Stilstand

If your memory serves you well ...

Handlung maßlos überschätzt!

Du weißt gar nicht, wat ich allet erlebt habe“, sagte die Frau meines Cousins oft zu mir, „wenn ich dat allet mal aufschreiben würde, woll, dann wär’ dat’n dicket, spannendes Buch“. Ähnlich wie sie überschätzen viele, die nie geschrieben haben, die Macht der realen Ereignisse und der ablaufenden Handlung. Das äußere Erlebnis oder das Geschehen ist noch längst keine Literatur, eine Erzählung ist keine Nacherzählung.

Im Kern lässt sich erzählende Literatur in zwei Kategorien teilen. 1. In solche, die vor allem oder allein Wert auf die Handlung legt: Von Jerry Cotton über Karl May und Tolkien bis hin zu Rosamunde Pilcher. 2. Und in solche, die vor allem die innere Entwicklung (oder die Nichtentwicklung) einer oder mehrerer Personen ins Zentrum stellt. Darauf aufbauend könnte man auch flapsig eine soziologische Theorie der Literatur formulieren – mit dem Kernsatz: „Handlung ist für Doofe„. Obwohl es natürlich Zwischenformen gibt wie bspw. Henning Mankell, der bei aller Handlung dem Innenleben seines Kommissars Wallander großen Raum gibt, was dann zusammen mit den blutigen Schnetzelarien den besonderen Reiz und Erfolg dieser Krimis ausmacht.

Denke ich aber an „große Romane“, so passiert oft kaum etwas: Im „Zauberberg“ liegen die Protagonisten auf den Balkons des Sanatoriums herum und reden, reden, reden. In Hemingways „Fiesta“ treibt sich die ‚Lost Generation‘ in ununterscheidbaren Pariser Cafés und Nachtbars herum und redet, redet, redet. Am Ende sind sie dann gerade mal bis Pamplona gekommen. In Döblins „Alexanderplatz“ dreht sich Franz Biberkopf wie ein Hamster im Rad der Großstadt Berlin und will in seiner Blödheit nicht akzeptieren, dass er sich dem Schicksal und dem Zerbrochenwerden beugen muss. In Brochs „Tod des Vergil“ stirbt der antike Dichter 24 Stunden lang und über mehr als 500 Seiten höchst erbaulich vor sich hin. Die Ludenwelt in Jean Genets „Notre Dame des Fleurs“ findet zu Anfang im gleichen Knast ihre zweite Heimat wie am Schluss des dicken Romans. Natürlich gibt es Ausnahmen – Tolstois „Krieg und Frieden“ etwa oder Entwicklungsromane wie den „Grünen Heinrich“, im Allgemeinen aber spielt die Handlung auch da längst nicht jene Rolle, die ein naives Vorverständnis erwartet.

Auch in Blogville gibt es einige Menschen, die sich durchaus ‚literarisch‘ betätigen. Sie machen dann meist das, was alle Schriftsteller machen: Wo der Journalist nur das zeigt, was die Menschen tun, da zeigt uns der Schriftsteller mehr, nämlich das, was sich im Kopf der Menschen tut. Hier liegt der entscheidende Graben zwischen dem ‚Berichterstatter‘ und dem ‚Erzähler‘. Letzterer berichtet so, dass wir ‚verstehen‘ können – und zwar das Innenleben und die Motive anderer Leute. Bzw. zeigt uns ein Autor, wie er aus den Gesten und den Worten der Menschen kongenial auf das zurückzuschließen vermag, was sich gedanklich bei diesen Menschen tut. Er lehrt uns dann gewissermaßen Menschenkenntnis. Schöne Beispiele für das Gemeinte finden sich bspw. bei Andrea Diener. Das Beobachtete ist für sie immer nur der Startschuss ausgedehnter Gedankenreisen durch den unbekannten Kontinent im eigenen Kopf …


1 Kommentar

  1. Was für eine Laudatio. Sehr fein.

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