Stilstand

If your memory serves you well ...

Hättest du geschwiegen …

Mein Lieblings-Intelligenzler im geradezu alpinen Feuilleton-Gebirge deutscher Hochkultur, der Wolfgang Bok also, schrieb uns im ‚Cicero‘, diesem ebenso avantgardistischen wie frechen Magazin für gehobene Ansprüche, folgendes aufs Brötchen:

„In seinen „Moralischen Schriften“ listet Umberto Eco insgesamt 14 Merkmale des Faschismus auf, die weitgehend auf Putins Herrschaftsgebaren zutreffen … Der Faschismus lebe, so der italienische Literat („Momo“) und Philosoph, „von der Obsession, die anderen hätten sich gegen ihn verschworen“.

Auch Johann Wolfgang von Goethe schrieb bereits in einem seiner Hauptwerke („Durchs wilde Kurdistan“): „Wenn einer, der mit Mühe kaum gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär‘, so irrt sich der“.

15 Kommentare

  1. Hihi. Dazu passt irgendwie, dass ich neulich – warum auch immer – an ein Hauptwerk von Erich Kästner denken musste: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“.

  2. Darauf hat schon Joachim Fest in seiner Hitler-Biografie verwiesen und festgestellt, dass es der große Coup der Linken nach 1945 gewesen sei, Hitler dem konservativen Lager zuzurechnen, obwohl er er sich doch als nationaler Sozialist verstanden habe.

    Die relevanten Passagen aus Fests Biografie zitiert Jürgen Langowski auf seiner h-ref-Seite:

    Als Strasser ihm nach bewegter Diskussion die Kardinalfrage stellte, ob im Falle einer Machtübernahme die Produktionsverhältnisse unverändert blieben, antwortete Hitler: „Aber selbstverständlich. Glauben Sie denn, ich bin wahnsinnig, die Wirtschaft zu zerstören? Nur wenn die Leute nicht im Interesse der Nation handeln würden, dann würde der Staat eingreifen. Dazu bedarf es aber keiner Enteignung und keines Mitbestimmungsrechtes.“ (S. 392)

    ***

    Das linke Etikett trug diese Ideologie vor allem aus machttaktischen Erwägungen
    (…)
    im Jahre 1930 war die NSDAP nach der Vorstellung Hitlers „sozialistisch“, um sich den Stimmungswert einer populären Vokabel zunutze zu machen
    (…)
    Wie das Bekenntnis zur Tradition, zu konservativen Wertvorstellungen oder zum Christentum gehörten die sozialistischen Parolen ins manipulationsfähige Vorfeld, das der Tarnung, der Verwirrung diente und nach Opportunitätsmotiven mit wechselnden Schlagwörtern bestückt war. Wie zynisch zumindest an der Spitze die Programmgrundsätze mißachtet wurden, erfuhr einer der jungen enthusiastischen Überläufer zur Partei im Gespräch mit Goebbels; auf die Bemerkung, daß Feders Brechung der Zinsknechtschaft doch ein Element des Sozialismus enthalte, bekam er zur Antwort, brechen müsse höchstens der, der diesen Unsinn anhöre. (S. 393)

    ***

    Am 4. Juli [1930/JL] verkündeten daraufhin Otto Strassers Zeitungen: „Die Sozialisten verlassen die NSDAP!“ Aber kaum jemand folgte ihm, die Partei besaß, so stellte sich heraus, fast keine Sozialisten und überhaupt kaum Menschen, die ihr politisches Verhalten theoretisch gedeutet wissen wollten.
    (…)
    Das Ausscheiden Otto Strassers beendete nicht nur ein für allemal den sozialistischen Grundsatzstreit in der NSDAP, es bedeutete auch einen erheblichen Machtverlust für Gregor Strasser, der seither keine Hausmacht und keine Zeitung mehr besaß. (S. 394f)

    http://www.h-ref.de/organisationen/nsdap/nazis-sozialisten.php

    Und vermutlich ging es eh nur darum, den Globalisierungskritikern eins reinzuwürgen:

    Heute kämpfen vermeintlich Linke wie Rechte gemeinsam gegen die Globalisierung, und aktuell natürlich gegen das Freihandelsabkommens TTIP.

