Stilstand

If your memory serves you well ...

Grabrede auf die Demokratie

Mit Jesuitismus kennt er sich ja aus – Rainer Hank, der Wirtschafts-Guru der ‚Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‘ (FAS). Schließlich lehrte er fünf Jahre beim ‚Cusanuswerk‘, der Elitenschmiede des Vatikan in Deutschland. Weshalb er sich aber ins Gebiet der politischen Theorien verstieg, bleibt sein Geheimnis: Si tacuisses …

Interessant aber ist dieser Text, der jetzt im Führungsorgan der deutschen Großbourgeoisie erschien, um einmal zu verfolgen, wie sehr sich solche Großmeister des Elitarismus inzwischen von demokratischen Positionen verabschiedet haben. Rainer Hank hält dort eine „Grabrede auf den Liberalismus“, aber nicht um in das allgemeine Westerwelle-Bashing einzufallen, sondern um uns zu zeigen, wie sehr doch der Liberalismus seine antidemokratischen Wurzeln verraten habe, zu denen es dann wohl zurückzukehren gelte.

Wie üblich im konservativen Diskurs umgibt er sich zu diesem Zweck mit einer Reihe ‚historischer Kronzeugen‘, auf die er sich als zitateliefernde Autoritäten stützt. An erster Stelle natürlich Friedrich Naumann, nach dem die Restliberalen noch heute ihre Stiftung benennen. Wobei Hank aber ganz vergisst, dass Naumann nicht nur ein Annexionist und Defaitist war, sondern innen- und sozialpolitisch den Ausbau des Sozialstaates forderte, und für jenes Bündnis aus Arbeiterbewegung und demokratischem Bürgertum stand, das heute bei der FDP so ganz in Vergessenheit geraten zu sein scheint – trotz Lindners „mitfühlendem Liberalismus“, der aber bisher eher eine Papierformel bleibt, die keinerlei Taten zeugt.

Der ‚Schrumpfzustand‘, konstatiert Hank, sei für den Liberalismus eher ein Normalzustand, weil der wahre Liberalismus doch antidemokratisch sei und auf eine Herrschaft weniger Besitzender hinauslaufe. Seine ganze Moral bestünde deshalb in der Ablehnung allen Zwangs beim Wirtschaften, euphemistisch und aus Wählbarkeitsgründen auch ‚Freiheit‘ genannt. Offene Worte!

Mit einem solch negativen Freiheitsbegriff könne aber die blöde Menge, diese ’swinish multitude‘, nun mal nichts anfangen, deshalb wende sie immer eine mächtige und destruktive Waffe gegen dieses höchst vernünftige Prinzip – die verderbliche Moral:

„Der Antiliberalismus und Antikapitalismus der Mehrheit stört sich nicht nur an der Glanzlosigkeit der negativen Freiheitsidee, er bestreitet ihr auch die moralische Existenzberechtigung. Moral ist überhaupt die stärkste – sollte man sagen: brutalste oder vulgärste – Waffe der Gegner des Liberalismus. Denn Moral bietet kübelweise positiven Inhalt. Und das kommt immer gut an, besser jedenfalls als die negative Freiheitsidee.“

‚Kübelweise‘, ‚brutalst‘, ‚vulgär‘ – es ist nicht schwer zu erraten, was unser Muster-Katholik von einer moralischen Beschränkung wirtschaftlich handelnder Subjekte hält. Folgerichtig kommt er auch zu einem politischen Schluss, der faktisch auf den Umsturz der Demokratie hinausliefe – eine qualifizierte Minderheit müsse wieder über die Mehrheit herrschen, auf Grund eines durch Alter und Gewohnheit legitimierten Rechtes, das allemal höher zu setzen sei als eine skandalöse neue Rechtsetzung durch eine unqualifizierte Mehrheit:

„Dafür aber ist der Liberalismus smart, elitär, nie ohne eine Prise Arroganz und zuweilen sogar versetzt mit einem Schuss Demokratieverachtung, jedenfalls dann, wenn Demokratie nichts als die Tyrannei der Mehrheit meint. Schlimm sei es, von einer Minderheit unterdrückt zu werden, wusste der britische Liberale Lord Acton, ein Katholik, schlimmer noch sei es, von der Mehrheit in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden. Rechtsstaatlichkeit ist in der Hierarchie der Werte des Liberalismus der Demokratie vorgeordnet.“

Erst fällt also irgendwie und irgendwo ein ewiges Recht vom Himmel, an dessen unwandelbaren Säulen dann keine Mehrheit mehr deuteln dürfe. Und daraus würde dann – ausgerechnet bei einer eingeborenen Zahnwalts- und Klientel-Partei wie der FDP – wie von selbst schon eine Abkehr vom Klientelismus folgen, den doch immer nur die anderen betrieben.

