Stilstand

If your memory serves you well ...

Eine Million Meinungen

Sind wir Deutschen wirklich ein einig Volk von Masochisten? Auf den Gedanken könnte kommen, wer Tartarenmeldungen wie die folgende liest:

Christoph Keese, ehemals Journalist und nun Cheflobbyist des Axel-Springer-Verlags, schreibt: “Gewerbliche Kopisten (stehlen) oft tausende Artikel auf einmal.”

Demnach gäbe es also Leute, die es zu ihrem ‚Gewerbe‘ gemacht hätten, tausendfach banalste Zeitungsartikel zu rippen? Wobei zwischen ‚Kopieren‘, ‚Lesen‘ und ‚Klauen‘ auch noch schlicht Gleichheitszeichen gesetzt werden? Bekloppter geht’s wohl nimmer! Das Problem der Zeitungen, die auch ich ein halbes Stündchen täglich vor dem Monitor konsumiere, besteht darin, dass es längst absolut genügt, einen einzigen Artikel zu lesen, um sie alle zu kennen. Die deutsche Publizistik befolgt das gute alte Alleeprinzip: Rechts ’ne Pappel, links ’ne Pappel, in der Mitte druckfrisch der Appel! Und der riecht auch noch komisch …

Nach der Lektüre einer Ausgabe der ‚Süddeutschen‘ müsste ich schon zu hartem Stoff wie dem ‚Bayernkurier‘ oder dem ‚Neuen Deutschland‘ wechseln, um wirklich eine neue und andere Sicht auf die ewiggleichen Tagesmeldungen zu erhalten. Einige Zeitungen – wie die ‚Berliner‘ und die ‚FR‘ – sind dank ‚Zündikäjschen‘ längst wortidentisch geworden. Wer also ‚tausendfach‘ und freiwillig solche Artikel konsumiert, der verfügt über einen verdammt starken Magen, und dazu über Nerven wie Drahtseile. Anders ausgedrückt – das, was der Plakatmann unserer Verlegerzunft dort verkündet, ist analytisch schlicht Keese …

In Wahrheit ist es wohl so, dass sich die Individuen von Tageszeitungen und anderen Massenmedien zunehmend emanzipieren. Denn wegen der Anzeigen – einstmals ein echtes Kaufmotiv! – müssen sie keine Tageszeitung mehr erwerben, diese Anzeigen sind (bis auf die Todesanzeigen) längst ins Netz oder in Gratismedien abgewandert. Wozu also Pumpernickel abonnieren?

Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die ‚Meinungsmache‘ gleichgeschalteter und massenmedialer Zeiten oft auch einer ‚Blendung‘ gleichkam. Immer galt es, aus Menschen ein ‚Volk‘ oder eine ‚Herde‘ zu formen. Die Zeitungen blökten uns vor, was die Besitzer gern hörten. Seit Hugenberg war ein manipulatives Verständnis von Publizistik vorherrschend – es hieß später nur netter, zum Beispiel ‚organisierte‘ oder ‚formierte Öffentlichkeit‘. Jetzt versagt plötzlich diese Dressur.

Ich kann an der neuen Freiheit des Publikums nichts Schlimmes finden, aber ich bin ja auch kein Verleger. Und wohin es uns führen wird, wenn sich jeder Mensch eine Privatmeinung zulegt, ist bisher weitgehend unerforscht. Das eigentliche Problem der Verleger aber sind die Verleger, vor allem diejenigen mit den kostenlosen Gratisblättchen, in denen außer Beilagen gar nichts Lesenswertes mehr zu finden ist:

„Die Edekas, Aldis und Lidls gehen mehr und mehr mit ihren Anzeigen aus den Tageszeitungen raus und machen lieber Beilagen in Anzeigenblättern“, sagt Tölcke.

4 Kommentare

  1. Auch wenn es Christoph Keese nicht macht: Ein wenig differenzieren tut doch ganz gut. In der Print-Ausgabe der Süddeutschen wirst Du jeden Tag mehr Material abseits des Agentur-Einheitsbreis finden als Du vermutlich lesen willst. Davon landet halt nur ein Bruchteil i kostenlosen Online-Angebot.

