Stilstand

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GAU und GNU

Mir stieß schon immer auf, dass der ‚Größte anzunehmende Unfall‘, der GAU, nochmals hypersuperlativisch zum Super-GAU gesteigert werden kann, was wiederum die geschundene Grammatik lauthals jammern lässt. Letzteres wäre immer dann der Fall, wenn radioaktives Material aus dem Reaktorgefäß plötzlich ungeschützt unter freiem Himmel lodert, was laut Risikoanalyse gar nicht möglich schien. Wenn also schon der ‚Größte Anzunehmende Unfall‘ derjenige ist, der zuvor als technisch eben noch ‚beherrschbar‘ galt, dann schlage ich vor, für die Steigerung dieser Situation, wie sie jetzt in Japan eingetreten ist, den Ausdruck GNU zu verwenden, den ‚Größten Nichtanzunehmenden Unfall‘ …

7 Kommentare

  1. Das ist selbstverständlich weder linguistisch noch technisch haltbar. Das ‚größte‘ steht in engem Zusammenhang mit ‚anzunehmend‘, das wiederum technisch definiert ist.

    Sehen wir uns einmal an, was GAU denn besagt: es ist die Art von Unfall, die nicht alltäglich, aber [einmalig] erwartbar ist. ‚Anzunehmend‘ steht hier also nicht als Absolutum, sondern in einem Kontext der Risikoabschätzung*. Weiter modifiziert ‚größten‘ dann nicht den ‚Unfall‘, sondern einen sinnvoll erwartbaren Unfall.

    Alle Zwischenfällen, die die Arbeit eines Systems stören können, werden somit auf einer Skala von ‚unbedeutend‘ über ‚darauf müssen wir gut vorbereitet sein‘ bis zu ‚das ist jetzt richtig Scheiße‘ sortiert. Weniger salopp: vom kleinsten anzunehmenden bis zum größten anzunehmenden Unfall.

    Nun ist ‚GAU‘ auch ein Fachterminus, der m.W. definiert ist als ‚der Unfall, der das System zwar zerstört, aber noch beherrscht werden kann‘. Ein seltener Fall, der voraussetzt, das sämtliche Sicherheitssubsysteme ausgefallen sind und man sich nur noch auf die mechanischen Sperren z.B. der Reaktorhülle verlassen kann.

    Dummerweise stellte jemand fest, ich meine es war sogar für das Drehbuch von China Syndrome, aber zumindest kurz zuvor, dass der Fall des Durchschmelzens nicht beachtet wurde – prompt nannte man das ‚Super-Gau‘, was ja auch logisch ist.

    Außer mir in Weinlaune kommt auch niemand auf die Idee, sich darüber auszulassen, dass Demokrit NICHT das von uns geteilte Materieteilchen meinte, als er von dem Unteilbaren sprach. Was machen wir, wir nennen da etwas Atom, das gar nicht unteilbar ist und erfinden neue Begriffe für Teile, die in diesem Atom rumschwirren.

    So ist die Sprache, unlogisch, dafür historisch gewachsen. Kontingent sagen wir auch dazu.

    Was die spezifische Situation in Fukushima betrifft, finde ich es schon beachtlich, dass die Anlagen für ein ohnehin extremes Erdbeben ausgelegt waren, das dann um circa das Zehnfache übertroffen wurde – und die Dinger trotzdem „nur“ zum GAU zerstört wurden.

    PS: Ich schreibe das alles nicht, um die Angelegenheit zu verharmlosen, ich bin schon seit 1977 [aus guten Gründen] ein Gegner der Atomkraft.**

    *Unser täglich Leben besteht aus dem Abschätzen von Risiken, und wir entscheiden uns in den seltensten Fällen für den Extremfall.
    **Schlimm genug, dass wir solche Disclaimer brauchen, weil die Debatte von beiden Seiten religiös geführt wird.

  2. Ob wir „GAU“ und „Super-GAU“ schon zu den „historisch gewachsenen“ Begriffen zählen sollten, ist eine diffizile Frage. Ich denke, es geht eher um eine Grenze, deren Überschreiten sich der begrenzte Horizont der Techniker und Ingenieure damals nicht vorstellen konnte, eine Grenze, die dann aber dennoch von der Technik erstaunlicherweise überschritten wurde. Deshalb wurde der Super-GAU seit Harrisburg und Tschernobyl gewissermaßen ’nachgereicht‘. Faktisch entstand zumindest der GAU als ein politischer Begriff, weil er Beherrschbarkeit in allen Lebenslagen suggerierte, sogar bei Katastrophen – der so die politische Akzeptanz der Atomkraft mit bewirkte.

