Schriften, in denen Heilige vorkommen, waren mir immer suspekt. Allein diese verdrehten Heldenfiguren! In der männlichen Ausprägung trugen sie meist Vollbärte, sie wuschen sich vor lauter Frömmelei nicht mehr, saßen auf spitzen Pfählen mitten in der Wüste betend und meditierend herum und stanken schon bald wie tote Dachse fünf Meter gegen den Wind. Am Ende ließen sich widerstandslos von irgendwelchen obskuren Gestalten abmackeln, wenn sie sich nicht vorher schon Lepra oder etwas ähnlich Appetitliches zuzogen – und dafür fuhren sie dann auf gen Himmel. So also sorgt der Herr für die Seinen. Und das soll ihm wohlgefällig sein?

Andere ergriffen statt des gleichförmigen Einsiedlerberufs lieber die aufregendere Märtyrerlaufbahn, sie wurden von den Spießen böser Heiden durchbohrt, auch mal hungrigen Löwen vorgeworfen, gern mit glühenden Zangen gezwickt oder mit Hilfe eines Vorschlaghammers aufs Rad geflochten, eine Strafe, die sonst eigentlich nur den Straßenräubern und Hexen zukam. Solche gefühlsverklärten Wesen waren imstande, dazu auch noch lauthals ‚Hallelujah!‘ und ‚Der Name des Herrn sei gelobt‘ zu rufen – so quintessentiell zusammengefasst steht es jedenfalls in vielen bunten Legendenbüchern. Sollte ich mir daran ein Vorbild nehmen?

Soll das ein Vorbild für die Jugend sein?

Soll das ein Vorbild für die Jugend sein?

Schließlich gab es noch diese Sonntagsschulliteratur, wo alle Kinder so unglaublich brav waren, dass einem nach zwei Zeilen schon die Augen zufielen. Nie schimpften diese früh vergreisten Wunderwesen, nie qualmten sie heimlich, ständig halfen sie alten Omas über die Straße, und all ihre Gedanken waren so rein und flauscheweich wie das Lamm Gottes nach einem Vollbad in reinem Lenor. Zur Belohnung ihrer überwältigenden Harmlosigkeit bekamen sie später eine gottesfürchtige Frau an den Hals gehext, die genauso verdreht war wie sie – und zusammen ganz viele Kinder, die ihnen jede Nachtruhe raubten. Als großes Finale kam der Ehrenplatz im Himmel zu Füßen Gottes hinzu, so dass sie auch dort immer noch Stress hatten, weil der Alte ihnen ständig auf die Finger passte.

Nee – geh mir los: Mit den Traktaten, Legenden und Märtyrergeschichten konnte ich mich nie anfreunden. Offenbar aber müssen Kirchenobere sich irgendwann einmal gedacht haben, dass sie ihren Schäfchen solch alltagsenthobene Märlein vorsetzen müssten – und schon würden alle brav in den Stall traben, tagaus, tagein gottgefällig leben und reichlich für die Kollekte spenden. Sonst hätten sie ja nicht so viel Geld für dramaturgisch völlig uninteressante Geschichten ausgegeben. Das Beispiel sollte wirken – nur waren diese Beispiele nicht von dieser Welt. Darin liegt die Crux.

Gegen Beispiele selbst ist ja überhaupt nichts einzuwenden. Der Glaube allein aber tut’s nie, die Beispiele selbst müssen glaubhaft sein. Die Helden sollten also schon überlebensfähig wirken, weil Darwins Gesetze auch für Erzählwerke gelten. Das Leben all dieser Märtyrer und Gottsucher aber, das spielte sich meist in solch exaltierten und alltagsfernen Gefühlsregionen ab, wo der ‚Normalsterbliche‘ gar nicht mehr hingerät. Welche Wonnen mag es bspw. der heiligen Isabella von Spanien bereitet haben, bei der Belagerung von Ostende ihr Unterhemd so lange nicht mehr zu wechseln, bis diese Stadt der Ketzer endlich eingenommen ist? Was dann immerhin mehr als drei Jahre währte und den schönen Ausdruck ‚isabellenfarben‘ in die Modeindustrie einführte. Und was mag ihr Gatte gedacht haben, wenn er nächtens zu ihr unter die Bettdecke schlüpfte …?

Langer Rede kurzer Sinn – wenn ich mit den Mitteln der Literatur moralisch einwirken will, dann tue ich mich besser nicht bei weltenthobenen Moralaposteln und bei ihren Beispielgeschichten um – egal von welcher Couleur. Die sind nämlich nicht von dieser Welt, weshalb sie auch nicht wirken. Ich greife lieber zu bewährten Tröstern, aus denen die Kinderchen etwas lernen können – ich lasse den ‚Oliver Twist‘ auf sie wirken, der doch auch eine ‚christliche Lehre‘ bietet, nach der Pubertät käme schon mal Ibsens ‚Hedda Gabler‘ dran oder Tolstois ‚Anna Karenina‘ – und fürs reifere Alter gäbe es den Wilhelm Raabe, aus dem sich auch viel lernen lässt, was Gott wohlgefällig ist. Die alten Scharteken aber mit ihren eifernden Wurzenseppeln und den al dente gegrillten Engelshysterikerinnen – die geben mir und anderen nichts mehr. Allzu fromm schreibt nicht gut …