Stilstand

If your memory serves you well ...

Geschichtsblindheit

Olle Kamellen! – das ist der Tenor, der einem Menschen entgegenschlägt, der in dieser höchst modernen Zeit es wagt, geschichtliche Fakten ins Feld zu führen. Jenseits von Hitler ist für die meisten Menschen die Welt mit Brettern vernagelt. Wer von Geschichte aber nichts weiß, der sieht auch jene Möglichkeiten nicht, die uns mit ihrer Hilfe heute aus dem Sumpf führen könnten. Vieles, was auf der historischen Achse bloß ein zeitgeschichtlicher Moment ist, erscheint einem Geschichtsblinden mit Ewigkeitswerten versehen. So auch diesem Simplicius aus dem Standard-Forum das Zinsgesetz:

„Ohne Zinsen würde niemand mehr sein Geld verborgen. Wozu auch?“

Diesem modernen Hans Dampf scheint also der einzige Sinn und Zweck des Geldes auf einem immerwährenden Finanzmarkt darin zu bestehen, fortzeugend ‚mehr‘ zu werden. Genau dies war, geschichtlich gesehen, die meiste Zeit aber nicht der Fall. Religionen wie der Islam halten sogar bis heute, wenn auch nur noch formal, ein allgemeines Zinsverbot aufrecht.

Nehmen wir nur die europäische Feudalzeit, wo aller Besitz von Gott und damit ‚des Kaisers‘ war: Dessen ‚Kapital‘ hatte damals den Sinn, Loyalitäten zu stiften, von Verzinsung aber war keine Rede. Im Lehenswesen ‚verlieh‘ der Kaiser an die Treuesten der Treuen ganze Provinzen, und er erhielt dafür keinen festen Zinssatz, sondern ein symbolisches Surplus – dass nämlich die so Ausgezeichneten im Konfliktfall ihm treu zur Seite stehen würden.

Auch die Kirche erhielt von ihren Lehen und Pfründen formal einen ‚Zehnten‘, also einen scheinbar durchaus üppigen Zinssatz. Bedenken wir jedoch, dass die vorreformatorische Kirche dafür nahezu die gesamten Sozialaufgaben schulterte, von der Armenfütterung über die Waisenhäuser und die psychologische Beratung bis hin zum Gesundheitswesen und der Altenpflege, dann wird uns schnell klar, dass ein Josef Ackermann für eine solch mickrige ‚Verzinsung‘ heute noch nicht einmal den kleinen Finger krümmen würde.

Kurzum: Ein kurzer Blick in die Geschichte lehrt uns schnell, dass die Verzinsung von Kapitalien keineswegs eine historische Konstante von Ewigkeitswert ist, sondern ein verhältnismäßig junges Verhaltensmuster, das zuvor stigmatisiert und allgemein als ‚Wucher‘ verpönt war. Ohne Geschichtskenntnis trägt jeder nur eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten am Arm – und er sieht vermutlich Credit Default Swaps als Teil einer immerwährenden göttlichen Gesetzgebung an …

2 Kommentare

  1. Ich habe selten so viel Schwachsinn gelesen.

    Aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht wäre es besser von einer Rendite zu sprechen. Der Satz ist insoweit auch richtig. Vielleicht mal klassiker wie Fama und Markowitz lesen ?

    Es bleibt zu sagen:

    1.) Der Satz ist zukunftorientiert. Das vergangenheitsbezogene Argument greift nicht und deckt auch keinen Widerspruch auf.

    2.) Das Zinsverbot im Islam ist alter Wein in neuen Schläuchen. Es ist kein echtes Zinsverbot.

    3.) Zum Kaiser: Schon mal von den Fuggern gehört?

    4.) Zur „Kirche“: glauben Sie ihren Blödsinn wirklich?

    5.) mit Wucher meinen sie wohl auch das historische „jüdisch“. Sprechen Sie es doch ruhig aus.

  2. Nun ja – die Wirtschaftswissenschaft ist die einzige ‚Wissenschaft‘, wo es entscheidend darauf ankommt, welche ‚Wissenschaftler‘ und rückwärts gekehrten Propheten man denn liest. Wer zum Hayek greift, kommt zu anderen Resulaten, als wer zum Marx, zum Keynes, zum Braudel, zum Friedman oder zum Polanyi greift. Die Jungs sind sich noch nicht einmal in den Basisannahmen einig. Insofern hatte der Nobel schon recht, als er – mangels Wissenschaftlichkeit – keinen Preis für die Ökonomenzunft aussetzte.

