Stilstand

If your memory serves you well ...

Eins, zwei, alle!

Niemand käme wohl auf die Idee, aus Breiviks Tat abzuleiten, dass „alle Norweger islamophobe Amokläufer“ seien. Im medialen Raum fallen Verallgemeinerungen allemal leichter: Wenn ein notorischer Irrläufer für eine linke Sektiererpostille ein wildes Potpourrie zusammenschreibt, macht der Henryk M. Broder daraus prompt einen exemplarischen Fall „der deutschen Intellektuellen“. Schon stimmt das Feindbild wieder, der einzig aufrecht Denkende weit und breit fordert die verkommene Intelligentsia aus Feuilleton, Funk und Fernsehen wieder mal in die Schranken.

Wiglaf Droste, der uns diese Entengrütze anrührte, ist eigentlich vom gleichen Schlag wie der Broder – das personifizierte Dissidententum, für eine gute Metapher die eigene Schwiegermutter dolchend, allzeit nach dem Motto lebend „Viel Feind, viel Ehr“. Und zudem war es die einzig denkbare (Op-)Position im allgegenwärtigen Nine-Eleven-Gejodel des medialen Mainstreams, daran zu erinnern, dass an jenem elften September eben nicht die ganze Welt in Trauer und Entsetzen versank, sondern dass in weiten Teilen der südamerikanischen und arabischen Welt ‚Dancing in the Street‘ angesagt war. So ist es halt gewesen … selbst wenn dieses Faktum heute in einer ehemaligen FDJ-Postille steht, die in der Presselandschaft die Pole Position behauptet, was praktizierten Steinzeit-Dogmatismus betrifft.

Drostes Text gipfelt schlussendlich in einer höchst dämlichen Conclusio, die schon deshalb einfach nur bescheuert ist, weil solche Art von ‚Architekturkritik‘ seit Guernica und dem Hamburger Feuersturm zahllose Vorläufer hatte. Seine Sätze stimmen schlicht nicht, er wollte einen Witz machen – und er ist auf der Fresse gelandet:

„Der Einsturz zweier häßlicher und sehr verzichtbarer Türme hat nur nationalfolkloristische Bedeutung. Für mich wird der 11. September 2001 bleiben als die Geburtsstunde der bemannten fliegenden Architekturkritik.“

Interessant ist, was Broder jetzt aus diesem Aussetzer des Solitär-Schreibers Wiglaf Droste fabriziert, der eben nicht für viele steht, weil er in seiner mangelnden Kompatibilität etliche Redaktionen schon unter Absingen lauthälsiger Schmähkritik verlassen musste, allen voran die taz. Broder greift sich ein paar ranzige Fälle von Anno Dunnemals, um seine These flutschig einzufetten, namentlich den Schwafelprinzen karnevalistischer Artifizialität, den Karl Heinz Stockhausen, mit einem Zitat aus dem Jahre 2001:

„Bereits fünf Tage nach 9/11, am 16. September 2001, hatte der Komponist Karlheinz Stockhausen die Anschläge als „das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat“, bezeichnet.“

Zur Abrundung für den Massengeschmack nimmt er dann noch ein wenig feuilletonistischen Instant-Philosophusch vom Roger Willemsen und einen obskuren norwegischen Friedensforscher, den niemand kennt – und fertig ist die Terrine à la Broder: Darin schwimmen vier eher randständige Feuilletonisten, nämlich der Galtung, der Droste, der Stockhausen und der Willemsen, die im Laufe der Jahre mal mehr oder minder bekloppte Dinge zu Nine-Eleven in die verdutzte Öffentlichkeit hinausgeröhrt haben – an diesem quartetthaft-massenmäßigen Auftreten könne man wiederum sehen, wie die gesamte europäische Intellektualmafia gestrickt sei, das sei eine ebenso gefühllose wie geschlossene Gesellschaft, die bekanntlich noch immer einem Jahrhundertgenie wie Henryk M. Broder den gebührenden Rang verweigere. Diese Clique, so Broder, leide im Grunde unter einer „Gefühlskälte, wie sie spätestens seit der Posener Rede von Heinrich Himmler zur Grundausstattung vieler deutscher Intellektueller gehört.“

Kurzum – wieder mal alles Schlingels, außer Pappa, der aus vier weit entfernt liegenden Geschmacksrichtungen uns einen Tutti-Frutti-Eintopf zu zaubern versteht. Was Broder nicht sehen will – solche seiner Sätze, wie der letztgenannte, liegen auf dem Niveau, über das er beim Droste lamentiert. Beides sind Spiegeläffchen …

Im Grunde – zumindest ist das meine Überzeugung – reagierte der Henryk M. Broder bei seinem Rant nur auf die artistische Gefühllosigkeit eines Wiglaf Droste, der es gewagt hatte, den Schweiß der Edlen bei der ‚Achse des Guten‘ als Stunk zu verdächtigen. Bis zum Beweis des Gegenteils halte ich diesen Satz für initial anlässlich, und nicht denjenigen, über den Broder vorgibt, sich aufzuregen:

„Verschwörungstheoretiker hören nicht auf zu spinnen, und ihren Gegnern von der »Achse des Guten« fällt nichts Öderes ein, als sie mit Auschwitz-Leugnern auf eine Stufe zu stellen. Da riecht es dann eher nach der Altherrenachsel des Blöden.“

6 Kommentare

  1. Hat gestern abend jemand Broder über Verschwörungstheorien gesehen? Dieses beschränkte Denken ist schon peinlich.

  2. Die größten Streiter gegen Theorie-Verschworne,
    sind – geht’s um Islam – selbst Vernunft-Verlorne.

  3. geneigter beobachter

    19. September 2011 at 12:58

    schon augenfällig, wie beim namen broder hier alle sicherungen durchknallen. man muss kein hobbypsychologe sein, um schlichten neid zu diagnostizieren.

  4. Ach Gott, ach Gott – und wer was gegen Dieter Bohlen sagt, um mal einen invektivnotorisch parallel gelagerten Fall heranzuziehen, der hätte auch nur einen Neidkomplex?

  5. geneigter beobachter

    24. Dezember 2011 at 1:16

    nein, der nicht, weil wir doch nicht äpfel mit birnen vergleichen wollen.
    hier muss sich der blogbetreiber auf seinem ureigensten feld, dem des journalismus, messen lassen.

    der eine hat, trotz abgebrochenem studium, erfolg und wichtiger, aussenwirkung . er schreibt in einer süffigen, zugegeben auch polemischen sprache und trifft den kern der sache.

    der andere bleibt, trotz doktortitel, in seiner gedrechselten sprache ausschließlich polemisch, um nicht zu sagen geifernd, an seiner wirkungslosigkeit irre werdend.

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