Stilstand

If your memory serves you well ...

Für den Zettelkasten (24)

In den Lehrbüchern über den Stil aber scheint die Vorstellung zu herrschen, als ob eine jede Art des Stils in eines jeden Gewalt wäre, und durch Regeln füglich erlernt werden könnte, und als ob insbesondere derjenige, welcher über den Stil schreibt, von jeder Art des Ausdrucks selber vollkommen Herr und Meister wäre; da es doch schon zu den besonderen Vorzügen des Geistes gerechnet wird, wenn einer nur in einer einzelnen Art nicht gewöhnliche Talente zeigt.

Was wirklich schön gesagt sein soll, muss vorher auch schön gedacht sein; sonst ist es leerer Bombast und Wortgeklingel, das uns täuscht.“

(Karl Philipp Moritz: Vorlesungen über den Stil, Werke III, 653 u. 586)

Mit anderen Worten: Wolf Schneider klingt so kurz angebunden, wie er klingt, weil er so kurz denkt, wie er denkt. Anders zu denken und zu schreiben ist dann nicht mehr erlaubt, sobald ein Einzelner seinen Maßstab an Einsicht autoritativ vom Katheder verkünden darf. Reisende Scholaren, Plagiatoren und Parodisten sind die Folge. Natürlich kann auch ein minderer Autor wie meine Wenigkeit selbst Goethes Stil oder denjenigen eines Peter Handke ohne große Mühe nachahmen … es bliebe aber immer nur Parodie. Etwas Eigenes könnte ich auf diese Weise nie ausdrücken, weil sich das Wort dann nicht meinem Denken fügt.

Daneben gibt es natürlich noch den Fabrikstil der Mühelosigkeit, ich nenne hier mal Ken Follett als Beispiel für all die anderen Büchertischmatadore. Oder – um von Älteren zu reden – den Marcel Proust, der über weite Strecken so klingt wie eine Gala-Illustrierte zur Jugendstilzeit, ein Mann der uns nebenbei auch noch den ganzen ‚Gotha‘ nebst allen Verwandtschaftsbeziehungen als Literatur verkauft. Letztlich ist das aber immer nur Pret à porter, ein C&A-Stil, der Erwartungen erwartungsgemäß bedient. Was übrigens auch für den ‚Industrieton‘ im Journalismus gilt.

1 Kommentar

  1. Weil das Moritzsche Wort „Bombast“ mir so gefiel, ein gefällig einsichtiges Zitat – vom lebenslang unbombastischen Tucholsky:

    „Als das Gesetz herauskam, war gar nichts da – was haben sie nicht schon alles aus dem Nichts gemacht! Da erfahren wir aus der Einführung, dass es bereits einen Erlaß – Z A II 5245/29 – gibt, »betreffend Nachrichtendienst zur Bekämpfung von Schund und Schmutz«, und man kann aus diesem Bombast von Wichtigmacherei und Überflüssigkeiten einmal so recht sehen, wie diese juristisch verbildeten Lebewesen Maden ausschwitzen, hunderttausend Eier legen, sich in der Jungfernzeugung fortpflanzen – ein grauslicher Anblick.“

    „Nr. 1“, auf- und er-zählt von „Ignaz Wrobel“, in: Die Weltbühne, 10.09.1929, Nr. 37, S. 381. – Der Kontext gefällt ebenso:
    http://www.textlog.de/tucholsky-nachrichtendienst.html

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