Stilstand

If your memory serves you well ...

Fightin‘ the Obvious

Bestreiten, was niemand je behauptete – das zählen erfolgreiche Populisten zu ihren vielversprechenderen Strategien. Den meisten Menschen ist es bspw. unmittelbar klar, dass die moralisierenden Grünen nicht zu den Egomanen, zu den Soziopathen und zu den Narzissen zu zählen sind, zu jenen also, die sich selbst gern als ‚Liberale‘ bezeichnen, weil sie sich auf ihrem Karrierepfad einen Dreck um die Gesellschaft kümmern. Alexander Grau verkündet uns das im Cicero als Sensation:

„Liberale gehen davon aus, dass der Mensch frei ist, autonom und selbstbestimmt. Er hat das Recht, sein Leben gegebenenfalls egoistisch, verantwortungslos und alles andere als nachhaltig zu führen. … Politik darf aus liberaler Sicht nicht den Versuch darstellen, einen Lebensstil durchzusetzen und sei er noch so umweltschonend, tolerant, multikulturell, kinderfreundlich und am Gemeinwohl orientiert.“

Und deswegen, weil Grüne eben nicht so lebten wie die immobilienmakelnde Kokainschwuchtel mit SUV und FDP-Bapper vor der Tür, deswegen seien – tätä! – die Grünen auch nicht ‚liberal‘. Dolle These, niemand hätte je gedacht, dass dies der Fall sein könnte. Im ‚Cicero‘ aber wird aus einer Null-News ein Zwei-Seiten-Bericht.

Faktisch war es doch seit jeher so: Die Grünen setzten die bürgerliche Elternpädagogik auf nachhaltiger Ebene fort, nur dass es nicht mehr hieß „Hast du dir die Hände gewaschen?“, „Hast du die Hausaufgaben gemacht?“, sondern „Hast du den Müll getrennt?“ und „Hast du Fair-Trade-Kaffee gekauft?“. Kurzum – jeder bürgerliche Sprössling fühlte sich schon zu meiner Sturm-und-Drang-Zeit bei den Grünen gleich wieder wie zu Hause.

Gefährlich wäre – Alexander Grau zufolge – dieser zutiefst bürgerliche Lebensstil, wie ihn die Grünen propagieren, deshalb, weil sich unter seiner Ägide die Menschen nicht länger ‚wie die Wildsau‘ verhalten dürften. Grau sieht diese Beschränkungen, die nebenbei auch ursächlich für das Strafgesetzbuch und andere Einrichtungen sind, als unzulässige Beschneidung einer grenzenlosen Freiheit durch korporative Regeln. Im Grunde – dies der Kern seiner Argumentation – will er uns den Anarchismus als Liberalismus verkaufen:

„Liberalismus wird vom grünkonservativen Mainstream so lang toleriert, wie er für Bürgerrechte kämpft, gegen Diskriminierung oder gegen den Überwachungsstaat. Schwierig wird es jedoch, wenn Liberale sich konsequenterweise auch für das individuelle Recht einsetzen, nicht nachhaltig zu sein, nicht sozial, nicht verantwortungsvoll oder auch nur nicht emanzipiert.“

Liberalismus wäre demnach das Recht jedes Einwohners, so doof, asozial und verantwortungslos zu sein, wie er will. Und mit dieser zutiefst antibürgerlichen Einstellung wundert sich Grau, dass die FDP abkackt?

9 Kommentare

  1. Horst Bartschick

    8. September 2011 at 11:04

    Wer liberal mit Egoismus, Kokain und Schwuchtel assoziert ist ein Depp. Liberal heißt repressionsfrei, freisinnig, vorurteilslos, freiheitlich … aufgeklärt (?) um nur ein paar Synonyme zu bemühen.
    Die Frage die sich stellt, ist doch, wo hört das Individuum auf und wo beginnt das Kollektiv? Man könnte ja eine Phrase formulieren, liberal heißt Freiheit des Individuum, aus dem die Verantwortung für alle erwächst.

    Dass die Grünen im Kern nicht liberal sind, ist evident (es ist übrigens nicht so, dass die Partei die Grünen sich nicht als Liberale Kraft im Land sieht! Eine der vielen Lügen dieser Gruppierung.). Inzwischen weiß doch jeder Klimaschutzjünger, dass das Klima, die Tier-, die Umwelt, das dritte Gender etc. am besten in einer Diktatur zu schützen ist. Haben Sie mal versucht einen Baum auf ihrem Grundstück zu fällen? Mit der STIHL kein Ding – wären da nicht die Genehmigungsverfahren etc etc.

  2. Vielen Dank für die gelungene Klarstellung!

  3. @ Horst Bartschick: Bleiben Sie doch einfach beim Text, Sie Quakbüddel: ‚Liberal‘ heißt laut Alexander Grau nun mal ‚egoistisch‘, ‚verantwortungslos‘ und ‚alles andere als nachhaltig‘. So steht es dort oben in seinem Elaborat, und das sei schließlich auch gut so, sagt dieser Liberale. Ihre Privatdefinitionen interessieren demgegenüber nicht die Bohne, sonst erzählen Sie uns irgendwann noch, ‚liberal‘ hieße am Ende ‚fromm‘, ‚tugendhaft‘, ‚drogenfrei‘ und ‚voller Nächstenliebe‘.

