Stilstand

If your memory serves you well ...

Halböffentlich?

Die ersten Sätze entscheiden, ob ein journalistischer Text für mich überhaupt lesbar ist. Denn hier breitet der Autor seine Prämissen vor mir aus. Ein Tisch aber, der auf wackeligen Füßen steht, bricht zusammen, wenn man sich an ihn setzt. Da mag er noch so lecker gedeckt sein. Und vom Fußboden mag ich nicht essen …

Im aktuellen Spiegel (35/2010) findet sich ein Artikel von Reiner Klingholz, immerhin Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in dem er sich mit dem leidigen Thema unseres selbsternannten Genetik-Deterministen Thilo Sarrazin befasst. Unter dem Titel „Ausländer her“ macht der Autor, wiewohl in guter Absicht, schon beim Aufbau so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Da der Text (noch) nicht online steht, zitiere ich hier nach der guten alten Dampflok-Methode aus den Seiten 129 – 131 des gedruckten Spiegel.

Nach dem einleitenden und zutreffenden Vorwurf, Thilo Sarrazin habe mit seinem Buch eine rationale Diskussion über Zuwanderung „abgewürgt“, breitet Klingholz seine krude Einschätzung der entstandenen öffentlichen Lage vor uns aus:

„Denn die Diskutanten hat [Sarrazin] in zwei Lager gespalten: in eine fraktionsübergreifende Entrüstungsfraktion, der sich Personen im öffentlichen Raum nur schwer entziehen können; und in den halböffentlichen Foren-und-Blogger-Stammtisch, der Sarrazin mehrheitlich Beifall zollt.“

Im Folgenden versucht Klingholz dann, eine eigene Position zwischen Baum und Borke einzunehmen. An seiner Exposition dieser publizistischen Frontlage ist aber so ziemlich alles falsch, was falsch sein kann. Zunächst einmal wäre die Entrüstungsfraktion eher eine Pseudo-Entrüstungsfraktion zu nennen, denn jener öffentliche Raum, wo das Mäntelchen der Empörung derzeit besonders munter im Wind des publizistischen Zeitgeistes flattert, findet sich doch auf den Seiten von ‚Spiegel‘, ‚Welt‘ und ‚Bild‘. Die dann gleich im Anschluss wiederum dem im Land der Wissenschaft herumtaumelnden Bundesbankkavalier seitenweise Raum für seine kruden Thesen geben. Garniert natürlich immer mit dem Alibi einer journalistischen Empörungspetersilie. Trotzdem gipfeln die resultierenden Texte allesamt in dem Einwand: Aber hat er nicht doch ein wenig recht und sich nur im Ton vergriffen? Klare Frontstellungen sucht man vergebens, der Thilo Sarrazin gerät in die Rolle eines ‚heimlichen Helden‘ des Schreiberleins, weil der uns endlich mal die Wahrheit sagt – nur hätte er das doch nicht so laut tun müssen. Folgerichtig hat dann in  den Augen der Journalisten die SPD auch ein Problem mit Sarrazin, aber nicht Sarrazin mit der SPD.

Auf der anderen Seite, die Klingholz erwähnt, bei den Bloggern nämlich, ist die Ablehnung des Mannes dagegen geradezu gnadenlos, dazu noch oft mit veritablen Fakten fundiert. Sarrazins selbstgestrickte Mendel’sche Regel, sein bevölkerungspolitischer Determinismus aus des seligen Malthus‘ Zeiten, seine Einteilung der Welt in Brauchbare und Unbrauchbare, dieser gnadenlose Utilitarismus also, sein simpelhaftes Kulturfortpflanzungsgesetz und auch andere höchst wissenschaftsferne Annahmen, denen auch noch so viel Statistik nicht mehr auf gerade Beine hilft, die wurden vor allem von Bloggern seziert. Auch die gebührende satirische Würdigung fand in den Blogs statt, und nicht im gedruckten Medium (Titanic jetzt mal ausgenommen). Jene wenigen Ausnahmen, wie PI, die sich aber an einer Hand abzählen lassen, bestätigen nur die Regel.

In der Folge ertönte der große Begeisterungssturm aller Hirnverbrannten für den Volkshelden Sarrazin auch gar nicht in den Blogs, sondern in den Foren der selbsternannten ‚Qualitätspresse‘. Wer will, soll dies Barrabas-Geschrei des Jubelpöbels in den duftenden Spalten der ‚Welt‘ nachlesen. In Blogville nämlich gewinnen diejenigen regelhaft keinen Blumentopp, die auf Rassismus als bequemste Welterklärung setzen, weil er noch dem Dümmsten Überlegenheit ohne eigenes Zutun verleiht. Die Löschtaste eliminiert jeden Nazi-Troll und Deutschtumsfanatiker im Handumdrehen.

Der Begriff der ‚Halböffentlichkeit‘, den Klingholz verwendet, ließ mich dann den Text in die Ecke schmeißen. Was bitte soll das denn sein? Ist halböffentlich alles, was nicht dadurch eine höhere Weihe erhält, dass es gedruckt oder gesendet wird? Und was wäre dann mit jenen, die Klingholz als ‚Stimme der Vernunft‘ apostrophiert:

„Minderheiten wie der Wirtschaftsminister, die Arbeitgeberverbände der DIHK oder der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau rufen zwar nach neuen Migranten, aber gehört werden sie allem Anschein nach nicht“.

Wie bitte? Ausgerechnet unser weinseliger Brüderle, dieser Hans-Dampf in allen Postillen, würde nicht öffentlich gehört? Ebenso wie diese Verbände, die alle Naslang aus dem Schummerlicht der pr-gepushten ‚Halböffentlichkeit‘ im Sinne Klingholzens auf die Bühne der Großmedien gehievt werden? Auch die fänden kein Gehör? Was für ein hanebüchener Quatsch!

Tscha – und jemand, der seinen Text schon gleich anfangs auf einer faulen, weil selbstgestricken Realität aufbaut, der faktisch so rein gar nichts entspricht, der wird trotz guter Absichten in der Folge auch nicht gelesen. Zumindest nicht von mir … gut gemeint ist nicht gut gemacht.

2 Kommentare

  1. Ich glaube, der meint mit ›halböffentlich‹ etwas, was auch Wörter wie ›Halbwelt‹, oder ›zwielichtig‹ umschreiben.

  2. Wolfgang Hömig-Groß

    2. September 2010 at 0:35

    Tja, mal wieder Danke, ich hätt‘ das einfach so weggelesen. Das Gehirn bildet wohl auch eine Hornhaut.

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