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Fleet-Street-Kriege

Wer über die Entwicklung der Presse schreibt, darf den Krimkrieg nicht ignorieren. Er steht am Beginn der neueren europäischen Mediengeschichte. Erstmals genoss die ‚vierte Gewalt‘ im Vorfeld des Schlachtens ihre ganze mediale Macht, welche zukünftig die traditionelle der Diplomatie weit übertreffen würde. Neben den Volksansichten und dem klandestinen Regierungsblickwinkel etablierte sich damals die ‚öffentliche Meinung‘. Nur sie, aber weder Regierung noch Volk, wollte in der Folge diesen Krieg. Trotzdem setzte die Presse ihn durch – was wiederum heißt, dass eine kopfmäßig kleine Zahl von Interessenten, bestehend aus Kriegslieferanten, Großhändlern, Geostrategen und türkischen PR-Agenten, über den Transmissionsriemen der Verlegerschaft eine Heerschar schreibender Lohnsklaven von der Kette lassen konnte. Zutreffend wird von Historikern der Krimkrieg daher auch als ‚Fleet-Street-Krieg‘ bezeichnet.


Der Untergang der türkischen Flotte vor Sinope / Public Domain, wikimedia

Jahrzehntelang hatten sich Türken und Russen an den Fronten beiderseits des Schwarzen Meeres – im Kaukasus und am fieberverseuchten Donaudelta – einen Abnutzungskrieg geliefert, bei Ermüdung jeweils unterbrochen von fragilen Friedensschlüssen. Im Jahr 1853 zweigte die türkische Pforte ‚im Geheimen beträchtliche Mittel ab, um eine Reihe von öffentlichen Demonstrationen und Zeitungsartikeln bezahlen und organisieren‘ zu können, welche die britische und französische Regierung zu einer Intervention gegen Russland bewegen sollten, denn der ‚kranke Mann am Bosporus‘ war geldverlegen. Der gewollte Untergang der türkischen Flotte bei Sinope gab den angefütterten Redakteuren dann das erwünschte Startsignal. Dort hatte die Marine des Sultans ihre Schiffe den Russen auf der Reede ‚dargeboten‘, Historiker sprechen heute von einem ‚Bauernopfer‘, um die Westmächte zur Intervention zu bewegen – mit der bewusst herbeigeführten Drohung, dass jetzt die Russen mit ihren überlegenen maritimen Kräften den Zugang zum Mittelmeer erzwingen könnten.

Die britische Presse heulte brav auf, sprach von einer „brutalen Freveltat“ und einem „Gemetzel“, selbst die seriöse Times schrieb: „Sinope zerstreut die Hoffnung auf eine Befriedung, die wir uns gemacht haben“. Unter den ‚Seifenkisten-Rednern‘, die jetzt überall auftraten, tat sich ein Schriftsteller namens David Urquart hervor, der wie kein anderer die Verhältnisse so zu verdrehen verstand, dass kein Zuhörer mehr wusste, ob nicht die Türken in Wahrheit Christen und die Russen Ausgeburten der Hölle wären.

Das englische Volk wie auch die Regierung Palmerston, beide absolut kriegsunwillig, wurden von den Leitartiklern und Propagandisten gewissermaßen zum Krieg getragen, während sich ringsum ein wahrer Rausch der Turkophilie austobte. Gegenstimmen wurden niedergemacht, unter anderem auch diejenige der ‚Times‘: „Sie wird in englischer Sprache gedruckt, aber das ist das einzig Englische an ihr.“

In Frankreich, dem Partner Englands im heraufdämmernden Krieg der Presse, vollzog sich ähnliches, wenn auch nicht in gleich blindem Nationalgeschrei. Hier spielten imperiale Belange eine größere Rolle, der frisch gebackene Kaiser Napoleon III. wollte sich Siege an die Brust heften, um seine dynastischen Ansprüche zu befestigen. Die in Kaiserliche und Republikaner gespaltene französische Presse gab sich noch bis zur Dreyfus-Affäre Zeit, um auf Wunsch der Eliten erst dann in schäumenden Nationalismus zu verfallen.

Im Lärm und Geschrei der publizistischen Geschäftemacher ging derweil völlig unter, aus welchem Grund und wofür man in den Krieg zog. Die Truppen standen längst auf der Krim, da bestand unter den Alliierten noch immer keine Einigung über die Kriegsziele.

