Von Georg Christoph Lichtenberg kommt die gute alte Schreibregel, die da lautet: „Erfindet, wenn ihr wollt gelesen sein„. Diese Regel nahm sich wohl auch Jawaharlal Nehru zu Herzen, der erste indische Ministerpräsident nach der Unabhängigkeit des Subkontinents im Jahr 1947. Auch wenn Nehru, der Erfinder des Begriffs ‚Dritte Welt‘, seine Weisheit vermutlich nicht aus Europa, sondern von einem indischen Aufklärer bezogen haben dürfte.

Bis zu seiner Vereidigung verbrachte Nehru mehr Jahre in den Gefängnissen der Engländer, als in der Freiheit. Zwar verfügte er dort hinter Gittern naturgemäß kaum über eine systematisch organisierte Lektüre, dafür aber hatte er jede Menge Zeit zum Schreiben. So verfasste er, ohne sich groß um Quellen zu kümmern, eine Weltgeschichte, die einerseits auf dürren Fakten basiert, auf dem, ‚was doch jedes Kind weiß‘ – und andererseits ergänzt er dies durch ein Übermaß an Phantasie und Erfindung. Für mich ist dies Buch, das die Form von Briefen an seine Tochter Indira hat, ein echtes Kuriosum in meiner Bibliothek.

Mit der Extraportion dichterischer Freiheit ...

So wie hier jedenfalls habe ich die Französische Revolution und Napoleons Machtergreifung noch nie betrachtet:

„Frankreich war damals von einer seltsamen, wilden Schönheit. Ein französischer Poet, Barbier, hat es mit einem wilden Tier verglichen, mit einer stolzen und freien Stute, die ihren Kopf hochtrug, und deren Haut glänzte; ein schöner Vagabund, Sattel, Saumzeug und Zügel mutwillig zurückweisend, den Boden stampfend und die Welt mit dem Geräusch ihres Wieherns erschreckend. Diese stolze Stute ließ sich willig von dem jungen Mann aus Korsika reiten, und er vollbrachte manche wunderbaren Taten mit ihr. Er zähmte sie auch und zwang das wilde freie Geschöpf, seine Freiheit und Wildheit zu vergessen. Er nützte sie aus und ritt sie bis zur Erschöpfung, bis sie ihn abwarf und selbst dabei zu Boden stürzte“ (443 f).

Diese Version der Historie ist ’schon ’ne dolle Nummer‘: Da gibt es nur noch Napoleon und diese Rosinante namens Frankreich, den großen Mann und die Nation, die er seinem Willen unterwirft, alles ist ein Zweikampf zwischen diesen beiden, die anderen europäischen Mächte kommen gar nicht mehr vor, Napoleons Sturz wird gewissermaßen zum Malheur in der Reitschule.

Trotzdem ist es natürlich ein höchst dichterisches Bild, das Nehru verwendet, erfindungsreich, metapherngeprägt und voller Orientalismen. Und er beschwört, dies wohl das Resultat seiner ‚indischen Erlebnisse‘, den ‚großen Mann‘, den ‚Helden‘, einen ‚Maharadscha der Freiheit‘, den die entstehende Demokratie dort in einem untertänigen Bauernland faktisch brauchte; und er weist auf die weltgeschichtliche Rolle der ‚Erfahrung‘ hin, die von Historikern westlicher Provenienz allzu oft unterschätzt wird – auch dies wäre in unseren europäischen Augen eher eine literarische Kategorie:

„Während revolutionärer Epochen scheint die Geschichte mit Siebenmeilenstiefeln zu marschieren. Finden schon äußerlich schnelle Veränderungen statt, so ist die Wandlung im Bewußtsein der Massen noch größer. Sie lesen wenig aus Büchern, da sie nur wenig Gelegenheit haben, sich Bücherweisheit anzueignen; außerdem verbergen Bücher oft mehr als sie enthüllen. Ihre Schule ist die härtere, aber der Wirklichkeit nähere Erfahrung. Während des Kampfes um die Macht in einer Epoche der Revolution, der auf Leben und Tod geht, fallen die Masken, die gewöhnlich die wahren Motive der Menschen verbergen, und das wirkliche Fundament der Gesellschaft läßt sich erkennen. Während des schicksalhaften Jahres 1917 in Rußland lernten die Massen … ihre Lektionen aus den Ereignissen, und sie veränderten sich beinahe von Tag zu Tag“ (S. 753).

Unübersehbar ist, wie hier die ‚indischen Erfahrungen‘ Nehrus in seine Geschichtsbetrachtung einfließen. Wir dürfen dabei nie vergessen, dass diese ‚literarische Vision‘ eines Geschichtenerzählers politisch die durchsetzungsfähigere war. Denn die Engländer mussten gehen. Literatur und Politik liegen damit weniger weit auseinander, als kulturferne Macher und Spin-Doktoren es oft glauben …