Stilstand

If your memory serves you well ...

Freischwebende Intellektuelle

Der Ausdruck stammt nicht von mir, ihn prägte der leider bis heute unterschätzte Soziologe Karl Mannheim, in dessen Werken zum Beispiel auch über das ‚konservative Denken‘ manches Erhellende finden ist. Mannheim befasste sich mit den Auswirkungen sozialer Veränderungen auf die Weltwissensstruktur der davon betroffenen Bevölkerungsgruppen. Unter anderem fasste er auch das ‚akademische Proletariat‘ ins Auge, eine Bevölkerungsgruppe, die dann, wenn sie von den Fleischtöpfen und aus ihrem angestammten Reservat, der Bürokratie, vertrieben wird, wirkungsmächtige Ideologien in die Welt setzen kann.

Da wären zum einen die jungen Romantiker, die – anders als bspw. der Geheime Rat Goethe – in der Restauration und nach den Karlsbader Beschlüssen kein gemachtes Nest mehr vorfanden. Einerseits deshalb, weil die erschöpften Staaten nach den Napoleonischen Kriegen sich rigorose Sparprogramme auferlegten, andererseits, weil ein tiefes Misstrauen gegen alles ‚Akademikertum‘ die verschreckten konservativen Staatenlenker beseelte. Die Intelligenz war per se verdächtig, so, wie es heute noch bei allen Anwälten des Bestehenden der Fall ist.

In der Frühromantik – bei Hegel, Schlegel usw. – war zunächst eine mystisch fundierte Propaganda für die Prinzipien der Französischen Revolution die Folge, ein halluzinierter ‚Weltgeist‘ fegte naturgesetzlich das Morsche und Überlebte hinweg. Später dann, als bevorstehende Heiraten und Kinder ‚die Vernunft‘ der Individuen förderten, kapitulierten einige dann vor den Umständen und gaben ihr Zu-Kreuze-Kriechen mittels Konversion zum Katholizismus zu verstehen (Görres, Brentano usw.). Wieder andere – wie E.T.A. Hoffmann – kompensierten ihr Dasein als beamtete Demagogenverfolger durch Alkohol und durch die Visionen der Schauerromantik. Die Welt war entgöttert, in den klappernden Mühlen der Bürokratie herrschten die Automatenpuppen und Maschinenmenschen, wahre Liebe und echte Kunst waren zu Chimären geworden. Der Topos von der ’seelenlosen Bürokratie‘ hat hier seinen Ursprung.

Noch einmal verschärfend wirkte die französische Julirevolution 1830/31: Inzwischen zeigten die Universitätsreformen als Folge der ‚Befreiungskriege‘ ihre demographische Wirkung: Massen von Absolventen, auch aus bisher ‚bildungsfernen Schichten‘, strömten aus den Toren der Hochschulen, die aber draußen auf kein adäquates Arbeitsplatzangebot stießen. Die Welt des Liberalismus – mit seinem überreichlich gedeckten Tisch für Juristen, Publizisten, Tribünenredner und Diplomaten – erschien ihnen als neues Paradies. In diesem akademischen Proletariat wuchs das ‚Junge Deutschland‘ heran, vermehrte Repression war auf der anderen Seite die Folge. Diese Zeit war die eigentliche Geburtsstunde des politischen Journalismus in Deutschland: Heine, Börne, Gutzkow, Wienbarg, Laube, um nur einige zu nennen. Dass sich viele auch als Spione für Metternich korrumpieren ließen, um ihren prekären Lebensstandard zu halten, ist für den Sachverhalt unerheblich. Am Ende stand jedenfalls die 48er-Revolution, die ohne die vorangegangene Publizistik ‚freischwebender Intellektueller‘ kaum denkbar ist.