Was Rainer Hank der FDP in seinem Text empfiehlt, ist also nicht mehr und nicht weniger als der Abschied von der Demokratie, die in seiner Theorie doch nur dubiose Mehrheitsentscheidungen produziere. Und dies zugunsten eines Staates ewiger Rechte der Ohnehin-schon-Privilegierten. Kurzum – Stuttgart 21 und die ‚Wutbürger‘ tragen längst auch bei unseren Eliten Früchtchen. Und jawollja – ich freue mich schon auf die ersten der neuen FDP-Plakate mit dem eingängigen Slogan: „Freiheit statt Moral!“ …

2 Kommentare

  1. Sie nehmen den armen Herrn Hank ja ganz schön in die Zange. Mir hatte der Artikel gut gefallen, gerade auch weil er die FDP nicht schont und daran erinnert, dass Liberalismus noch etwas anderes ist als das was Westerwelle und Co. daraus machen.

    Muss ich mich jetzt wegen Kryptofaschismus behandeln lassen?

  2. Der Liberalismus in seiner ‚Urgestalt‘, auf den sich Herr Hank ja immer beruft, hatte gut utilitaristisch den ‚Nutzen der größten Vielzahl‘ (A. Smith) im Auge, nicht den einer privilegierten Elite, er pochte aufs (Klassen-)Wahlrecht, damals allerdings noch unter Ausschluss des Pöbels, wovon Friedrich Naumann dann mit dem Aufkommen der Arbeiterbewegung gründlich Abschied nahm, dazu auf die unbedingte Pressefreiheit, zu der im Falle Ungarns unseren Ach-so-Liberalen derzeit so rein gar nichts mehr einfällt, und er wandte sich gegen jeden ‚Adel von Geburt‘, also gegen die Erblichkeit von Privilegien aller Art, daher auch gegen einen erblichen Reichtum, sofern der sich nicht der Bildung oder der Leistung verdankte. Und nicht zuletzt war der Liberalismus „anti-vatikanisch“, anti-jesuitisch und gegen jeden ‚religiösen Obskuratismus‘ gerichtet. Auch religiöse Toleranz kam deshalb noch hinzu, in Form eines blanken Atheismus oder eines irgendwie dann doch ein bisschen was glaubenden Deismus, demzufolge man Gott einen guten Mann sein lassen müsse, solange der sich nicht in die irdischen Geschäfte einmische. Weshalb die antiislamistischen Eiferer à la Wilders & Co., die die „christlich-abendländische Traditionen“ beschwören, sich auch auf keinerlei ‚liberale Tradition‘ berufen dürfen. Allenfalls glauben Ignoranten, dass das ‚liberal‘ sei.

    Viele der Obskuranten, die der Herr Hank dort zitiert, haben zumeist mit diesem ursprünglichen ‚Liberalismus‘ im Kern nur wenig zu tun, zumindest gehören sie wie dieser katholisch in der Wolle gefärbte Lord Acton einer spezifisch britischen Spielart des Gladstone-Liberalismus der „Londoner City“ an, der ersatzweise lieber den Kolonialismus und den Imperialismus vorantrieb, statt der oben genannten ‚Freiheiten‘. Und zumindest hätten sie alle den Herrn Hank lauthals ausgelacht, wenn er sich gegen die Macht des Finanzkapitals – oder damals der Ostindischen Handelskompagnie – hätte wenden wollen, wie der es heute als Kamikaze-Technik einer Klientelpartei wie der FDP empfiehlt.

    M.a.W.: Der Herr Hank mischt uns dort ein wildes Brouillon mit Hilfe von Autoritäten, die ihre Hände über den Kopf zusammenschlagen würden, wenn sie wüssten, zu welchen Zwecken er ihren Namen als Prämisse seiner Thesen setzt. Wenn die FDP sich lt. Herrn Hank gegen Klientelpolitik wenden soll, dann ist das so idealistisch wie die Forderung, die Bienen sollten keinen Nektar mehr saugen – oder die katholischen Priester keinen Sex mehr haben …

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