Stilstand

If your memory serves you well ...

Grauen – ganz ohne Burgruinen

Oft ist Blogville von den „Nachtseiten“ des Lebens fasziniert. Schlaflose, Mondsüchtige, Leichenwagenfahrer und andere Thrill-Freunde tummeln sich in den Blogs, vielerorts scheint es, es sei Zeit, auch in Bildern makabrem Schmerz zu frönen. Wie aber schreibt der stilbewusste Blogger ‚unheimlich‘ genug, um Leser auf die dunkle Seite zu führen?

Johann Heinrich Füssli, 1802

Johann Heinrich Füssli, 1802

Krächzende Käuzchen auf verwitterten Burgruinen, ächzende Falltüren, frisch aufgeschaufelte Gräber unter dem bleichen Vollmond und klirrende Ketten in düsteren Verliesen – all das abgenudelte Dracula-Instrumentarium – das mag zu Conan Doyle’s Zeiten noch am Platz gewesen sein, heute ist so etwas literarisches Disneyland. Es ist eher lächerlich und mehr comichaft als schaurig.

Der wirkliche Grusel spielt heute: Hannibal Lecter in ‚Das Schweigen der Lämmer‘ metzelt sich mitten durch unsere High Society, in Spielbergs ‚Duell‘ ist statt eines Frankenstein ein dieselstinkender Lastwagen zum Monster geworden, bestenfalls kommen noch mal ein paar stark angegangene Seeleute in die Gegenwart mit ihren Radiostationen hineingewankt wie in Carpenter’s ‚The Fog‘. So etwas aber wirkt schon recht bemüht und trägt grüne Patina.

Der erste übrigens, der literarisch den großen Schrecken in die Normalität überführte, zugleich für mich das große Vorbild des Genres, ist Fjodor Dostojewski. Nur selten wird er im Zusammenhang mit der ‚Horror-Literatur‘ genannt, weil Dostojewski zugleich anerkannte ‚Weltliteratur‘ verfasste, und die Damen und Herren Slavisten ihre Genies nicht gern mit den Schmuddelkindern aus der Trivialliteratur spielen lassen. Dabei konnte Dostojewski alle Register auf der Thrill-Orgel ziehen – zehn Jahre Gefangenenlager in Sibirien hatten ihn mit allen Nachtseiten der menschlichen Existenz vertraut gemacht. Ein ideales Beispiel also, um gewisse Pony-Tricks des Genres mal exemplarisch vorzuführen.

Zunächst verändert sich die gewohnte literarische Kulisse bei Dostojewski, es geht nicht mehr hinaus zu magischen Orten oder verwunschenen Burgen, dreckige, eklige, verderbte Winkel der Stadt ersetzen die naturzerzauste Landschaft, das Gewitter oder den wolfsdurchheulten Vollmondhimmel: „Draußen auf den Straßen war eine furchtbare Hitze, eine dumpfe Schwüle, ein Gedränge sondergleichen, ein Gewirr von Gerüsten, Kalk, Ziegeln und Staub, und dann dieser besondere Petersburger Sommergeruch …„. Leitmotivisch umgibt die fiebrige Hitze der Großstadt den ganzen langen Roman hindurch die Antihelden in ‚Schuld und Sühne‘, Schauplatz des ersten ‚Mordfalls aus Ideologie‘ und der frühesten Diskussion ‚lebensunwerten Lebens‘ in der Weltliteratur. Im ‚Idioten‘ dann ist der Schimmel, die Nässe und der Nebel an die Stelle der Petersburger Hitze getreten: „Die Luft war nasskalt und neblig, und der Morgen konnte sich nur mühsam zur Geltung bringen. … aller Gesichter waren blassgrün wie der Nebel„. Lebende Leichen rollen auf diesem Zug in die Großstadt ein – und sie agieren auch so, bis auf diesen einen Lebendiggebliebenen, der aber allen anderen deshalb als ‚Idiot‘ erscheint. Eine durchgängige Atmosphäre muss also her – wie bei Lovecraft der Fischgeruch und die feuchte Algenlandschaft – das ist eine erste Bedingung.

