Auch wenn die Begründung für den Büchner-Preis wieder einem mühseligst hochgestemmten Feuilleton-Geschwurbel gleicht, wo der Leser solchen Drecks gleich weiß, dass der Schreiber dieses Instant-Elaborats den Besprochenen nie selbst gelesen, dafür aber tief in den Kasten mit den altbewährten Allzweck-Lego-Steinen gegriffen hat:

Jirgl habe in seinem Romanwerk „von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet“.

„Verstörend suggestiv“, „sinnlich anschaulich“ – alles Quark. Ein Text von Jirgl gleicht zunächst mal einem widerhakenbewehrten Drahtverhau, er schlägt unseren Lesegewohnheiten frontal ins Gesicht, sinnlich ist dort rein gar nichts. Reinhard Jirgl spielt auf bewundernswerte Weise mit dem Material und mit der Orthographie der deutschen Sprache, aus den bewussten ‚Fehlern‘ erblüht eine Welt von ungeahnten Nebenbedeutungen. In seiner Art erinnert Jirgl am ehesten noch an Arno Schmidt. Textprobe:

„Und bleib inmitten dahinkwellender, mit immer Mehrmensch sich vollsaugender Menge 1fach stehn, stell Koffer & Reisetasche ab: – 1 geschniegeltes Bürschchen im Trenchcoat rempelt seinen Koffer gegen mich, das Scheißpennergesox verfluchend, – & hastet mit fliegendem Mantel weiter; ich blicke mich um.“ (Abtrünnig, S. 68)