Stilstand

If your memory serves you well ...

Gut gemeint …

Es gibt Anliegen, die ich ohne weiteres unterstützen könnte. Inhaltlich, meine ich. Die aber trotzdem sprachlich jedes aktivierende Niveau derart seditativ unterschreiten, dass mir an meiner eigenen Ermüdung ihr Schicksal vorab klar wird. Zu dieser Kategorie zähle ich auch jenen Aufruf, den knapp vierzig Akademiker, vor allem aus Berlin, gestern in der taz veröffentlichten. Darunter viele der üblichen Verdächtigen: Konstantin Wecker, Hannes Wader, Prof. Grottian, Johano Strasser usw. Der Aufruf ist – bezeichnend für seinen steinzeitlichen Charakter – noch nicht einmal im Netz zu finden. Einen Artikel aus Holzhausen fand ich, der sich mit diesem Gallimatthias befasst – und bei Indymedia steht auch noch was. Das nenne ich mediale Breitenwirkung!

Gut gemeint ist nicht gut gemacht„, pflegte mein weiser Opa zu sagen. Schon in der Headline geht es schnurstracks ans Eingemachte: Weil jeder Beteiligte ’sich im Aufruf wiederfinden muss‘, bekanntlich Sinn und Zweck aller Aktionsbündnisse, gilt es zunächst einmal, das assortierte Gute vielzeilig zu umschlingen. Nur dass leider jede Headline auf den Marathon-Strecken ihre Griffigkeit und Schlagkraft komplett verliert. Statt schlicht zu sagen „Gerechtigkeit ist machbar!“ oder etwas anderes maximal Dreiwörtiges, was sich ein Mensch auch merken könnte, da heißt es im schönsten Bots-Stil:

„Aufstehen zu einem langen Frühjahr der Politisierung und Mobilisierung – für soziale Mindeststandards: Menschen-würdige Grundsicherung, gesetzliche Mindestlöhne, solidarische Arbeitsumverteilung – mit Demonstrationen, Streiks und zivilem Ungehorsam!“.

Viele Worte, wenig drin ...

Viele Worte, wenig drin ...

Unterzeichnet haben den großen Aufruf zum Aufstehen dann, laut Selbsteinschätzung, „Publizisten, Wissenschaftler und Personen, die das kulturelle Kapital mehren„.  Aha, verstehe – Kulturkapitalisten also! Jetzt also stehen sie da, weil sie aufgestanden sind. Und nun? Drei Gedächtnisminuten?

Ich bin leider so blöd und unbelehrbar, dass ich zumindest von ‚Publizisten‘ und ‚Wissenschaftlern‘ erwarte, dass sie auch den einen oder anderen geraden Satz manchmal auf die Reihe bekommen sollten. Doch schnell ‚ließ ich fahren alle Hoffnung dahin‘, der folgende O-Ton klingt nämlich so:

„Der Staat gleicht einem Gummilöwen, der so tut, als ob er Herr der Lage sei, während die ökonomischen Interessen der Finanzstarken ihre neuen neoliberalen Furchen ziehen.“

Die visuelle Vorstellung des Gemeinten löste in mir zunächst Lachkrämpfe aus, bittere Lachkrämpfe wohlgemerkt – doch inhaltlich rumorte es auch: Ich fragte mich, ob nicht diese ‚Ackermänner‘, die der Schreiber dort so brav hinter dem Pflug schon wieder ihre neoliberalen Furchen ziehen sieht, ob die sich nicht derzeit vor allem dadurch auszeichnen, dass sie eher gar keine Furchen mehr ziehen. Der plötzliche Stillstand ist doch das überragende visuelle Kennzeichen dieser Finanzkrise: Die Schiffe liegen in den Häfen, die Autos stehen auf Halde, die Börsenjobber auf dem Parkett gähnen, dass es Gott erbarmt. Kurzum; die Finanzstarken sind damit beschäftigt, sich vor sich selbst in Sicherheit zu bringen, das gesellschaftliche Lenkrad ist gewissermaßen verwaist: Der Neoliberalismus hat eine Vollbremsung gemacht und ist aus dem Auto gesprungen, weil ihm eine Pleitebank namens Lehman Bros. wie dem Hamlet der Geist erschien – seither riecht es auf allen Vorstandsetagen stark nach verbranntem Gummi. Um selbst auch mal ein schiefes Bild gegen diesen schrägen Gummilöwen dort oben zu setzen.

