In der ‚Welt‘ versucht ein Jaques Schuster unserer Gesellschaft die Diagnose einer ‚Infantilisierung‘ zu stellen – und eine Art literarischer Manga-Comic kam dabei heraus. Nicht nur Männer mit ‚Tretrollern‘ und ‚Handhelds‘ dienen ihm als Beleg, auch die holde Weiblichkeit muss dran glauben:

„Frauen schielen auf die „Botox to go“-Werbung, trinken aus ihren Wasserflaschen, die an wohlige Kindergartentage erinnern, oder spielen „Final Fantasy“ – wahrscheinlich als Fortsetzung ihrer Harry-Potter- und „Herr der Ringe“-Lektüre, die in den vergangenen Jahren den Romanen für Erwachsene schwere Konkurrenz gemacht haben.“

Aha – wieder mal der alte Befund: Zeige mir, in welcher Welt du mit deinen Vorurteilen es dir eingerichtet hast, und ich sage dir, wes Geistes Kind du bist. Letztlich aber bildet immer die Differenz den Test auf die Schlüssigkeit solch wilder Thesen. Es wäre also der Nachweis zu führen, dass die reiferen Semester früherer Generationen wesentlich ‚erwachsener‘ gewesen seien. Das aber tut Jaques Schuster aus gutem Grund nicht.

Denke ich bspw. an meinen Vater zurück, einen Geschäftsmann der Kriegsgeneration, dann spielte der mit den anderen seines Schlages emsig Theater, sie hießen in ihrer Fantasie ‚Wichtigmann‘ und ‚Großhuber‘, trugen steife Hüte, die sie unentwegt voreinander zogen, qualmten dicke Zigarren, natürlich auch im Innenraum ihrer Autos, und sie rannten zu jedem ‚Event‘ dieser Wirtschaftswunderzeit, ob nun die ‚United States‘ an der Columbuskaje festmachte oder ob Rudi Schuricke in der Music Hall sang. Auch das waren für sie ‚Termine‘. Beim Klang der ‚Caprifischer‘ hatten sie Tränen in den Augen.

Vor allem aber hatte fast jeder einen Sammeltick: Der eine kassierte alle Zigarrenbinden ein, beim nächsten wuchs seine Modelleisenbahn in jedem Jahr um einige Quadratmeter, der dritte ließ die Zuckerstückchen – immer zwei in einem Block – aus allen Restaurants mitgehen. Kiste um Kiste zog er aus dem Regal, alle prall mit umwickeltem Zucker gefüllt. Andere pflegten ihre Vitrinen mit den Wiking-, Matchbox- oder Siku-Autos. Gelesen wurden die Reißer für die ‚reifere Jugend‘  – ich rede hier wohlgemerkt von Unternehmern und Ingenieuren: Kapitän Hornblower bspw., Friedrich Gerstäcker oder Fritz Steuben. Die Sachen aus dem Bertelsmann-Lesering – Bromfields ‚Großer Regen‘, Hemingways ‚Wem die Stunde schlägt‘ etc. – standen eher wegen der Optik im Schrank, oder für die Frau. Ein mäßig exotisches Exemplar dieser Generation hatte sogar eine ganze große Schublade voller Tibor-Heftchen, in denen Gäste allerdings nur mit Handschuhen bekleidet blättern durften. Wenn die Karl-May-Filme liefen, ging man ‚wegen der Kinder‘ ins Kino, und amüsierte sich mehr als sie.

Diese Generation war also schon ebenso ‚infantil‘ wie alle nachfolgenden. Die nächste nämlich glich ihr im Geiste, wenn auch nicht unbedingt in der Optik. Ich denke gerade an den Anblick bonbonfarbener Aerobic-Damen in ebenso prallen wie unvorteilhaften Ganzkörperstrumpfhosen, mit ewig rutschenden ‚Legwarmers‘ als Ausweis ihres Erwachsenseins. Von den ‚Poppern‘ will ich hier gar nicht erst reden! Das alles war Manga, bevor hierzulande die japanischen Computerspiele Einzug hielten. Und letztlich – was machen denn unsere Börsenzocker heute anderes, als auch nur daddeln?

Kurzum, die ganze These von der ‚Infantilisierung‘ unserer Gesellschaft ist aus historischer Sicht schlicht Käse. Ich könnte noch weiter zurückgehen, daran erinnern, welch kindlichen Blödsinn ein Kammerherr von Goethe mit dem Weimarer Adel an den Ufern der Ilmenau auch noch in reiferen Jahren anstellte. Soziologisch ausgedrückt: Das Infantile ist eine Konstante aller Gesellschaften, es ist aber nie ein Indiz für deren Verfall. Eher im Gegenteil.

Darum aber geht es Jaques Schuster … er möchte uns die Piraten wegen ihres ‚Playmobil-Charmes‘ (der ja auch nur entstanden ist, weil den Redaktionsgrafikern zum Thema ewig nichts anderes einfiel) als große Kinder vorführen, die immer nur „haben, haben, haben“ wollen. Deshalb sei auch ihr Kampf für ein zeitgemäßes Urheberrecht nichts als eine Riesenkindsköpperei von Leuten, die ihre orale Phase nie überwanden. Während jeder seriöse Zocker doch vergleichsweise anal und ‚erwachsen‘ darauf spekuliert, dass er erst in drei Monaten seine vierte Million einstreichen kann. Wegen ihres kindlichen Schnappi-Schnappi-Reflexes seien die Piraten zur Erfolglosigkeit verdammt, so wie einst Tolkien mit seinem ‚Herrn der Ringe‘ … darauf kommt Jaques Schuster allerdings erst ganz am Schluss seines arg länglichen Riemens zu sprechen. Obwohl der ganze Text ohne die zunehmend infantil ablaufende Urheberrechtskampagne doch gar nicht erst entstanden wäre …