Stilstand

If your memory serves you well ...

Eine alte Geschichte

Nikolaj Gogol ist sicherlich der größte Dichter, der jemals in der Ukraine geboren wurde. Das darf ich wohl ohne großen Widerspruch behaupten. Als Gogol 1809 als Sohn eines ukrainischen Gutsbesitzers kosakischen Ursprungs auf die Welt kam, da war es gerade mal dreizehn Jahre her, seit das Zarenreich diese blutig eroberten Gebiete im Gefolge der polnischen Teilungen zu einem ukrainischen Gouvernement (‚Neurussland‘) zusammengefasst hatte.

In seinen frühen Erzählungen, später veröffentlicht unter dem Titel ‚Die Abende auf einem Weiler bei Dikanka‘, schildert der Autor uns das ukrainische Dorfleben um 1830. Friedlich, bunt und durchaus komödiantisch sehen wir dort Kosaken, Ukrainer, Zigeuner, Juden, Polen und viele andere Völkerschaften miteinander handeln, saufen, poppen und auch streiten. Nur eine Völkergruppe fällt aus diesem großen gesellschaftlichen Konsens immer heraus. Das ist ‚der Moskowiter‘, damals der ukrainische Schimpfname für den Russen überhaupt. Die Geschichten strotzen geradezu von solchen Fundstellen (zit. n. d. Winkler-Dünndruck-Ausgabe sämtlicher Erzählungen):

„Spuckt ihm auf dem Kopf, der das gedruckt hat. Er lügt, der Hundsmoskowiter!“ (S. 49)

„Mir ist so fröhlich ums Herz, als ob die Moskowiter meine Alte entführt hätten!“ (S. 44)

„Mein Narr hat sich zur Nacht mit dem Gevatter unter den Wagen gelegt, damit die Moskowiter nichts stehlen können.“ (S. 28 f)

„Das stimmt schon, aber du weißt ja, wenn irgendwo eine Teufelei im Spiel ist, so kann man sich ebensoviel Gewinn erhoffen wie von einem hungrigen Moskowiter.“ (S. 22)

„Wie in Streit geratene Hökerinnen einander mit Flüchen und Krebsen bewarfen; wie ein Moskowiter, der mit der einen Hand sein Ziegenbärtchen strich, mit der anderen dagegen …“ (S. 21)

Das waren gerade mal dreißig Seiten, auf denen sich Fund an Fund reiht. Im ukrainischen Volk ist der Russe ‚der andere‘, der die Eintracht stört, der immerfort stiehlt, der lügt und dem man alles Schlechte zutraut. Diese Gesellschaft ist (noch) nicht antisemitisch, sondern durch und durch antirussisch. Nichts ist es also mit einer ‚gemeinsamen russisch-ukrainischen Mentalitätsgeschichte‘. Juden, Zigeuner – sie alle vermochte diese ländliche Gesellschaft zu integrieren. Nur einen eben nicht: den Russen. Der war ihr unverdaulich.

Dass Stalin dieses widerständige ‚Kulakenpack‘ dann zu Hunderttausenden in den Hungertod trieb, war – so gesehen – in seinen Augen sicherlich nur folgerichtig. Aber auch das dürfte die russisch-ukrainische Freundschaft kaum beflügelt haben. Um mich drastisch auszudrücken: Erst kam der Holodomor, dann kam Bandera …

10 Kommentare

  1. Hej Klaus,

    ich überlege schon länger, ob ich Dir das schreiben soll oder nicht, auch weil ich davon ausgehe, dass Du mich vermutlich sowieso nicht ernst nimmst. Ich versuche es aber dennoch, einfach deshalb, weil ich Dich bisher immer recht gern gelesen habe.

