Stilstand

If your memory serves you well ...

Fünfmal um den Blog

Ein neuer Vorstoß in unbekanntere Blog-Gefilde. Heute soll’s hier Artverwandtes geben – wir besuchen also einige jener Blog-Wigwams, die über und über mit Buchstaben und Satzzeichen bedeckt sind.

1. Die Protextbewegung ist derzeit vor allem eine Bande wilder Weiber von den Weiden des Westens, die sich für vernünftige Preise und lesbare Qualität bei der Textproduktion einsetzen. Da das Textbewusstsein in Deutschlands Unternehmen – mit wenigen Ausnahmen – derzeit auf breiter Front den eingeseiften Content-Hang hinabrauscht, ist ein solcher Einsatz sicherlich aller Ehren wert. So weit ich das verstanden habe, steht diese Netzlobby übrigens auch Testikelträgern offen.

2. Kristins Sprachblog kümmert sich um die Feinheiten grammatischer Sprachverbiegungen und -verbeugungen, um Lautverschiebungen und noch so allerlei, von dem ich bisher noch gar nicht wusste, wie fadenscheinig mein Wissensteppich an diesen Stellen ist. Geradezu akribisch wird mir meine Ignoranz vor Augen geführt. Die Sprache, das lerne ich daraus, ist doch ‚ein weites Feld‘ (Fontane) …

3. In Thilos wunderbarer Welt erleben wir die Sprache in erzählerischer Bewegung. Meistens grantelt sie dabei ein wenig vor sich hin, weil sie das Ausschlenkern ihrer Satzglieder hasst. Klangtechnisch aber gefällt’s – und ein frischgeborener Gedanke steht am Ende des Satzes oft auch noch in der Landschaft herum. Hier ein Beispiel, das mir in seinem pensionsorientiertem Pessimismus höchst einsichtig heimleuchtet:

„Und heute wird uns das erst klar, weil er nie wieder „I love you“ in irgendein Mikrofon quietschen wird, nie wieder den Moon-Dance“ zeigen wird und es kein neues Michael-Jackson-Album geben wird. Heute wird uns das bewusst. Denn wir gehören jetzt zu den Alten, denen die Ikonen und Idole ihrer Jugend wegsterben. Wir sind jetzt die, die mehr Tage hinter sich als vor sich haben. Wir haben Bergfest gehabt.“

4. Das Kolumnistenschwein kommt zumeist von links aus seiner Kobengasse geschnauft, aus einer Ecke also, wie sie so dialektisch verwinkelt heute gar nicht mehr gebaut wird. Denn der übliche jungdeutsche Witz erklimmt in seinem discohaften Biedersinn doch bestenfalls noch ein Hennes & Mauritz-Niveau – das sind kleine Goldhamster auf Ecstasy, aber keine Wildsäue. Wer also ein Freund des eher gewundenen Humors ist, wer vor dem Hindernis eines Nebensatzes nicht gleich verweigert, wer es mag, wenn Alltäglichkeiten wortmächtig zur Witzgestalt emporgepeitscht werden, wo sie dann von dieser Höhe herab lauthals ihre Blödheit herausquieken müssen, der soll diesen Fressnapf ruhig mal beschnuppern …

5. Andreas Eschbach zeigt zum Kontrast in seinem Blog das real existierende Schriftstellerleben, jene Welt also, wo Klagenfurt und Grimme-Preise in Maximaldistanz liegen, wo Namen wie Uwe Tellkamp, Reinhard Jirgl oder Rosamunde Pilcher nicht mehr sind, als ein sagenhaftes Raunen vom Parnass herab, während sich der real existierende Literatopromptus vulgaris ganz existenzialistisch mit dem Verfassen von Perry-Rhodan-Romanen und anderen Trivia befassen muss …

4 Kommentare

  1. Dass der Eschbach ein Blog betreibt, wusste ich bis dato noch nicht (na ja, eigentlich kein richtiges Blog, da Kommentare nicht möglich sind; Web 2.0 minus eins, also), dass er für Perry Rhodan schreibt schon gar nicht. Wäre aber eine Gelegenheit, so ein Heftchen mal wieder zur Hand zu nehmen. War in jungen Jahren schließlich mal Fan. In irgend einer Truhe schlummern noch so 1.500 Heftchen rum, darunter auch „Originalausgeben“ von 1963.
    Eschbachs Bücher sind gute Unterhaltung. Besonders gefallen hat mir „Ausgebrannt“, „Der Nobelpreis“ und „Eine Billion Dollar“. Wer noch Urlaubslektüre sucht, dem seien die Bücher empfohlen.
    Ob Eschbach sich wirklich mit diesen „Trivia“ befassen MUSS, bezweifele ich. Ich glaube er macht das eher gern. Obwohl – irgendwie will sein Leben in der Bretagne ja finanziert sein.

  2. @ Mike: Du darfst die Einkünfte aus der Schriftstellerei nicht überschätzen. Als Faustformel gilt: Ein Zehntel vom Ladenpreis gibt dir der freundliche Herr Verleger, aber nur dann, wenn du Glück hast. Bei einer verkauften 2.000er Auflage und 24,90 Euro Verkaufspreis gibt’s also knapp 5.000 Euro für deinen Text, an dem du unter Umständen ein Jahr oder länger herumgewurkelt hast. Freier Journalist ist da dann fast noch der lohnendere Beruf …

    Perry Rhodan hat mich auch früher nie fasziniert: Mit Helden, die ‚Gucki, der Mausbiber‘ hießen, konnte ich mich nicht recht anfreunden …

  3. @ Klaus: Die Gesamtauflage liegt bei Eschbach laut FAZ bei über einer Million Exemplare. Da sieht das schon etwas freundlicher aus.

    Gucky ist wohl der Versuch gewesen, einen „Niedlichkeitsfaktor“ in die Geschichte zu bringen; so wie mit R2D2 oder Chubaca bei „Star Wars“. Letzterer hat es ja sogar geschaft, ins amerikanische Rechtssystem Einzug zu halten. Natürlich habe ich auch andere Autoren gelesen, Perry Rhodan war dann irgendwann mit 18/19 vorbei. Das Genre hat mir aber immer gut gefallen.

  4. Na, das freut mich aber, dass diese Serie jetzt hier fortgesetzt wird (das bisschen Deflation nehme ich jetzt mal hin). Schöne Sachen hast du da wieder gefunden! Ich habe mich gleich bei Nr. 2 festgelesen.

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