  3. „Das ist selbstverständlich weder linguistisch noch technisch haltbar?“
    Doch, das ist es.
    „So ist die Sprache, unlogisch, dafür historisch gewachsen.“
    Ja schon, aber das gibt nicht jeder Knalltüte das Recht, jeden Stuß zu verzapfen, der ihm geeignet erscheint, die Sache und damit ihn selbst ins Übergroße aufzublähen.

    Siehe auch: http://deutsche-sprak.blogspot.com/2011/03/hyper-mega-super-gau.html

  4. Herr Trepl, Sie haben meine Einlassungen nicht gelesen. Und während ich Klaus Jarchows Kritik an der Rhetorik sogar zustimme und seine Antwort auf meinen Kommentar eine wichtige Facette hinzufügt, fühle ich mich von Ihnen ein wenig in die Eier getreten. Vielleicht nehme ich auch nur die ‚Knalltüte‘ zu persönlich?

    Technisch sind sowohl ‚GAU‘ als auch ‚Super-GAU‘ [relativ] klar definiert. Ein Fachterminus muss mir weder einsichtig sein noch mir gefallen, er bleibt aber wertvoll [und nebenbei: meist auch linguistisch produktiv].

    Meine linguistischen Ausführungen wiederhole ich hier auch nicht in neuer Formulierung, da Sie keinerlei Interesse daran haben. Nur noch mal Beispiele: Atom, aktuellste Nachrichten, öfter[s]. Alles pet peeves von mir, alle irgendwie falsch*, ich vermeide sie zu benutzen, beginne aber keine -im Grunde religiöse – Diskussion darum, wenn die das einsetzen.

    *Übrigens genau wie der Spruch ‚Das Bessere ist Feind des Guten‘ – logisch kompletter Unsinn.

  5. Lieber Dierk,
    aber gewiß doch. Da könnte man noch einige Hundert oder Tausend mehr Beispiele nennen. Nach einiger Zeit kann es auch der größte Unsinn geschafft haben, er ist dann keiner mehr, ist nicht mehr unlogisch, sondern die Sprachlogik hat sich nach ihm zu richten. „Das Allerbeste“ ist nicht mehr unlogisch. Aber die Neuerer, die sich z. B. „die wesentliche Grundvoraussetzung“ einfallen lassen (http://deutsche-sprak.blogspot.com/2011/03/hochmut-und-demut.html) oder als Erste gierig aufschnappen, machen einen Fehler und sie handeln aus niederen Beweggründen. Knalltüten scheint mir eine ganz passende Bezeichnung.
    Das ist doch das Elend: daß der sprachliche Fortschritt (soll man das so nennen?) nur selten von den großen Geistern vorangetrieben wird, auch wenn man immer wieder lesen kann, daß wir dieses oder jenes Wort Goethe oder Jean Paul zu verdanken haben, von Luther gar nicht zu reden. Sondern von den Knalltüten wird er vorangetrieben. Und dagegen ist nichts zu machen.

    Und was die technische Definition angeht: Die Techniker sollen meinetwegen untereinander reden wie sie wollen, aber sie sollten aufpassen, daß kein Fachfremder zuhört.

  6. derTechnokrat

    17. März 2011 at 18:11

    GNU ist aber schon für eine OpenSource-Lizenz vergeben. Es ist das rekursive Akronym GNU is Not Unix. Ich schlage als Alternative WidOvBe (Wie der Ochs vorm Berg) vor. Das beschreibt auch treffend, wie sich die Techniker in der Situation fühlen.

  7. Die Bezeichnung GNU würde leider dem „GNU is not Unix“-Projekt ziemlich unrecht tun, ist es doch im Prinzip neben dem Kernel der Kern von Linux. (Hier versteckte sich ein Nerd-Wortwitz.) Und Linux ist ja moralisch doch eher auf der guten Seite, im Vergleich zum Super-GAU. Außerdem ist ja in Wahrheit ein solcher „GNU“ auch ein anzunehmender Unfall, wenn man sich nicht in die eigene Tasche lügt wie die Atomlobby dem Bürger.

    Wie wär’s mit UAU – Unbeherrschbarer Atomarer Unfall?

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