  4. @Horst Bartschick sagt:
    „Wer liberal mit Egoismus, Kokain und Schwuchtel assoziert ist ein Depp. Liberal heißt repressionsfrei, freisinnig, vorurteilslos, freiheitlich … aufgeklärt …“

    Mit dem zweiten Satz haben Sie recht, mit dem ersten aber überhaupt nicht. Liberal hieß vielmehr immer, also seit ein paar Hundert Jahren, seit es Liberalismus gibt, dies alles zusammen, mit all den Widersprüchen, die daraus folgen. (Z.B. haben die Liberalen in England die Sklaverei bekämpft und in die Bergwerken und Fabriken Zustände gefördert und verteidigt, die schlimmer waren als jede Sklaverei.)
    Und liberal hieß nie „Freiheit des Individuum, aus dem die Verantwortung für alle erwächst.“ Es ist und war immer wesentlich für den Liberalismus, zu meinen, daß so etwas wie Verantwortung überflüssig ist: Wenn nur jeder ungehindert durch traditionelle Privilegien oder durch irgendwelche Gedanken an das Gemeinwohl egoistisch handelt, dann ergibt sich das Gemeinwohl ganz von selbst, und „Privilegien“ ergeben sich auch von selbst, jetzt aber nur für die, die sie verdient haben. Nicht nur Alexander Grau, sondern die bedeutenden liberalen Theoretiker haben das so gesehen.

    Die Partei, die Sie als liberal beschreiben, mag ihre Vorzüge haben, ja die beste aller möglichen sein, aber es hat sie in der Geschichte nie unter dem Namen „Liberale“ gegeben.

  5. Ich schimpfe schon seit Jahren, dass ‚liberal‘ in Deutschland und ganz Europa als schönfärberisches Synonym für ‚anarchistischer Sozialdarwinismus‘ missbraucht wird. Die Väter des Liberalismus haben sich nie gegen – festgeschriebene – Regeln ausgesprochen, sie wussten immer, dass z.B. der Markt nie gänzlich frei sein könnte, ein Ideal bleiben muss. Die nächsten 2 bis 3 Generationen liberaler Denker gingen auch prompt in die unterschiedlichen Richtungen des klassischen Liberalismus, des Anarchismus [nein, nicht Bakunin, ich denke an Godwin] und sogar des Kommunismus. Ihr Gegner war erst der Adel mit seinen ererbten Privilegien und Ansprüchen, später der brutale Neofeudalismus, wie wir ihn u.a. in Dickens Romanen aufgeschrieben sehen.

    Ich habe bis heute nicht verstanden, weshalb unsere Neo“liberal“en überhaupt noch Gesetze unterstützen. Wer meint, der Markt könne alles regeln, darf sich nicht gegen Diebstahl, Betrug [OK, da machen sie gerne mit, siehe Plagiatoren] oder Mord stellen. Warum so ehrenwerte Berufe wie Heiratsschwindler oder Auftragskiller verbieten, regelt das etwa nicht der Markt? Dürfen Menschen mit diesen Talenten etwa nicht ihr Glück selbst schmieden?

    Die, wieder einmal, albern-ideologische Apoditktik gegen die GRÜNEN da oben, zeigt uns nur, dass selbst Leser intelligenterer Blogautoren zu einfachsten Schemata neigen – die mit den weißen Hüten sind die Guten.

  6. @Dierk
    „Die Väter des Liberalismus haben sich nie gegen – festgeschriebene – Regeln ausgesprochen, sie wussten immer, dass z.B. der Markt nie gänzlich frei sein könnte, ein Ideal bleiben muss.“

    Schon, aber „die Väter“ sind immer solche, die nicht so schlicht gestrickt sind wie der der Typ von Ideologie, als dessen Väter sie gelten, und darum auch nicht so schlimm wie die reale Politik, die unter dem Namen dieser Ideologie gemacht wird. Das ist beim Liberalismus nicht anders als beim Konservativismus oder Kommunismus. Und das erlaubt den jeweiligen Anhängern, sich bequemer ein besseres Gewissen zu verschaffen, als es angemessen wäre – man ist ja immer ein Anhänger der „Väter“, sozusagen des jeweiligen Jesus und nicht der Päpste und der Großinquisitoren. Dagegen ist nichts zu sagen, aber man sollte nicht durch Zitieren der „Väter“ die Realität der jeweiligen politischen Lager verschwinden lassen.

  7. @ Ludwig Trepl: Diese gesellschaftliche Selbstregulierung, die durch das egoistische Treiben der bourgeoisen Sauherde entstehen soll, ist geradezu der religiöse Kern des Liberalismus – es ist Adam Smith’s „unsichtbare Hand“: Wenn alle nur nach Kräften ihren Nächsten übers Ohr hauen, entsteht wie von selbst das Himmelreich einer idealen Gesellschaft. Im Grunde ist es eine Ganoven-Religion, entwickelt von den Besitzenden und Gebildeten der Gesellschaft … ihr Fehler ist derjenige aller Religionen, sie haut nicht hin.

  8. Jede gerechte Form des Kommunismus oder Liberalismus bleibt Utopie.

  9. Horst Bartschick

    10. September 2011 at 16:20

    gerechte Form des Kommunismus 🙂 ich lach mich schlapp. Contradictio in adjecto

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