Stilstand

If your memory serves you well ...

Hauptsache, steile Thesen!

Der Masterplan erscheint ...

Der Masterplan erscheint …

Zu denjenigen, die nahezu zwanghaft schimmlige Feindbilder reaktivieren müssen und sich am Buhmann einer realiter kaum noch existenten Linken abarbeiten, zu denen gehört der Großschriftsteller Alexander Marguier vom ‚Cicero‘. Das Hütchenspiel – ‚Salon-Linke‘, ‚Tyrannei‘, ‚Gefahr‘, wuschwuschwusch! – geht in etwa so:

„Konsumkritik ist ein beliebter Zeitvertreib von Salon-Linken: Die Philosophin Renata Salecl hält ein breites Warenangebot etwa für eine „Tyrannei der Wahl“. Solche Feststellungen sind nicht nur dumm, sondern auch gefährlich.“

Da gäbe es zunächst die soziologische Kategorie der ‚Salon-Linken‘, was vermutlich hinausläuft auf: ‚Zwar Kommunist, aber den Arsch an der Heizung!‚. Und zu diesen seltsamen Wesen soll eine Renata Salecl gehören, die immerhin an der ‚London School of Economics‘ lehrte, aber nichtsdestotrotz über keinen sonderlich beeindruckenden wikipedia-Eintrag verfügt. Und die betreibt das Allotria der Konsumkritik zum Zeitvertreib, weil’s ja so beliebt ist … hmmm.

Dieser Thinktank des Kapitalismus dort in London ist sicherlich alles mögliche, aber nun mal keine kommunistische Kaderschmiede, sondern eine altbewährte Institution, aus der unsere Bankster, die Finanzkrisen und andere Öchsperten in Scharen hervorgehen. Diese Lehrkraft einer folglich eher neoliberalen Bildungsinstitution wäre demnach ’nicht nur dumm, sondern auch gefährlich‘, weil sie mal etwas gegen eine überbordende Auswahl von Waren in einer Imbissbude geäußert hat, und zwar aus schierem Schandudel? Gut, derartig klandestine Zusammenhänge hat bisher ja auch noch keiner bemerkt, außer dem Schnellmerker Marguier, der überall den hintergründigen ‚Masterplan‘ erblickt. Weiter geht’s im Text:

„Kapitalismuskritik geht immer, sie ist aber wegen ihrer notorischen Theorielastigkeit oft schwer verständlich. Für den Alltagsgebrauch empfehlen wir deshalb lieber deren kleine Schwester, die Konsumkritik.“

Nun ja, das Stilmittel der Ironie ist nicht jedem gegeben. Ich habe Kapitalismuskritik faktisch nie als sonderlich schwer verständlich erlebt, eher im Gegenteil. Aber das mag auch an den jeweiligen Köpfen liegen. Den Kapitalismus zu verteidigen, das erfordert hingegen regelhaft schon etwas mehr Hirnschmalz. Sonst geht’s in die Hose. Sofern man sich also nicht mit den blauen Bänden der alten Tröster beschäftigt, ist Kapitalismuskritik daher recht eingängig. Selbst Lieschen Müller schimpft über ihre Dispo-Zinsen und auch unser aller Mutti, die Merkel, hat neuerdings fürs Treiben irischer Banker nur noch „Verachtung“ übrig. Gehören die jetzt auch zu den ‚Salonlinken‘?

Wie genau ‚Kapitalismuskritik‘ und ‚Konsumkritik‘ verwandt sein sollen, das erschließt sich daher eher den Doofen, die reflexartig auf jeden Köder anbeißen, sofern der erfahrene Angler nur ‚Sozialismus‘ draufpinselt. Dass nämlich ein Überangebot an Waren volkswirtschaftlich auch im entfesselten Kapitalismus höchst bedenklich sein kann, das lernt jeder BWL-Eleve im Grundkurs an der Hochschule St. Gallen oder in Harvard. Dann bspw., wenn die Konjunktur den Klappmann macht.