    Leider wirst Du immer mehr zu dem, was Du den „Amerika-Hassern“ so wortreich vorwirfst – nur eben andersrum. Das ist sehr schade, weil Du oft genug recht hast, mit dem was Du schreibst und denkst. Aber nicht immer, weil es eben nicht nur der böse, böse Russe ist, der da macht was er will. Keine Ahnung, was da für ein Hass gegen die Russen (den strahlen Deinen Beiträge jedenfalls für mich aus) aus dem kalten Krieg bei Dir hängen geblieben ist, aber bitte, bitte fang wieder an genauer hinzuschauen. In der Causa Ukraine haben alle Dreck am Stecken und jede der Parteien verfolgt ihre ureigenen Interessen. Die Russen genauso wie die Amerikaner genauso wie die Ukrainer genauso wie die Europäer.

    Wenn Du das mit dazu sagen würdest, könnte ich Deine Tiraden gegen Putin unterschreiben. So aber nicht. So ist es nur Propaganda – in die Du dich selbst einspannst, was für mich so gar nicht zu Deinem Intellekt passen will.

    Ich wünsche Dir und Deinen Lesern ein schönes Wochenende. Und der Welt Frieden und Menschen, die die für ihn reden.

  2. Ich hasse Putin nicht, das ist das völlig falsche Wort. Dass ist ein knallkapitalistischer und intelligenter Multimilliardär mit Falschspielerqualitäten, der für sich und seine Clan-Mitglieder das Maximum im geopolitischen Bizziniss herausholen will – und der dazu den Mythos von der ‚russischen Erde‘ beschwört, gern auch mit Hilfe faschistischer Kräfte. Dass er dabei das russische Volk hinter sich sammeln kann, das gar keine anderen Informationen mehr erhält, als sie die gelenkte PR der staatlichen Medien von sich geben, ist ein Problem, löst aber keine generelle ‚Russenfeindschaft‘ bei mir aus.

    ‚Der Westen‘ ist dagegen eine Chimäre, ein zerstrittener Haufen, der sich über seine angeblichen ‚Werte‘ aus Wirtschaftsinteresse gern mal hinwegsetzt, sonst hätte bspw. die Jobbik schon längst was hinter die Ohren bekommen müssen. Die Nato? Eine militärisch ziemlich herabgewirtschaftete Bürokratenveranstaltung. Auch keine netten Leute, aber heute doch bloß noch ‚casual gamers‘, allerdings mit amerikanischen Atomwaffen im Rücken, die aber wohl kaum jemals eingesetzt werden, will ich jedenfalls hoffen. Der größte ‚Player‘ dort, die USA, konzentriert sich längst auf den ostasiatischen Raum. Die ‚Faschisten‘ in der Ukraine? Vielleicht fünf Prozent – also allenfalls auf AfD-Niveau. Ob Frau Merkel sich dann mal wieder ‚besorgt‘ zeigt – ja, Herrgott.

    Worum es mir wirklich geht – um ein ständig herumgeschubstes, ziemlich machtloses und ausgeplündertes Land, die Ukraine nämlich, ein Land, dem auf dem Weg zum ‚Nation Building‘ ständig Steine in den Weg geworfen werden. Wo die Menschen sich aus den Fängen von Korruption und Gefälligkeitsjustiz befreien möchten. Wo auf die Timoschenko-Zecken prompt die Janukowitsch-Zecken folgten, die sich auch mal vollsaugen wollten. Ob die Bewohner nun in die EU oder Nato oder doch zu Väterchen Vladimir wollen, das sollen sie gefälligst selbst entscheiden, aber ohne dass dabei gläserne Urnen zum Einsatz kommen, die von bärtigen Hooligans mit russischem Pass und mit Kalaschnikows bewacht werden. Darum geht’s dem Volk in seiner Masse doch auch gar nicht, es geht um den endlichen Aufbau eines zivilen Staats mit Verdienstmöglichkeiten, Rechtsfrieden und sozialen Mindeststandards.

    Vor allem aber gehen mir diese ständigen Lügen auf den Senkel, dieses ständige Aufguseln mit Tartarenmeldungen, und das haltlose Parallelenziehen, dort, wo keine sind, auf eine unverschämte Art und Weise, wie ich es persönlich noch nie erlebt habe. Und wie ich es jetzt vor allem bei Russia Today und in den Kommentarspalten nahezu flächendeckend registriere. Um zu glauben, dass ich einen Knick in der Optik habe, dazu besitze ich dann wieder zu viel Selbstgefühl.