Die Stilblüten fallen in der Folge dicht an dicht, wie Rosen auf einer türkischen Hochzeit: „Die Krisen werden ohne das Volk von oben weggeredet„. Ja, Herrgottsack, wäre es denn besser, sie würden stattdessen ‚mit dem Volk‘ weggeredet? – „Neoliberal verstockt versuchen die Staatsakteure, die Struktur der Privatheit globaler Ökonomien und ihrer nationalstaatlichen Dependenzen zu erhalten, indem sie ins hochverschuldete Staatssäckel greifen„. Jaja, diese Staatsschauspieler, die beherrschen also angeblich die Kunst, aus einem leeren Beutel noch einen Gewinn zu ziehen? – Und „die Subvention (würde) … auf dem Rücken der Armen ausgetragen“ – Wie viele Monate denn noch bis zur Geburt, bitte?

Ich könnte so fortfahren, aber der Text ermüdet doch sehr. Eine graue Wüste muss der Leser hier durchwandern, viel Schweiß gibt’s und wenig Sinn, er kämpft sich durch einen verbalen Wurstdarm, bevor er am Ende in unbändigen Aktivismus verfallen soll: „Stehen wir also gemeinsam auf!“ Ich bin weiß Gott kein Rechter, aber die Frage ‚Und dann?‘ muss doch erlaubt bleiben. Ich bin auch kein Anhänger des marktradikalen Chics, kein wohlfeiler Spötter übers Gutmenschentum – aber wenn die Gegenbewegung nicht endlich lernt, ein wenig besser zu schreiben und sich im Interesse der Sache kurz zu fassen, dann wird das mit ihr mal wieder nichts werden …

5 Kommentare

  1. Zwischenfrage: Was genau wollen die Wecker unserer Zeit?

  2. Alle müssen sie aufstehen – aber bitte nicht zu früh.

  3. Erinnert das nicht an Loriot?
    In einem seiner beiden Filme geht er zum Vereins-Treffen in ein Lokal und diese kleine Gruppe einigt sich langwierig und immer absurder für eine einzige programmatischen Überschrift, die ALLES an Ziel und Programm des Vereins (und alle möglichen p.c.-Fallen vorausahnend: Umwelt, Frauen…) beinhalten soll. Erfolgreich! Aber…

  4. Klaus, verstehe ich das so, dass der unverständliche Text seinen lauen Inhalt versucht zu verstecken?

    Dazu eines meiner Lieblingszitate: Worte eignen sich nicht als Versteck; Worte entlarven. [D.A. Wien]

  5. @ Dierk: Das mit der Entlarvung ist wohl so, wenn du dich hellwach und konzentriert auf die Wortwörtlichkeit eines Textes einlässt. Die meisten Menschen aber lesen ja nicht so, sondern sehr viel oberflächlicher, die Augen scannen die Zeilen diagonal ab. Da kommt es auf die richtigen Reizwörter an. Außerdem gibt es auch noch unverständliche Texte, die gar keinen Inhalt haben.

    Für mich ist dieser Text der kleinste gemeinsame Nenner, auf den eine ziemlich heterogene, wiewohl gutmeinende Truppe sich einigen konnte. Die Vagheit und die ‚Dickschiffwörter‘ verschleiern vor allem die Differenzen. Es fehlt jede klare Handlungsanweisung oder Perspektive, wie man bspw. zu dieser ‚menschenwürdigen Grundsicherung‘ zu gelangen gedenkt. Durch solche Texte sicherlich nicht … und vermutlich wüssten sie auch keine Antwort, befragte man sie. Aber darum ging’s ihnen ja auch nicht, es ging darum, dass möglichst viele unterschreiben. Der ganze Sinn dieses Textes – das sind die Namen am Ende.

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