treitschke die Feuilletons der Zeit durchzog, das prägt auch Heinrich Manns Bild einer dominanten jüdischen Bourgeoisie, die das Deutschtum und alle ehrbaren Kaufleute – Buddenbrooks ade! – von ihrem kulturell angestammten Platz vertrieben hätte:

„Man hat doch täglich vor Augen, wie ein jüdischer Gewerbetreibender, nach Eröffnung eines Geschäfts sich alsbald entschlossen zeigt, mit allen Mitteln die im Strafgesetzbuch zufällig nicht vorgesehen sind, aus den Verhältnissen der kleinen Handelswelt emporzukommen in jene lichten Sphären, wo die ‚Geschäfte‘ gemacht werden, die nach einer boshaften Erläuterung ‚das Geld der anderen‘ sind; ein Weg auf dem die erste Million nur eine Etappe bildet.“

So rappelt und schnattert das über zehn lange Seiten daher, und man könnte den Text in den Giftschrank zu all den anderen alldeutschen Publikationen legen, die sich damals mit Rassenkunde und Darwinismus im Rücken für rasend modern und wissenschaftlich hielten – wenn er nicht gerade von Heinrich Mann wäre.

Diese Texte aber einfach zu verschweigen, dem Verfasser von ‚Henri IV‘ und ‚Professor Unrat‘ alles unter der Hand und im Hinblick auf sein Folgewerk zu verzeihen, wie es bisher der Fall war, das ist sicherlich zu einfach. Zumal der zweite Roman ‚Im Schlaraffenland‚, der heute noch unter dem Etikett ‚Gesellschaftsatire‘ in allen Buchhandlungen zu finden ist, nur die literarische Umsetzung des hier beschriebenen antisemitischen Programms ist. Zu beschreiben wäre in Hinsicht auf Heinrich Mann vielmehr, wie auch aus einem ziemlich ekligen Rassisten mit der Zeit noch ein ganz vernünftiger Schriftsteller werden kann …

Die Signatur lügt nicht ...

Die Signatur lügt nicht ...

2 Kommentare

  1. Wolfgang Hömig-Groß

    27. September 2008 at 10:11

    Schön! Allerdings schlage ich eine lectio difficilior vor: Der Gegensatz „ekliger Rassist – passabler Schriftsteller“ erscheint mir unpassend (und das eine hat das andere noch nie behindert, siehe etwa Kipling), lass uns doch lieber sagen, dass geistige Größe sich vor allem in umfassender Entwicklungsfähigkeit äußert.
    Und als Reprise der hier stattgehabten Diskussion über Stil möchte ich noch meine bescheidene Meinung äußern, dass, wenn gemerkter Stil schlechter Stil ist, dann Henri IV ein ganz, ganz schlechtes Buch ist. Es gefällt mir auch nicht, ganz im Gegensatz etwa zum Untertan.

  2. Manchmal möchte man so einige Bücher in den Giftschrank stecken. Nicht, weil sie jemanden vergiften können, sondern, weil sie nichts ausser Gift beinhalten.

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