Bleibt die Frage: Wären auch diese Kaderschmieden des Guten, Wahren und Schönen jetzt mit Kapitalismuskritikern verseucht, die sich unter dem Tarnnetz der Konsumkritik verbergen? Wären sie neuerdings Ausbildungsstätten für Konsomolzen? Doch lassen wir unseren Rappel weiterrappeln. Jetzt nämlich tritt einer dieser berüchtigsten ‚Salonlinken‘ in personam auf, der Kommissar Derrick, ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS also. Da gniggelt dann nicht nur der Verschwörungstheoretiker:

„Gediegene Konsumkritik erinnert ein bisschen an die Krimiserie „Derrick“: Die Handlung blieb mehr oder weniger die gleiche, und das Böse wohnte praktisch ausnahmslos in einer feinen Münchener Villengegend – trat jedoch von Folge zu Folge in unterschiedlicher Gestalt auf. Also mal als reiche Baroness, dann wieder als schmieriger Unternehmer oder zur Abwechslung auch mal als verwöhnter Chefarztsohn. Auf Oberinspektor Stephan Derricks physiognomische Unveränderlichkeit konnte sich der Zuschauer hingegen so fest verlassen wie auf die Herkunft von Konsumkritikern aus dem linken Universitätsmilieu.“

Ich denke ja eher, dass dieses typische Derrick-Setting der Schaulust des Kleinbürgers geschuldet ist: ‚Boah, sogar mit Swimming-Pool!‚. Aber gut, wir halten uns an Marguier und stellen fest, Derrick war in seinen Augen ein dreckskommunistisches Propagandawerk, das uns der öffentlich-rechtliche Linksfunk damals wöchentlich unterjubeln wollte, um die Reichen in Misskredit zu bringen. Auch, wenn diese sozialistischen Drehbuchschreiber die wahren Klassenverhältnisse oft nicht zureichend reflektierten: „Harry, hol schon mal den Wagen!

Was bleibt uns also, nachdem wir diese Marguier’sche Buchstabensuppe auslöffeln durften, als nahrhafter Kern? Die Renata Salecl von der London School of Economics fühlte sich mal überfordert, als sie sich bei ‚Subway‘ ein Brötchen belegen wollte. Darüber hat sie dann einen Text geschrieben. Welch Skandal! Schon räumen Deutschlands Kolumnisten ihr ganzes Kasperltheater leer, schon kommt das sozialistische Krokodil angewackelt, um uns alle zu fressen … denn der Alexander Marguier isst nicht nur gern bei ‚Subway‘, er fühlt sich dort zumindest auch nicht überfordert.

Bild: Frank Vincentz, wikimedia, GNU-Lizenz

5 Kommentare

  1. Obendrein ist auch noch die Vorstellung vom Krimi als Vehikel des Antikapitalismus ein alter Hut:

    http://blogs.faz.net/chaos/2009/07/13/mises-und-die-detektive-38/

  2. Hoho, man könnte also sagen: So viel Mises war selten in einem Artikel zu finden. 😉

  3. Derrick war in seinen Augen ein dreckskommunistisches Propagandawerk, das uns der öffentlich-rechtliche Linksfunk damals wöchentlich unterjubeln wollte

    So habe ich das noch nie gesehen, vielleicht ist da aber was dran. Nur: wöchentlich lief die Serie – abgesehen von Wiederholungen – leider nicht. Es gibt um die 280 Derrick-Folgen, deren Erstausstrahlungen sich über bald 25 Jahre verteilten, Pi mal Daumen waren es also höchstens monatliche Schulungen. Was vielleicht erklärt, warum sie nirgends hinführten.

  4. Die führten nirgends hin? So’n Quatsch! Eine wahre Leuchte des Abendlandes hat uns doch gerade verklickert, dass ‚Derrick‘ direktemang zur ‚Konsumkritik‘ führte …

  5. Das mag im Prinzip ja richtig sein, aber dass auffällig viele der Abermillionen Derrick-Begeisterten zur Anschlussverwendung als Konsumkritiker fanden, wäre mir als Behauptung jetzt doch zu breitbeinig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