Noch ein Beispiel: In den Ersten Weltkrieg zogen – ausgehend von weitgehend ‚völkisch‘ und ‚antisemitisch‘ lehrenden Universitäten – in Massen junge Akademiker. Diese Bevölkerungsgruppe entrichtete, prozentual gesehen, neben der Arbeiterschaft den höchsten Blutzoll. Als sie zurückkehrten, gab es in der Republik für diese jungen Frontoffiziere keinerlei Perspektive mehr. Dort regierten plötzlich ‚die Bonzen‘: Menschen aus dem gewerkschaftlichen und bourgeoisen Milieu, oft mit jüdischen Wurzeln, die unseren ‚freischwebenden Intellektuellen‘ die Zukunft verbauten. Folgerichtig wuchs die Anfälligkeit für den Faschismus auf dem Humus dieser depravierten Bevölkerungsgruppen, die zuvor, im Kaiserreich, noch glauben durften, ein quasi natürliches Anrecht auf Führungsfunktionen in der Gesellschaft zu haben. Das später die Nazis nicht nur die verabscheuenswerteste, sondern zugleich auch die jüngste und ‚akademischste‘ politische Bewegung war, die jemals in Deutschland an die Macht gelangte, ist heute unbestritten. Wobei ‚akademisch‘ noch nicht heißt, dass sie auch ‚intelligent‘ gewesen seien …

Mit anderen Worten: Wenn eine Gesellschaft massenhaft ‚freischwebende Intellektuelle‘ produziert, dann kann dies sowohl ‚fortschrittliche‘ wie auch ‚reaktionäre‘ Folgen haben – dass dies aber gewaltige Folgen hat, das lässt sich aus historischer Perspektive kaum leugnen.

Weshalb ich das erzähle? Nun – ein Artikel des Kollegen Jakubetz über die massenhafte Freisetzung von Journalisten durch eine ebenso folgenblinde wie vereinte Verlegerschaft gab zu diesem historischen Exkurs den Anlass. Das erneute Erschaffen einer prekären Klasse ‚freischwebender Intellektueller‘ wird in jedem Fall Wirkungen haben, ob zum Guten oder zum Bösen lässt sich noch nicht sagen …

9 Kommentare

  1. Gute Einschätzung.
    Es bleibt spannend.

  2. Na da bin ich mal gespannt – wer arbeitslos wird, wird dadurch nicht automatisch mutig.

  3. Für freischwebende Intellektuelle gibt es die Internetspalten, -foren und -kommentarkästchen. Hier kann man sich ermüden. Und manchmal kommt ja auch Lauflesekunde vorbei und schnappt sich einen Bissen. Für eine Revolution zu wenig.

  4. Ihr seid alles Defaitisten! 😉

    @ Bredenberg – Ein anderes Beispiel: Die Hippie-Bewegung hatte damals noch nicht mal das Internet. Geboren aus der Abneigung, sich für den Kolonialkrieg der USA in Vietnam hinschlachten zu lassen, stampften damals die akademischen Mittelstandsjugendlichen eine eigene ‚Gegenkultur‘ aus dem Boden, die bekanntlich keineswegs folgenlos blieb. Grundlegend war allerdings die Einsicht, dass man alle Brücken hinter sich abbrechen muss. Die Bewegung war gewissermaßen autark, lebte aus sich selbst, schuf sich Einkommensmöglichkeiten in den Bereichen u.a. von Publizistik, Musik, auch Esoterik, Drogenhandel oder Landkommunen. Ich vermute, dass erst einmal die Einsicht beim heutigen Prekariat wachsen muss, dass es in absehbarer Zukunft keinen Rückweg zu den Fleischtöpfen mehr gibt: Pommerland ist abgebrannt. Man kann nicht gegen das System sein – und zugleich mit dem System kuscheln wollen. Ich will ja auch nur darauf hinaus, dass Karl Mannheim sozusagen die bürgerliche Variante des marxistischen ‚Das Sein bestimmt das Bewusstsein‘ darstellt. Man kann nicht eine große gebildete Bevölkerungsgruppe in die Wüste schicken, ohne dass diese Wüste ein wüstengemäßes Umdenken bewirkt …

    Im übrigen wachsen längst auch in den Restmedien aus dem Eispanzer des Neoliberalismus erste zarte Schneeglöckchen. Die Marktradikalen verlieren derzeit ihre kulturelle Hegemonie – oder ich kann nicht mehr hören.

