Stilstand

If your memory serves you well ...

Halbfalsch

Als ich von dem großen Lamento hörte, das Frank Schirrmacher in der FAZ über den Medienwandel anstimmt, war ich natürlich auf die neuesten Entwicklungsschritte seit ‚Payback‘ bei Deutschlands letztem Großfeuilletonisten gespannt. Allerdings war ich nicht auf ideologische Halbwahrheiten gleich eingangs im Text gefasst. Dort wird nämlich mit Hilfe einer Binse handfester Unsinn in den Text eingeschmuggelt:

„Im Zeitalter des Internets kann jeder alles sein, Verleger, Lektor, Autor, Journalist. Jeder kann partizipieren, jeder Geld verdienen. Das ist das Mantra.“

Ein Jedermann-Medium ist das Netz tatsächlich geworden, es würde auch ohne Verlage und ohne die Welterklärbären vom Journalismusgewerbe funktionieren. So weit, so gut. Von einem ‚Mantra‘ aber, wonach jeder im Netz Geld verdienen könne, habe ich hingegen seit ungefähr Anno 2005 nie wieder etwas gehört. Das Netz steckt eher voll mit Tausenden von Klageliedern, dass im neuen Medium eben so gar kein Geld zu verdienen sei. Ganz vorne in diesem Orchestergraben übrigens die großen Verlage mit ihren großen Alarmtrompeten. In den Ohren der gewöhnlichen Netzbewohner klingt ‚Geld verdienen im Internet‘ dagegen eher wie das verlogene Mantra aller Drückerkolonnen: ‚Massenhaft Geld verdienen am Telefon‘. Dieses Mantra – wer erinnert sich noch? – war einstmals auf den Anzeigenseiten aller alten Medien daheim, und nahezu die einzigen, die heute noch nach Verdienst-möglichkeiten im Netz fahnden, sind diese Altmedien mit ihrem rastlosen Schrauben an Paywalls, Snippets, Klickwährungen, SEO usw. Diese Gruppe schimpft dann habituell über „lousy pennies“. Der Rest benutzt das Netz und freut sich dran – das eigene Geld aber wird woanders verdient.

Wenn dann noch der CEO eines anerkannt neoliberalen Flaggschiffs in Deutschland über ‚entfesselten Neoliberalismus‘ zetert, allerdings nur dort, wo er auf Amazon, Google und generell das ‚Silicon Valley‘ schaut, dann wird’s für mich ideologisch schräg und doppelbödig. Zum Trost sei ihm gesagt: Nur solange Google uns bessere Resultate liefert als Bing oder Yahoo oder Was-auch-immer, bleibt ihnen die Macht des Gurgelns erhalten. Sollte Google wie ein altes Medium beim Geschäftsmodell und bei der ‚consumer satisfaction‘ schwächeln, also beim schnellen Finden der zutreffendsten Resultate, dann ist es prompt mit der Vorherrschaft auch wieder vorbei, weil alle Macht im Netz auf der Freiwilligkeit und auf dem Nutzen beruht. Wer da versagt, dem ergeht’s wie AOL … und nach dem, was man so hört, schraubt Facebook seit dem Börsengang kräftig und in neoliberaler Geistesverwirrung schon an den Ventilen seines Schlachtschiffs.

Apropos – unter dem Artikel gibt es Lesermeinungen zur Genüge, die das nachlassende Interesse des Publikums an der Zellulosewelt allein dem Journalismus in die Schuhe schieben möchten, weil der sich statt als Aufklärer immer mehr als Dienstleister verstanden hätte, und das auch noch höchst selten am Leser. Diese Kritik übertreibt nur ein wenig …

6 Kommentare

  1. SCH’ISS Captcha !!1!!!1!!!

    Kann man das nicht… woanders? größer? deutlicher?

    (nee, ich schreib meinen mühsam erdachten ursprünglichen kritischen Text wg. „Mantra“ – ist das alles was Sie auszusetzen haben? – nicht nochmal, nein, nein, nein).

  2. Da war das ‚Captcha‘ dann ja zu was gut.

  3. Der Mike – mein Hoster – hat das Dingens nun schon links neben die Absendetaste gepflanzt, so dass man es (eigentlich) erst liest, bevor der Text auf die Reise geht. Obendrüber oder mittendrin hieße für ihn, das ganze Ding umzuprogrammieren.