    Wer gegen TTIP ist, jubelt Putin zu und frißt kleine Judenkinder…

  3. ahem, „momo“???????

    tickt der noch, das war michael ende und mehr scheint er ja auch nicht gelesen zu haben. weia, ich falle gleich tot um …

  4. @markazero

    sorry, zu früh für mich deinen feinen humor direkt erkannt zu haben. so radikal lächerlich hat sich ein cicero autor AFAIK noch nicht gemacht.

  5. Wo er allerdings recht hat, hat er recht.

    In Putins Regime lassen sich tatsächliche jene Merkmale des Urfaschismus wiederfinden, die Umberto Eco hier aufgelistet hat:

    http://www.zeit.de/1995/28/Urfaschismus/komplettansicht

  6. @ sol1: Man könnte sagen, ihm sei auch einmal ein gutes Buch in die Hände gefallen … gegen Eco und dessen Gedanken ist ja nichts zu sagen. 😉

  7. @klaus

    [..] gegen Eco und dessen Gedanken ist ja nichts zu sagen

    daran solltest du nicht mal denken.

    eco ist definitiv einer meiner säulenheiligen, es dürfte wohl gerade kaum einen auf dem planeten geben, der ihm das wasser reichen kann.

    ich kann allen nur die lektüre der „einführung in die semiotik“ empfehlen. das hat jedenfalls mein leben und denken komplett verändert, einmal abgesehen davon, daß ich „der name der rose“ für das schönste und klügste buch halte, daß ich je gelesen habe.

    man kann das böse nur besiegen, wenn man es auslacht.

    gibt es eine schönere einsicht? ich kenne keine.

  8. Mir gefiel am besten, wie er in ‚Foucaults Pendel‘ einen einfachen Pariser Tabakkiosk oder so auseinandernahm, um an dessen ’sinnigen Maßen‘ von Pi über das Datum des Weltuntergangs bis zur Mondentfernung alle Eso-Theorien der Pyramiden-, Stonehenge- und Maya-Gläubigen mittels mathematischer Ableitungen zu veralbern. Seitdem weiß ich, dass der Sinn nicht in den Dingen liegt, sondern im Kopf des Betrachters.

    Das ist jetzt ein wenig aus dem Gedächtnis zitiert, es ist bald 20 Jahre her, seit ich das las …

  9. klaus,

    das pendel ist ja sozusagen die blaupause für alles, was wir gerade erleben: menschen denken sich eine finstere verschwörung aus, die es eigentlich so nicht gibt … und werden dann von ihr gefressen.

    hast du den „friedhof von prag“ gelesen? mit den romanen vorher hatte ich so meine probleme, aber der „friedhof“ hat dann doch wieder mein herz im sturme robert – das ist eco at it’s best, wissen vermitteln, indem man eine spannende geschichte erzählt.

  10. aber dein hinweis auf das pendel war wahrschinlich ein versteckter joke – er hat ja mittlerweile „momo“ durch „das pendel“ ersetzt, mal gespannt, ob er irgendwann ma entdeckt, daß dieser (bescheuerte) film über ein paar morde unter mönchen auf einer geschichte von eco beruht 😉

  11. Ich bin irgendwann in der ‚Insel des vorigen Tages‘ vor Langeweile fast gestorben, seither habe ich nichts mehr von Eco gelesen.

    Da muss ihm beim Cicero wohl jemand was gesteckt haben … 😉

  12. ja, die insel und „königin loana“ waren auch nicht so meins … aber „baudolino“ ist witzig, das hörspiel ist auch toll. der friedhof war dann wieder das, was ich mir von ihm erhoffe.

  13. und, äh, du weisst schon, daß der „friedhof“ sozusagen die genese des „die weisen von zion“ traktats bis ins kleinste detail nachvollzieht, das könnte durchaus was sein, was dich interessieren könnte. aber das war wahrscheinlich eulen nach athen …

  14. Der deutsche Literat Johann Wolfgang von G. schrieb in seinem italienischen Reiseführer (“Wie man mit einem Lachs verreist“) den denkwürdigen Satz:
    »Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte liest, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.«

  15. @ nömix: Dies Literatenpack! 😉

    Mir fällt da noch einer ein: „Manchmal fällt das Denken schwer, indes / das Schreiben geht auch ohne es.“

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