  5. Vielleicht hat man hierzulande angesichts der Gefahr für den status quo, den ›freischwebende Intellektuelle‹ bedeuten, gedacht, es wäre besser gar nicht mehr so viele Akademiker und Intellektuelle zu produzieren. Siehe entsprechende Zahlen der letzten Dekaden bzgl. sinkender, stagnierender, lächerlich schwächlich steigender Abi- und Uniabschlüsse.

  6. @Klaus Jarchow – Die Hippie-Bewegung ist situationsbezogen und zeitbezogen zweifellos nicht folgenlos geblieben. Allerdings wurden ihre äußeren Erscheinungsformen recht schnell dem Markt anvertraut und für die meisten Zeitgenossen so erst und auf genau diese Weise nur sichtbar. Heute dient sie einigen Bischöfen als Erklärung für Verhaltensweisen, die zu verschweigen ihnen lieber gewesen wären.

    Man kann nicht aus der Geschichte springen und man kann nicht aus dem System springen. Um zu überleben, muss man auch mit dem System kuscheln. Man kann es trotzdem ablehnen und auf den Aufwachs der Widersprüche warten, der sich ohne Zweifel beschleunigt. Im Beschleunigungsprozess wächst auch der Platz für „freischwebenden Intellektuelle“. Wer nicht jeden Tag die Kurbel dreht, ist noch kein Defätist. Vielleicht hat er nur Vertrauen in den Gang der Geschichte. Diese aber, das wissen wir, bewegt sich oft langsamer als ein Gletscher. Aber sie bewegt sich.

  7. Versteh‘ ich das richtig? Journalisten = Intellektuelle?
    Ist das nicht arg zu hoch gegriffen?

  8. @ Jeeves: Wer sonst? Journalisten sind – neben den ‚Literaten‘ – sogar die klassischen ‚freischwebenden Intellektuellen‘. Denn der Professor oder Wissenschaftler, der auf Intellektualität ebenfalls Anspruch erheben könnte, ist zumeist verbeamtet und damit der Staatsraison verpflichtet – und somit wiederum gar nicht mehr freischwebend, sondern pensionsberechtigt. Jura, BWL, Zahnmedizin und die anderen akademischen ‚Brotfächer‘ sind Paukfächer ohne intellektuellen Anspruch, obwohl die Absolventen später allerdings oft ‚freischaffend‘ sind …

  9. @ Bredenberg: Die Bischöfe haben – lt. Mixa – eher „die 68er“ im Auge, obwohl das in der Regel ziemlich verklemmte Wichtel waren, die mit der Hippie-Bewegung nur periphere Berührungspunkte hatten. Das Hippietum löste historisch die Studentenbewegung ab.

    Dass über kurz oder lang jeder Depp im Afghanenmantel durch die Gegend lief, um cool zu wirken, ist klar. Der Markt dafür entstand aber erst für die Mitläufer, für die menschlichen Hippie-Imitate also, die tagsüber in der Angestelltentretmühle malochten und erst abends zum Kayal-Stift griffen. Für einige Jahre aber war ein Platz nicht außerhalb – sondern ‚gegen das System‘ rein passiv sehr wohl möglich. Was gab es für diese Unverschämtheit vom System und von den Leuten im System nicht alles auf die Mütze: Ich erinnere nur mal an das Kent-University-Massaker. Einer der besten Filme zum Thema ist übrigens Arlo Guthrie’s ‚Alice’s Restaurant‘ …

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