Stilstand

If your memory serves you well ...

Grasses Versmaß

Mal ehrlich, trotz meiner gelegentlichen Sympathien für die Inhalte, von der Metrik versteht der Günter Grass nicht allzu viel. Das klappert und klöppelt durch die Bottnik, bis man das intendierte Gedicht nur am Zeilenumbruch noch erkennt:

Als Schúldner náckt an den Pránger gestéllt,
léidet ein Lánd, dem Dánk zu schúlden Dír Rédensárt wár. …

Sáuf endlich, sáuf! schréien der Kómmissáre Claquéure,
doch zórnig gíbt Sókrates Dír den Bécher rándvoll zurúeck.

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Mit Verlaub – ein Gedicht weist sich nicht dadurch aus, dass keine Strophe der nächsten gleicht. Anders ausgedrückt: Die Prosa bleibe dein Revier. Doppelhebungen jedenfalls waren weder im 18. noch im 21. Jahrhundert erlaubt, weil sie nachweislich zur Schnappatmung führen. Oder man landet ersatzweise mit der Hebung auf eher sinnentleerten Silben wie z.B. hier dem ‚war‘. Dann klingt’s wie ‚Erstklässler lesen den Erlkönig‘ …

9 Kommentare

  1. Dio mio,

    intendiert ist ein Variationsspiel im Fundus „elegisches Distichon“.
    Darüber kann man dann -ist die Analyse vonstatten – trefflich streiten und werten.,

  2. Additum, prototypisches Distichon sieht so aus:

    A classical metric form is the distichon, consisting of a hexameter, a six footed metric line, and a pentameter, a five footed metric line.
    Both lines are dactylic ( _ ..) or spondeic ( _ _ ) in structure, i.e. the feet consists of syllables grouped in the following pattern: „long-short-short“ or „long-long“.

    The pentameter, however, is not a sequence of five times a dactylus, like the hexameter is a sequence of six times a dactylus, it is two times two and a half dactylus with a caesura, a pause, in the middle.

    Thus, the distichon looks like this (in a scheme):
    _ ..| _ ..| _ ..| _ ..| _ ..| _ x||
    (or variations with spondei) -> hexameter
    _ ..| _ ..| _ || _ ..| _ ..| _ || -> pentameter

  3. Ja, aber das Gesagte gilt aber dann doch eher für das Versmaß der Antike, wo man (noch) nicht Hebung und Senkung (bzw. Betonung u. Nichtbetonung) unterschied, sondern stur nach Kürze und Länge der Silben entschied. Zwei aufeinanderfolgende Längen klängen im Deutschen auch eher nach dem Leierton der Beerdigungsredner: „Die Familie traf ein seeeehr schweeeeres Schicksal …“

    In einem deutschen Distichon fiele die Betonung dagegen häufig auf die eher kurzen Silben, sofern es denn semantisch sinntragende sind – also so wie in diesem parodistischen Merkvers:

    „Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Luft ein,
    Im Pentameter drauf lässt er sie wieder hinaus.“
    (Matthias Claudius)

    Wie auch immer dies faktisch sei – sollte der Danziger sich an Distichen versucht haben, sind es – freundlich gesagt – keine nobelpreisverdächtigen. Eher so etwas:

    „Im Hexameter spornt er fröhlich den Dilettantismus,
    Im Pentameter drauf wischt er ihm Schweiß von der Stirn.“

  4. Potz Hebungsprall und spondeusnahe (ooohweh) Reaktionen auf den Satz vom wenig Ahnung habenden Metrikdummy Grass:
    Was mögen das bloß für Skandierungen sein, die da oben bei den ersten vier Zeilen des Zeilenumbruchs auf den lernfreudigen Leser lauern?

    Wie ein ragender Turm mag Jarchow manchen erscheinen.
    Wahrlich sein Wissen ist Gold: keiner wohl weiß, was er weiß.

  5. Tscha, spondäisch ‚ooohweeeh‘ und ‚aiiwaiii‘ geschrien! Es nützt nämlich alles nichts – dieser Pentameter, seinem irreführenden Namen zum Trotz, hoppelt uns zumeist auf sechs Hebungen quer durch die reine Lehre. 😉

  6. Ok, also nochmal, inwiefern wird in dieser Skandierung Grassens Gevierzeile abgebildet?

    Als Schúldner náckt an den Pránger gestéllt,
    léidet ein Lánd, dem Dánk zu schúlden Dír Rédensárt wár. …

    Sáuf endlich, sáuf! schréien der Kómmissáre Claquéure,
    doch zórnig gíbt Sókrates Dír den Bécher rándvoll zurúeck.

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    Dann:
    Wie bekannt, ne vertraut ist dem Schreiber, dass in der antiken Metrik das quantitierende Prinzip mit dem poetischen Akzent, dem Iktus, kombiniert war.

    Wie vertraut ist ihm, dass (seit Klopstock) die Korrespondenz von druckstarken, hebungsfähigen Silben und dem klassischen Iktus propagiert wird.

    Wie vertraut mag ihm sein, dass der überwiegend daktylische Versfuß bei Grass recht gut mit Füllungsfreiheiten operiert. Und dass er mit vierhebigen bis sechshebigen Verszeilen arbeitet, keineswegs etwas Obsoletes.

    Und warum nur diese seltsame prätendierte, so wenig funiderte Süffisanz gegenüber dem Text? Das sind die Selbstschüsse, die zu allem Überfluss nach hinten losgehen und – als Leuchtraketen – im Netz kaum zu übersehen sind.

    Ächz, was mag bloß die „reine Lehre“ sein?

  7. Ich habe – ehrlich gesagt – keine Ahnung, wie vertraut dem Grass es gewesen sein mag, dass in der antiken Metrik das quantitierende Prinzip (hat das was mit Füßen zu tun?) mit dem poetischen Akzent, dem Iktus kombiniert war. Am besten, Sie fragen ihn selbst.

  8. bei Grass ist dieses wissen recht wahrscheinlich vorhanden, man vergleiche die ersten Kapitel des „Treffens in Telgte“.

    aber selbst wenn dieses wissen nicht vorhanden wäre, bei Grass.
    die frage mit dem Hinweis an den Schreiber richtet sich an j., den Gotthelfspezialisten und germanisten

  9. Klaus Jarchow

    30. Mai 2012 at 9:29

    Ach, wissen Sie: Ich schreibe lieber, Grass wohl auch, Sie hingegen … sollten vielleicht mal ein unterrichtsbefreites Blog aufmachen und gucken, ob jenseits aller Steißpaukerei noch was zu sagen bliebe, und ob jemand vorbeikommt.

    Nil habet infelix paupertas durius in se quam quod ridiculos homines fecit.

    – – – Ende – – –

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