Stilstand

If your memory serves you well ...

Erfundene Situationen

Einen Gedanken in ein gut erfundenes anekdotisches Umfeld zu stellen, gehört zu den wirkungsmächtigsten Strategien der Polemik überhaupt. Das alltägliche Leben beglaubigt dann scheinbar die Beweisführung. Henryk M. Broder gehört zu den unbedenklicheren Anwendern dieses Verfahrens – wie auch in diesem Fall:

„Wenn Sie das nächste Mal bei Ihren Nachbarn zu einer Geburtstagsparty eingeladen sind, dann machen Sie – beiläufig, zwischen einem Prosecco und einen Mojito – die Probe aufs Exempel. Sagen Sie einfach, ohne ihre Stimme zu erheben oder zu senken, den Satz: „An allem sind die Juden und die Fußgänger schuld.“ In neun von zehn Fällen wird Ihr Gegenüber mit der Frage reagieren: „Wieso die Fußgänger?“

Es mag ja sein, dass der Henryk M.Broder komische Freunde hat, so viel zumindest würde ich ihm zutrauen. Von meinen Freunden aber hätte keiner so reagiert, wie beschrieben, noch nicht einmal einer von zehn: „Was redest du denn für’n Scheiß daher?“, „Woran denn schuld, Alter? War das Klopapier alle?“, „Komm, trink noch drei Mojito, dann geht das Resthirn auch noch flöten!“, „Nix zum Poppen gefunden, alter Mann?“ – so oder ähnlich hätten unter meinen Freunden die Reaktionen auf Broders blödsinnige Provokation gelautet.

Mit anderen Worten: Broder greift sich eine erfundene Situation voll erfundener Deutscher aus der Luft. eine Situation, die faktisch weder er noch jemand sonst so je erlebte – weil er aber diese Situation als reales Erlebnis camoufliert, leuchtet sie uns trotzdem ein, weil wir das Anekdotische schon aus Höflichkeit nie hinterfragen. Wir müssten den Erzähler sonst umstandslos als Lügner oder Münchhausen bezeichnen. Es ist der literarische Taschenspielertrick eines geborenen Märchenonkels … und hat der einen solchen anekdotischen Fels erst einmal erfolgreich in den Strom des Diskurses gerollt, kommt fortan auch niemand ohne Beulen an seiner Prämisse vorbei, obwohl an ihr so rein gar nichts stimmt, außer dass sie gut erfunden ist.

8 Kommentare

  1. Horst Bartschick

    24. August 2011 at 14:02

    ich teile Ihre Analyse und Schlüsse meist nicht, Ihre Meinung verpackt in diesem Schreibstil ist mir aber dennoch ein Hochgenuss.
    Mit dem gleichen Argument lese ich bei Herrn Broder, dem Fußgängerjuden!

  2. Einspruch euer Ehren, diese Falle ist m.E. geschickt konstruiert.
    Mir hätte die von Broder erfundene Äußerung durchaus entfahren können, kurz bevor das Nachdenken einsetzt.
    Und das liegt daran, dass das eine Vorurteil weit verbreitet und viel gehört (die Juden sind an allem Schuld), das andere aber ausgesprochen exotisch ist. Das erklärt, warum immerhin 9 von 100 Deutschen so zurückfragen könnten. Anders sähe es aus, wenn man andere beliebte Zielgruppen für Verschwörungstheorien statt der Fußgänger einfügt (Freimaurer, Islamisten, Atomindustrie, Kommunisten, …). Dann fragt keiner mehr zurück.

  3. Es wäre vielleicht interessant, die Sache tatsächlich mal experimentell zu prüfen. Über ein Ergebnis im Sinne der Broderschen Behauptung wäre ich allerdings sehr überrascht.

    Broder hat seine Verdienste. (Stichwort: Linker Antisemitismus.) Leider liegen die schon etliche Jahre zurück.

    Er schreibt auch ganz nette Reisereportagen. Vorausgesetzt, er berichtet aus einem Land, in dem es weder Moslems, noch Juden noch Deutschen in nennenswerter Zahl gibt.

  4. @ MartinM: Erstaunen würde vor allem ein Ergebnis im Sinne dieser Pseudo-Präzisierung von fast schon Sarrazin’schem Format („in neun von zehn Fällen wird …“). Da lutscht der Herr so offensichtlich an den Tatzen, dass es jeden Empiriker graust.