    Und das Wort „Gleichschaltung“ für die deutsche Medienlandschaft zu verwenden zeugt doch von gehöriger Ignoranz. Gleichschaltung war die Zensurstrategie von Nazis und des DDR-Regimes, das Problem der BRD war eine Monopolisierung gerade des regionalen Zeitungsmarktes.

  2. Nun ja – jene ‚Gleichschaltung‘ in der Hugenberg-Zeit, als alle Zeitungen (mit Ausnahme vielleicht der ‚Frankfurter‘ und ‚Weltbühne‘) nur über den ‚Schandvertrag von Versailles‘ zu lamentieren wussten und über den berüchtigten ‚Dolchstoß in den Rücken der Front‘, die lag weder in der Hitler- noch in der Ulbricht-Zeit, sondern davor. Es war eine ‚bürgerliche Presse‘, die hier ohne Not dem GröSchwaZ ideologisch den Weg planiert hat.

    Die ‚formierte Öffentlichkeit‘ ist übrigens ein Habermas’scher Ausdruck, der verwendete ihn durchaus nicht kritisch: Oben führt ein kleine Schicht gesellschaftlicher Mandarine ihren ‚rationalen Diskurs‘, vermittelt über die Medien ‚formieren‘ dann deren Argumente die Öffentlichkeit in erwünschtem Sinne, woraus wiederum der Fortschritt folgt etc. pp. Nur habe ich heute meine Schwierigkeiten, beim derzeitigen Mandarinenangebot – nehmen wir bspw. einen Professor Sinn, einen Thilo Sarrazin oder einen Hans-Olaf Henkel – diesen ‚rationalen Diskurs‘ im Habermas’schen Sinne zu entdecken …

    Auch in der Bundesrepublik gab es in den 60er- und 70er-Jahren ein breites Unbehagen am allzu amerikahörigen und antikommunistischen medialen Mainstream, was in eine breite Diskussion über ‚Gegenöffentlichkeit‘ mündete – und letztlich Projekte wie die Gründung der taz bewirkte. Solche Phasen der Kritik kommen und gehen in Wellen …

    Dass Monopole in Regionen vor allem dem jeweiligen ‚Klüngel‘ nützen, ist unmittelbar klar. Da entstehen dann Arbeitsgemeinschaften mit dem Medienverlag als Partnerunternehmen von Wirtschaft und Verwaltung. Manche Verleger versuchen sich sogar in Mimikri, indem sie Vielfalt nur vortäuschen. So gibt es in Bremen ‚Weser Kurier‘ und ‚Bremer Nachrichten‘, ein scheinbares Duopol, in Wahrheit ein- und dieselbe Zeitung.

  3. Weder Hugenberg noch Hearst fallen unter den Begriff „Gleichschaltung“, der extra für eine spezielle Abart der Pressezensur geschaffen wurde. Missbrauch von Medienmacht gibt es in vielen Formen und in allen politischen Systemen.

  4. Daran ist so viel richtig, dass der Begriff 1933 durch die „Gleichschaltungsgesetze“ der Nazis sprachlich erst geprägt wurde. Was wiederum nicht heißt, dass zuvor dieses Phänomen völlig unbekannt gewesen wäre. Im gesamten Hugenberg-Imperium durfte nun mal kein Bekenntnis zur Republik erscheinen, das war jedem der journalistischen Frontoffiziere dort unmittelbar klar – und so uniform schrieben sie dann auch. Ich erinnere ferner an das organisierte Jubelpersertum einer OHL-frommen Presse schon im Ersten Weltkrieg. ‚Gleichschaltung‘ meinte also schlicht das Offiziellmachen einer längst gelebten Publikationspraxis durch Nazis, die vom Phantom eines ‚einheitlichen Volkswillens‘ träumten. Natürlich können Sie mir jetzt wieder sagen, dass es auch die oben erwähnten ‚Jubelperser‘ ja erst ab 1967 gegeben hätte … 😉

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