Andererseits aber wurden ständig Uniformen benötigt, Lebensmittel, Munition, Waffen – alles was ein riesiges Belagerungsheer täglich zum Leben und Sterben benötigt. Gerechtfertigt wurde die große Lieferantenorgie mit der Idee einer ‚muscular christianity‘, und das, obwohl die westlichen Truppen doch an der Seite der Muselmanen gegen die Christen kämpften. Kurzum: Es war eine verlogene Zeit heillosen ideologischen Wirrwarrs, wo ‚der Westen‘ vor allem dank seiner besseren Enfield-Gewehre siegen konnte. Am Ende lagen einige hunderttausend Tote im Schlamm der Krim, was das große Schlachten vor Sewastopol zum blutigsten europäischen Krieg des 19. Jahrhunderts macht.

Das Muster der publizistischen Kriegstreiberei aber hatte mit diesem ersten ‚Fleet Street War‘ sein Vorbild gefunden. Verfeinert zu nationalistischem Crescendo wurde diese redaktionelle Giftmischerei später ‚Jingoismus‘ getauft und erfolgreich von anderen Nationen kopiert. Ob bei der Niederschlagung von Volksaufständen in Indien oder im Burenkrieg in Südafrika, wo auch immer interessierte Kreise der englischen Oberschicht ihre Geschäfte bedroht sahen, kam ein Schwarm von Redakteuren zum Einsatz. Danach hatte die vierte Gewalt dann ihre Pflicht getan, danach durfte die vierte Gewalt wieder gehen …

Anmerkung: Alle Zitate stammen aus dem hervorragenden Buch von Orlando Figes zum Thema (Der letzte Kreuzzug, 2010)

5 Kommentare

  1. Ich sage schon seit einigen Jahren, dass unsere Zeit nicht so sehr mit den 1930ern zu vergleichen sei, sondern eher analog dem ausgehenden 19. Jahrhundert* – genau: von Reichsgründung bis 1914 – läuft.

    Irgendwann führe ich das mal genauer aus, aber die Veränderung der Presse vom Berichterstatter zur treibenden Kraft in der Politik spielt dabei eine Rolle.

    *Bevor ein anderer Klugscheißer mir damit kommt – ich weiß sehr gut, dass der Krimkrieg davor liegt, 1853-1856.

  2. Danke für die kurze Einführung in das Thema. Man lernt gerne dazu.

  3. @ Dierk: Wir lesen in den Zeitungen heute, welche Rolle die Junker und der Ostlandskandal bei der Inthronisation Hitlers gespielt haben sollen. Von der Rolle der Journalisten, vor allem also von der Rolle des großmächtigen Hugenberg-Konzerns, der mit einem Fingerschnipp mehr als die Hälfte der deutschen Presseauflage antisemitisch und pro-hitlerisch losgröhlen lassen konnte, davon erfahren wir wie immer nur wenig.

  4. @Klaus
    Yo, ich habe manchmal den Eindruck, wir Mittvierziger sind die letzten, die noch Zusammenhänge im Geschichtsunterricht lernten – nicht die ‚putzigsten Dinge, die Guido Knopp über Hitler ausgraben konnte‘.

    Es war auch vor WK1 so, dass vornehmlich die neureichen Bürgerlichen mit ihren Papiertrompeten für ein ‚Wir sind jetzt wer‘ und ‚Wir müssen eine größere Rolle in der Welt spielen‘ eintraten. Denen ging auch komplett die dynastische Diplomatie ab, die neben Bismarcks multilateralen Verträgen wesentlich für den Frieden in Europa war. Das Ergebnis war ein unter Druck geratender, eher schwacher Kaiser, der sich und seine Möglichkeiten überschätzte, einen kurzen Einfall in Frankreich durch familiäre Verbindungen nach Russland und England zum Druckmittel in Übersee zu machen. Stattdessen schlugen die ihn nicht sonderlich mögenden in Moskau und London zurück.

    Der Druck der Presse – und deren Leser, die glaubten, man sei ja wer – gab ihm dann keine Möglichkeit, Gesicht wahrend einen langen, grausamen Krieg zu verhindern. Und das mit einem Generalstab, der weder den Krimkrieg noch den US-amerikanischen Bürgerkrieg wahrgenommen hatte. Sie ritten immer noch gegen Napoleon I.

  5. Eine große Rolle spielte beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs m.E. auch der ‚ennui‘, also die ‚Langeweile‘. Und zwar auf beiden Seiten der späteren Front. Es war eine bleierne Zeit, den Bürgern ‚war fad‘ geworden, wie die Österreicher sagen, der Zeitgeist verlangte auch wegen der Abwechslung nach einer ‚Bewährung im Kampf‘ – noch so’n Ausdruck aus dieser Zeit …

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