    @ WFHG: Keine Angst, wer bloß fürs Papier seine rhetorischen Mausefallen erfindet (die er ja realiter nie gestellt hat), der kann auch niemanden faktisch hineintappen lassen. Schon bei der Lektüre macht die Vernunft, sowohl in Erwartung des üblichen Broder’schen Kunstkäses, der darin als Köder dienen wird, wie auch aus Gründen der Geisteshygiene, einen ganz weiten Bogen um das Broder’sche Herzhäuschen.

  5. Selbstverständlich hat Broder recht, was die zu erwartenden Antworten betrifft. Dazu braucht’s keine statistisch abgesicherten empirischen Untersuchungen, ein bißchen Lebenserfahrung und ein Hirn reicht. Warum das Experiment dieses Ergebnis hätte, hat WFHG erklärt. Nicht recht hat Broder insofern, als er suggeriert, daß dieses Ergebnis ein Beweis dafür sei für die weite Verbreitung antisemitischer Gesinnungen.

  6. Dazu braucht’s keine statistisch abgesicherten empirischen Untersuchungen

    Genau, wenn mein Bauchgefühl das sagt, MUSS es ja stimmen, da zieht man sich dann auch gleich mal die handfesten Zahlen aus dem Arsch. Seit einiger Zeit auch als ‚Statistikmodell Sarrazin‘ bekannt. In den USA auch als ‚truthiness‘ bezeichnet.

    Schon seltsam, wird ein Phänomen untersucht und bestätigt gefunden, schreien alle, dass man das auch so gewusst hätte, für solche überflüssigen Studien sollte kein Geld ausgegeben werden. Kommt das Gegenteil dessen raus, was viele dachten, wird das Ergebnis einfach ignoriert, passt es doch nicht ins Weltbild. Werden steile, empirisch überprüfbare Thesen in den Raum gestellt, dann bitte sollten diese auch überprüft werden.

    WFHG stellt vollkommen korrekt die Perfidie von Broders Polemik heraus. Es ist zwar kein neuer, aber doch ein wirksamer Kniff, zwei Gruppen gegenüberzustellen, die völlig unterschiedlichen Kategorien angehören und damit einen Gedankenbruch zu verursachen. Satire und Komik basieren oft auf Kategorienvermischung.

    Wir haben hier eine Gruppe die – fälschlicherweise! – als homogen in diversen Kriterien angesehen wird, die verglichen wird mit einer anderen Gruppe, die ausschließlich über ein – oberfächliches und willkürliches – Merkmal definiert ist. Natürlich werden viele Angesprochene im ersten Augenblick die willkürlich gegriffene Gruppe in Frage stellen, einfach, weil sie so überhaupt keinen Sinn ergibt.

    Ersetzen wir doch die erste Gruppe einmal mit einer anderen willkürlich gegriffenen: ‚An allem sind die Moslems und die Fußgänger schuld!‘

  7. „Natürlich werden viele Angesprochene im ersten Augenblick die willkürlich gegriffene Gruppe in Frage stellen, einfach, weil sie so überhaupt keinen Sinn ergibt.“
    Da machen Sie es selber: Was nach Ihrer Auffassung erst nach einer statistischen Absicherung gesagt werden darf, ist „natürlich“ so.

    Sie kommen einfach nicht darum herum: Man kann harte Daten sammeln wie man will – sie sagen nichts, bevor man sie nicht interpretiert, und beim Interpretieren ist man doch wieder auf das angewiesen, was einem der Alltagsverstand sagt – das, was Sie irrtümlich „Bauchgefühl“ nennen, was aber etwas ganz anderes ist. Natürlich verlangt dieser Alltagsverstand nach Kritik, aber dabei spielen die „Daten“ eine relativ untergeordnete Rolle.

    „… auch gleich mal die handfesten Zahlen…“ – Das macht Broder nicht. Für jeden, der lesen kann, ist „9 von 10“ nicht in dem Sinn gemeint, den Sie hier unterstellen.

    Noch mal: was man Broder hier vorwerfen kann, ist allein das Suggerieren der Schlußfolgerung „es liegt am Antisemitismus“, nicht das Operieren mit einem „Gedankenexperiment“.

  8. Gähn… uralter jüdischer Witz, den der Herr Broder hier anscheinend mehr schlecht als recht erzählt…
    „Wieso die Fußgänger?“
    „Wieso die Juden?“

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