Stilstand

If your memory serves you well ...

Erinnerung

Als ich noch jung und naiv war, da glaubte ich, zum Schriftsteller tauge jeder, nur nicht ich. Derart lückenhaft war meine Erinnerung, dass sie dem großen Nachthimmel glich mit seinen spärlichen Sternen und der vielen Dunkelheit dazwischen: Hier ein halbwegs klares Bild, das wabernd aus den Synapsen aufstieg, oft noch an ein Trauma gekoppelt, dort ein heimatlicher Geruch, der unscharf Vergangenes beschwor. Dazwischen war nichts als Leere, die ich mir mit Selbsterfundenem erst zu einer halbwegs folgerichtigen Geschichte ausmalen musste. Und die vergangenen Gespräche! Jeder Wortlaut war dahin, höchstens hier mal eine Redewendung oder dort ein verblühter Witz. Mein Freund Uwe sagte alle Naslang „Alter Schwede!“ … jaja. Dabei diskutierten wir damals nächtelang über Gott und die Weiber. Geblieben war aber nur ein Klangkörper aus Dialogfetzen, so wie einst der Plünnenstapel beim Lumpen-Hugo. Mit einem Wort: Biographie ist zu 99 Prozent Phantasie.

Als ich älter wurde, ging mir auf, dass es allen anderen genauso geht. Buchstäblich alles ist erstunken und erlogen, oder mehr oder minder gekonnt zusammengereimt – die ellenlangen Dialoge in den ‚Buddenbrooks‘, die vergangene Welt der jüdischen Bourgeoisie beim Marcel Proust, die Frontabenteuer des Ernst Jünger – ja, sogar diese überaus realistischen Disco-Erlebnisse des Frollein Hegemann … Seither führe ich Tagebuch, damit zumindest der Erinnerung ein wenig mehr fester Boden verbleibt.

6 Kommentare

  1. Wolfgang Hömig-Groß

    10. Januar 2011 at 8:55

    Ja, kenn‘ ich gut und setze noch eins drauf: dahin ist bei mir auch alles, was ich gelesen habe: Beim Lesen selbst nicke ich mit dem Kopf (oder schüttle ihn), verstehe alles, finde die Argumentation die Einfachheit und Klarheit selbst – kaum ist das Buch zugeklappt, ist (fast) alles dahin. Oft finde ich dann noch nicht mal eine bestimmte Stelle wieder, wenn ich sie nochmal nachlesen will. Mein Leben kommt mir vor, als würde ich mit einem sehr löchrigen Sieb mit sehr großen Maschen in einem ausgetrockneten Fluss versuchen, Bakterien zu fangen. Kein Wunder, dass ich dann lieber die Enten füttere …

  2. Aus diesem Vergeblichkeitsgefühl heraus entstanden die Zettelkästen eines Jean Paul oder Arno Schmidt. 😉

    Bei Zitaten aus Büchern erinnere ich mich nur selten an den exakten Wortlaut, seltsamerweise aber immer sehr gut, wo ein Zitat stand, dessen Inhalt mich beeindruckte. Also bspw „oben auf einer rechten Seite“. Es ist ganz selten, dass ich mich hierbei irre …

  3. Erinnerung vs. Tagebuch.
    Welch Zufall: Höre gerade im Radio eine Lesung aus Thomas Manns Tagebüchern (1918), in den vergangenen Tagen las ich Keith Richards‘ LIVE und nun Raddatz‘ „Tagebücher“.
    Habe tatsächlich nicht den Eindruck, das da gelogen wird.
    Mann: oft nur banal, aber aufrichtig.
    Richards: lesenswert, konnte gar nicht mehr aufhören, las also die 730 Seiten in drei langen Sitzungen.
    Raddatz: eitler Fatzke, der sogar die eigene Eitelkeit sehr oft niederschrieb und man jetzt beim Lesen nicken muss. Bei Seite 78 wollte ich schon aufhören (das Buch war „nur“ ein Geschenk).
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    Am besten noch: Rühmkorfs „Tabu“, bereits im letzten Jahr verschlungen.
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    Mit den Zitaten aus Büchern geht’s mir ähnlich, allerdings muss ich immer das komplette Buch durchsuchen, auch wenn ich überzeugt war: „Es war doch gegen Ende, oben rechts.“ Nee, war’s nicht.
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  4. Wolfgang Hömig-Groß

    10. Januar 2011 at 16:32

    Hehe – offensichtlich sind wir alle Menschen: das mit den Seiten (rechts oben etc.) ist bei mir auch so und auch ich irre dabei fast nie.
    Wie oft ich andererseits mit Zettelkästen und Post-its versucht habe, das Vergessen zu bekämpfen habe ich vergessen, kann aber deine angefangene Zettelkastensammlung noch um einen erweitern, der mich sehr beeindruckt hat: Niklas Luhmanns.
    Da gibt’s schöne Filme (auch im Web), in denen er das selbst erklärt – was aber leider auch nicht viel einfacher zu verstehen ist als seine anderen Theorien.
    Und es gibt Leute, die auf diesem Prinzip basierende Freewareprogramme geschrieben haben. Hat aber leider alles nix geholfen – bei mir.

  5. Wolfgang Hömig-Groß

    10. Januar 2011 at 16:38

    Ach so: Lügen finde ich ein hartes Wort. Ich glaube der Fachbegriff heißt freie Konjektur^^.

  6. @ Wolfgang: Ich habe mir unter MS Access eine Zitatdatenbank aufgebaut. Seither lese ich jedes Buch mit dem Bleistift in der Hand – und anschließend werden die wichtigsten Zitate ‚verschlagwortet‘, sofern darin etwas Aufbewahrenswertes zu finden war. Funktioniert ganz gut, so um die 5.000 Zitate habe ich dort alphabetisch archiviert.

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