    Zu 1. Irgendwann kommen solche Leute auch dahinter, dass ihre Zukunftsorientiertheit keine Zukunft mehr hat. Zu den Beklopptheiten des Systems gehört es derzeit zum Beispiel, dass die Zentralbank den Banken zu einem Prozent Billionen leiht, damit die es für 4 oder 5 Prozent an ‚die Wirtschaft‘ weiterverleihen mögen, was immerhin einer satten Rendite von 3 bis 4 Prozent entspräche, diese Banken das billige Geld, das durch alle Korridore schwappt, aber trotzdem lieber mit Verlust bei der EZB horten, weil sie als geborene Geldausleiher prinzipiell an niemanden mehr Geld verleihen, allein schon aus Misstrauen. Kurzum – es wäre unter diesen Umständen besser, die EZB würde ihr Geld zu einem Prozent direkt an die Wirtschaft und an die Mitgliedsländer vergeben. Damit wäre allen geholfen. Solche titaniciösen ‚Banken‘ aber braucht kein Mensch …

    zu 2. Es ist am Ursprung ein echtes Zinsverbot des Propheten, dass vom nachfolgenden Klerus und von den Madrassen dann peu à peu aufgeweicht wurde. Irgendeine ‚Geschichte der islamischen Welt‘ reicht zur Information über diese Entwicklung.

    zu 3. Ja, die ‚Fugger von der Lilie‘, beginnendes 16. Jahrhundert und damit schon Neuzeit, nüch? Quasi eine deutsche Parallelentwicklung zu den Medici, die auch aus der Kirche eine blühende Industrie gemacht hatten, mit Wechseln, Ablassbriefen, Fegefeuer und allen renditeträchtigen Schikanen, die den mordenden Kaufleuten, die plötzlich über eine goldene Gans geboten, in den Kopf kommen mochten.

    zu 4. Ja, halbwegs – zumindest solange, bis die Renaissance-Päpste kamen. Wer ‚geldgeil‘ war, ging eher zu den Fürsten, wo die Rendite ganz ursprünglich akkumulativ auf Raub, Geiselnahme und Plünderung beruhte, gemildert durch ein wenig Minnesang. Die beschriebene Caritas war zudem an die Klöster ausgelagert, Inseln der Geistigkeit in einer rohen Welt. Der römische Klerus dagegen gab sich längst seine eigenen Gesetze, was wiederum Widerstand bei denen hervorrief, die aufs Armutsgebot des Klerus pochten (von Franz v. Assissi bis zu den Waldensern und Albigensern). Es gab jede Menge reformatorische Bewegungen schon lange vor der Reformation, die allesamt zurück ‚ad fontes‘ wollten …

    zu 5.: Wenn im Mittelalter ein Verbot des Geldausleihens gegen Gebühr auch für jeden Christenmenschen wirksam war, dann ist es klar, dass sich derjenige, der dringend Geld benötigte, an nichtchristliche Gruppen wenden musste. Zudem war die ganze Welt damals noch keine ‚Geldwirtschaft‘. Nach Lage der Dinge, waren die Verleiher dann die Juden, die einzig nennenswerte nichtchristliche Gruppe im Abendland, die überdies nach ihrer Austreibung aus Spanien, wo sie vor der Reconquista jahrhundertelang unter den Sarazenen priviligiert war, das nötige Kapital nach Osten ins wilde Germanien mitbrachte. Das Bild des ‚jüdischen Wucherers‘ entstand also aus einer Funktion, die jene Gruppe historisch einnehmen konnte/musste/durfte (suchen Sie sich was aus), eine Funktion, die sich für diese Gruppe auch verderblich auswirkte, weil das Ressentiment gegen den Gläubiger immer leicht instrumentierbar war, zunächst von der Kirche, später von politischen Gruppen.

    Apropos – mir erscheint mein Schwachsinn inzwischen gar nicht mehr so schwachsinnig … 😉

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