Klar ist angesichts dieser Schilderungen bei Dostojevski auch, dass es sich um theatralische Kulissen handelt. Einige wenige, glühende Striche wie bei einem Bühnenbild charakterisieren die Szenerie, sie illustrieren kein umfassendes, detailreiches Bild. Schrill, übertrieben, expressionistisch sind die Farben gewählt, jeder Satz ist ein Symbol. Auch die Redeweise der Personen ist bühnentypisch eher fiebrig als episch: Abgerissen, fahrig, visionär, ad hoc verfertigt sind die Gedanken, die eher Gedankenfetzen sind. Die Personen widersprechen sich permanent, ihre Stimmungslage schwankt. Zweite Regel daher: Keine Angst vor ‚dialogischen Knalleffekten‘.

Diese Widersprüchlichkeit der Personen folgt aus einer der berühmtesten Erfindungen Dostojewskis: dem ‚Mischcharakter‘: Die Bösen sind hier nicht mehr böse, die Guten nicht mehr gut. Sie alle sind mal dies, mal das. Das Böse ist momenthaft, abhängig von dem, was gerade gedacht wird. Der alte Karamasoff ist zugleich ein versoffener Heiliger und ein Kinderschänder. Raskolnikoff ist ein Sensibelchen und ein Mörder. Die Folge: Kein Schriftsteller darf heute noch ganz in schwarz und weiß schreiben, das ist zum Reservat der Superman-Hefte und der Sonntagsschultexte orthodoxer Bibelkreise geworden. Oder aber, die Texte richten sich an die Schlichten im Geiste, an Jerry-Cotton-Leser oder Edgar-Wallace-Addicts (nebenbei: dieser Literatur-Fabrikant hatte ein ‚plot-wheel‘ entwickelt, das er drehte, wenn er nicht mehr weiter wusste, bei jeder Drehung gab das Rad eine vorkonfektionierte Anschlusshandlung frei: ein weiterer Mord geschieht, noch eine Jungfrau wird entführt, eine Bombe explodiert, schon wieder wird eine Leiche gefunden, Kinski kichert etc.). Dritte Regel also: Keine Typen, keine Bestien, keine Frösche mit der Maske, keine Entmenschlichung, sondern immer die ganze Komplexität eines facettenreichen Charakters.

Aubrey Beardsley: Illustration zu Edgar Allan Poe

Aubrey Beardsley: Illustration zu Edgar Allan Poe

Im ernstzunehmenden Horror-Genre ist das ‚absolut Böse‘ heute höchstens noch bei Rocky oder bei Schwarzenegger & Co. zu finden. Schon ein Graf Dracula ist mehr als ein platter Blutsauger, er ist zugleich eine traurige Gestalt, der den Tag nie mehr erblicken wird, voll tränenreich-operettenhafter Züge, die ihn musical-tauglich machen. Der Gang-Anführer in Kubricks ‚Clockwork Orange‘ vergewaltigt und mordet ja eben nicht wie ein Tier oder wie eine Maschine, er ist zugleich ein feinfühliger Bildungsbürger, der sich an den Bildungsbürgern rächt, und dabei Beethoven hört und Schopenhauer liest. Selbst ‚Christine‘, das mörderische Auto bei Stephen King, ist menschlicher Gefühle fähig. Und dieser eingangs erwähnte Hannibal Lecter, der blutige Sadist, ist zugleich ein höchst rationaler Psychiater und Aufklärer, der die Menschen, die ihn verhören, an deren Abgründe führt. Vierte Regel: Führe den Leser an das eigene ‚Böse‘, dort spielt die Musik.

Kurzum: Auch derjenige, der heute mit dem Schrecken spielt, kommt nicht umhin, uns Menschen zu liefern, statt all der Superhelden, Ghostbuster und Pappkameraden, statt der öden Heidelandschaften und neblichten Friedhöfe, über welche die Zombies irren. Aller echter Horror ist Psychologie.

2 Kommentare

  1. Der Film in dem Hannibal Lecter sein Unwesen treibt heißt „Das Schweigen der Lämmer“. Allerdings sitzt Thomas Harris‘ Figur dort in Einzelhaft und gibt einer FBI-Mitarbeiterin Rätsel auf, die einen Serienmörder zu fangen versucht. Der aber metzelt nicht in der High Society, sondern will sich einen Anzug aus Frauenhaut schneidern deren gesellschaftliche Herkunft ihn nicht interessiert.

    Mit verchromter Axt und Kettensäge rückt den oberen Zehntausend eher Patric Bateman zuleibe — allerdings in „American Psycho“.

  2. Oops – korrigiert. Man sollte doch mehr Kino gucken. Ich hatte aus alten Zeiten nämlich eher Harris‘ Buchvorlagen im Kopf, wo der werte Herr Psychiater auf ziemlich blutige Weise zu reichen Erbschaften kommt.

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