Stilstand

If your memory serves you well ...

Ein Kerl, eine Meinung?

Die Frage, wie Text und Moral zusammenhängen, beschäftigte schon Generationen – und wird die folgenden auch nicht loslassen. Eine der ältesten literarischen Kritikformen ist es in solchen Zusammenhängen, einem Autor moralische Fragwürdigkeit oder Doppeldeutigkeiten nachzuweisen, um ihn künstlerisch zu diskreditieren. Muss das immer und in jedem Fall zutreffen?

Eins ist klar: Wer sich – wie Gottfried Benn – zeitweilig mit den Nazis einließ, dem klebt der Dreck politisch ewig am Stecken. Wie aber ist es, wenn sich zwei gute Ziele diametral widersprechen? Dann wird es haarig. Ein schönes Beispiel dafür bietet George Orwell.

Im Auftrag der BBC war Orwell Teil des britischen Propaganda-Apparates. Dort galt es, ‚als Guter‘ natürlich, der Nazi-PR entgegenzuwirken. Was Orwell auch äußerst erfolgreich tat. Er lobte unter anderem den großen Führer und Strategen Stalin, wobei bis in den Wortlaut hinein seine eigenen Texte manchmal denjenigen des ‚Großen Bruders‘ aus dem Roman ‚1984‘ ähneln. Wenn er bspw. den Durchhaltewillen anstachelte und die ideologische Einigkeit der Alliierten pries, die ‚gaaanz bestimmt‘ und keinesfalls die osteuropäischen Länder dem Kommunismus ausliefern würden. Alles aber diente ja einem übergeordneten guten Zweck – dem Sieg über Hitler.

Parallel hatte Orwell die ‚Farm der Tiere‘ im Typoskript bereits fertiggestellt, eine der schärfsten Kritiken des Stalinismus in der Weltliteratur, und auch die ersten Kapitel des Romans ‚1984‘ mit seiner Kritik des Totalitarismus entstanden in dieser Zeit. Was Orwell also selbst praktiziert, ist eine Form des ‚Neusprech‘, jener Sprache, die den 1949 erschienenen Roman dann beherrschen wird, um gewissermaßen mit Orwell ‚vor Orwells Verfahren‘ zu warnen. Wo das bis in die Details BBC-ähnliche ‚Ministerium für Propaganda‘ dann ‚Ministerium für Wahrheit‘ heißen wird. Diese weltliterarische Warnung in humanistischer Absicht dient ebenfalls einem guten Zweck, wie die vorherige ‚verlogene‘ Propaganda auch.

Moralische Fragen sind daher auch in der Literatur niemals mit grautonarmen Schwarz-Weiß-Schemata zu erfassen. Das ‚cui bono?‘, das ‚wem nützt es?‘, entscheidet, gut jesuitisch, vor allem anderen. Erst musste Hitler besiegt werden, dann Stalin bekämpft. Wir können jedoch mit Sicherheit sagen, dass Orwell seine antitotalitären Einsichten als ein Partizipant jener totalitären Systeme gewann, als deren unfreiwilliger Parteigänger er lange schrieb. Was wiederum die tiefen Einsichten in die Natur solcher Systeme hervorruft, die wir heute bewundern. Weil Erfahrung der beste literarische Grundstoff ist und bleibt …

2 Kommentare

  1. Wolfgang Hömig-Groß

    4. September 2008 at 8:59

    Habe im Bremer Sprachblog gelesen, dass du wieder on bist (wie zumindest wir WoW-Spieler sagen). Schön und, wie ich oben sehe, immer noch gut.

  2. Dank für die reizenden Gänseblümchen, Wolfgang. Zerklicke unbeirrt das Böse und erringe das diamantinene Schwert des Schreckens …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