    ‚Mantra‘ – der Ausdruck, den Schirrmacher für die angeblichen Selbsttäuschungen der ‚Internet-Apostel‘ verwendet – ist ja nun nichts Harmloses oder Vernachlässigenswertes. Semantisch assoziiert das Wort eine Art ‚religiöser Autosuggestion‘, einen ‚frommen Wahn‘, während er vermutlich die eiskalte Klarheit der Aufklärung für sich beansprucht.

  4. In meinen Augen ist ein Mantra eine routinemäßig wiederholte politische oder gesellschaftliche Gesprächsformel.

    So wie die Gebetsmühle in unserer Umgangssprache schon lange nichts mehr mit der Religion in Tibet zu tun hat, ist auch das Mantra längst von seiner religiösen Bedeutung losgelöst.

    Das Mantra der FDP lautete lange Zeit »Steuersenkungen sind gut«, das Mantra der Linkspartei lautet immer noch »Steuererhöhungen sind gut«. Momentan ist es wohl am besten, wenn die Steuersätze so bleiben, wie sie sind – ohne daraus ein Mantra machen zu wollen.

    PS: Das Kästchen für das Ergebnis der kleinen Rechenaufgabe sitzt einfach zu tief. Wenn es auf der Höhe der Schaltfläche »Kommentar senden« angebracht wäre, könnte man es nicht so einfach übersehen. Den *Text* neben einer solchen Schaltfläche liest nämlich niemand.

  5. Schon recht – es gibt auch diesen übertragenen Sinn im weltlich-religiösen Bereich: ‚Steuern senken‘ wäre dann das ‚Om mani padme hum‘ aller Knall-Liberalen. Man könnte es metaphorisch aber auch als Krankheitsbild betrachten und von ‚Westerwellitis‘ sprechen.

    Frank Schirrmacher behauptet dort oben aber, dass es zum leiernden Rosenkranz der Internet-Apologeten auch gehören würde, dass „jeder im Netz Geld verdienen“ könne. Die Aussage steht dort – und sie ist Bullshit, zumindest habe ich davon in den letzten Jahren im großen, weiten Netz nicht viel gehört – ungefähr seit die StudiVZ-Macher ein letztes Mal bei Holtzbrinck absahnen durften. Faktisch wissen doch alle, dass noch nicht einmal der Wolfgang Blau nennenswerte Erlöse im Netz erzielt hat, was Schirrmacher dem entfleuchten Zeit-Mann ja zwei Absätze weiter dann wieder zum Vorwurf macht. So etwas nenne ich argumentativ inkonsistent.

    Sie sehen einfach nicht, dass es statt der alten ‚Geschäftsmodelle‘ im Netz jetzt ‚Geschäftsunikate‘ gibt, weil alles Gute und Funktionierende weltweit präsent ist. Es gibt dadurch keine Marktbereiche und Eunflusszonen mehr, ein Google reicht weltweit, ein Facebook reicht, ein Amazon reicht. Und dadurch gibt’s auch nur noch Bedarf für einen Sugar Daddy …

    Persönlich sehe ich das ganze große Gesumms eher so, dass die Zeit der bürgerlichen Presse abläuft, so wie es der Georg Seeßlen dort beschreibt. Das wird sich allerdings noch einige Zeit hinziehen …

    Wegen dem Captcha werde ich noch mal mit Mike reden …

  6. Wer ein Zitat nicht dort abschneidet, wo der Gedenken weitergeht, erfährt ganz ummo, was hier halbfalschund halblang gedrechselt wird:
    Sch.: „(…) Das ist das Mantra. Dass keine dieser Aussagen stimmt, ist offensichtlich. Und wenn sie trotzdem immer noch nachgeplappert werden, stellt sich die Frage: Wer profitiert eigentlich von dieser Ideologie? Und was bedeutet das für die Zeitungen?“

    Dass Schirrschmieder kaum die richtigen Fragen und darob noch weniger angemessene Antworten geben kann, liegt an etlichen zeitlichen und operationalen Behinderungen, über die ich hier mciht loslegen mag…

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