Stilstand

If your memory serves you well ...

Für den Zettelkasten (27)

Im methodologischen Boom unserer Tage nehmen Gespräche über Logik und Gespräche über alles Mögliche unter Zuhilfenahme der Sprache der Logik einen bedeutenden Platz ein. Aber hierbei spielt die Nutzung der Sprache und der Prinzipien der Logik nicht so sehr die Rolle eines effektiven Mittels zur Lösung von Problemen als vielmehr im höchsten Maße die Rolle, Prestige und Heuchelei zu fördern. Und, wie könnte es anders sein, eine ideologische Rolle. Man stelle sich ins Auditorium, brechend voll von Doktoren und Kandidaten aller Wissenschaften, spreche das Wort ‚Implikation‘ aus – es wird Totenstille eintreten und alles in Erwartung eines Wunders erstarren.“
Alexander Sinowjew: Gähnende Höhen, 291 f

Tscha, man könnte sich natürlich auch aufs Wirtschaftsforum in Davos stellen und dort das Wort ‚Volatilität‘ aussprechen. Obwohl das Wort – kindgerecht aufbereitet – uns doch nur sagen will: ‚Der Aktienkurs geht munter / manchmal rauf und manchmal runter‘. Blanke Magie! Warum fallen mir jetzt gerade so viele unserer ‚Öchsperten‘ ein? Lesenswert ist auch der folgende Text von Sinowjew:

„Die Ähnlichkeit ist tatsächlich verblüffend. Da treffen sich zum Beispiel Sowjetbürger in einer stinkenden schmutzigen Kneipe oder in einer jämmerlich engen Wohnung. Sie betrinken sich mit einem Wodka, der einem den Magen umdreht, und essen dazu irgendein für einen Westler unvorstellbares Zeug, und dann nicken sie einander verständnisinnig zu und sagen mit so einem miesen kleinen Lachen: „Ja, Freunde, wir leben schlimmer als die Schweine!“ Und der Stolz auf ihren Sauladen leuchtet ihnen dabei aus den Augen.

Und genauso hier im Westen: Da treffen sich ein paar Westler in einem Restaurant oder in einer Wohnung, wie sie sich der Sowjetbürger nicht träumen lassen würde. Sie essen sich satt an Dingen und betrinken sich mit Weinen, deren Existenz der Sowjetbürger nicht einmal vermutet, und dann nicken sie einander verständnissinnig zu und sagen mit so einem nachsichtig spöttischen Lächeln: „Ja, Herrschaften, da kann man nichts machen, der Westen geht unter.“ Und der Stolz auf ihren Untergang leuchtet ihnen dabei aus den Augen.“

Lust auf Armageddon hier wie da – man achte auf die Muster, die verbinden. Interessant ist auch sein Hinweis darauf, dass es ‚ehemalige Sowjetbürger‘ in Russland bis heute nicht gibt …

4 Kommentare

  1. [..] Lust auf Armageddon

    verdammt, ich würde dir so gerne mal ungeniert zustimmen aber statt dessen

    einspruch, euer ehren …

    ich verstehe ja die mehr oder minder subtile anspielung auf die endzeitstimmung vor dem ersten weltkrieg und kann mir auch vorstellen, daß es irre gibt, die sich in so was hineinsteigern (wenn sie mal auffällig werden, sprengen sie gebäude oder töten jugendliche auf einer insel), aber …

    das ist kein „zeitgeist“. ich frage mich sogar, ob das auch nur so eine chimäre ist wie die angebliche kriegsbegeisterung beim ausbruch von WK1.

    aber, dem ist nicht so, ich kann das beim besten willen nicht erkennen, nirgends … und ich höre wirklich zu – ich kenne keinen „Intellektuellen“, der sich in so was hineingesteigert hätte und damit einen „zeitgeist“ schafft.

    wir sind alle von der gegenwart in ihrem marsch in die zukunft überfordert, das wäre ich bereit, zuzugestehen … aber daraus resultiert eben nicht – wie (angeblich???) vor ausbruch des WK1 eine „gesellschaftliche todessehnsucht“, ein wunsch nach einem zurück in eine angeblich bessere vergangenheit oder zu den „heldentaten der väter 70/71“ die diese gesellschaft toppen möchte.

    eher ein gepflegtes desinteresse an dieser art idee.

  2. Ich meine hier ja auch weniger ‚Kriegsbegeisterung‘, sondern die Lust zuzugucken, wie alles den Bach hinabschippert – ob im ‚Saustall‘ oder beim Edelitaliener. So’n ‚Nach uns die Sintflut‘ …

    Ein Krieg läuft übrigens längst – wenn auch bisher vor allem als ‚Info-War‘.

  3. @klaus

    daß der krieg schon auf der propagandaebene in den foren und köpfen tobt, sehe ich genau so. aber ich sehe diese haltung „soll doch alles den bach runtergehen“ nicht, eher ein „nicht wahr haben wollen“ und ein sich klammern an die vorstellung, daß das schon jemand regeln wird, egal wer.

    ich denke auch, daß ein gros dessen, was wir so an verwirrung erleben, im grunde einer ausgesprochenen panik geschuldet ist, weil undenkbares plötzlich wieder möglich sein soll – und wenn schon, dann sollen doch die das bitte vor ort regeln.

    als ob hier die erschütterungen nicht längst angekommen wären und nur verdrängt werden.

    mit „saustall“ spielst du hoffentlich gerade auf einen meiner definitiven lieblingsfilme an, oder ich habe die anspielungen nicht ganz mitbekommen 😉

  4. Nee – das spielte auf den ‚Sauladen‘ im Zitat an.

    Ansonsten glaube ich bspw., dass auch viele ‚Klimaskeptiker‘ schon wissen, dass der Klimawandel abläuft. Sie wollen die Konsequenzen nur hinauszögern und noch ein wenig länger SUV fahren. Das meine ich mit ’nach uns die Sintflut‘.

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