    Beispiel: „Patronenhülsen“ hätten sie bei den OSZE-Beobachtern gefunden – und alles johlt, da könne man’s doch mal wieder sehen! Ja, Donnerwetter – meines Wissens ist an einer Patronenhülse noch nie jemand gestorben. Gleiches gilt für die bewusste Visitenkarte, wo sich bei Anruf bloß eine völlig überraschte Frau meldet, oder diese niegelnagelneuen Dollarscheine. Und fände man eine Einladung zu Obamas Geburtstagsparty, dann würden sie das auch noch glauben. Und der ‚Alibi-Aufmarsch‘ von 600 Nato-Männeken in den polnischen und baltischen Staaten sei gleichzusetzen mit 40.000 mobilisierten russischen Militärs einen Kilometer vor der ukrainischen Grenze. Geht’s noch? Entweder sind das alles Voll-Honks, die ihren eigenen Bockmist auch noch fressen, oder es sind eben Kriegstreiber, die als gute Apokalyptiker auf den großen Showdown spekulieren.

    Insofern ist mein Contra dagegen ganz gewiss eine pazifistische Tat, auch wenn’s nichts bringt. Zur Zeit geht es darum, die russische Eskalationstrategie zu stoppen, und nicht ‚den Westen‘, der in meinen Augen einfach nur unfähig oder unwillig ist. Es mag ja auch mal wieder anders kommen …

    Was aber hat das alles mit diesem Text über Gogol zu tun?

  3. Nachtrag: Und nun zeigen sich die Russen im Donbass schon ganz offen, ohne die üblichen Lügen, und die Chef-Rolle haben sie auch gleich mal übernommen – dann wird’s wohl nicht mehr lange dauern: „Alleged Russian Colonel Strelkov makes public appearance as self-proclaimed chief of ‘Donbass People’s Militia’.“ Und auf der wikipedia-Seite bemühen sich derweil koordinierte Kräfte, den Artikel über Igor Strelkov ganz schnell wieder im Orkus verschwinden zu machen. So läuft ein ‚Info-War‘ heute …

    Apropos – immer diese Kiewer ‚Antisemiten‘: ‚Auch Mitglieder der „Jüdischen Hundertschaft des Maidans“ seien in Slowjansk aktiv, sagte deren Kommandeur Nathan Chasin zu SPIEGEL ONLINE.‘ 😉

  4. Heute bei der Ukraine-Demo in Berlin: große jüdische Beteiligung. Der russisch-jüdische Schriftsteller Boris Schapiro hielt eine Rede.
    Und die Dame von letztens stellte mir einen russischen Menschenrechtsaktivisten vor, der mir die Unterstützung der Montagsdemos durch die Russische Nationalbefreiungsbewegung bestätigte…

  5. Gibt es dafür einen handfesten Beleg? Damit ließe sich ein Scoop landen, von dem sich die Tante Märchholz nicht so bald erholen würde. Ich habe mich schon lange gefragt, was so einen SEO-Schubser plötzlich in die Politik treibt …

  6. Russische Nationale Befreiungsbewegung z.B.:

    „Wir vertrauen ihnen (Anm.: den westlichen Vandalen) nicht, da dieser ganze gewissenlose liberale Abschaum versucht, das Boot unserer Staatlichkeit aus dem Gleichgewicht zu bringen, indem sie ständig über die angeblichen „Milliarden Putins“ lügen und davon träumen, Rußland zum Bestandteil der sogenannten „internationalen Völkergemeinschaft“ zu machen, die faktisch ein System der totalen Bespitzelung, der Unzucht, der Homosexualität, der Pädophilie, der Heuchelei, des Genozides und der Lügen ist.“
    http://freies-oesterreich.net/2014/03/06/die-russische-nationale-befreiungsbewegung-meldet-sich-zu-wort/

    Der Chef dieser Truppe, Jewgeni Fjodorow, fordert übrigens ein Ermittlungsverfahren gegen Gorbatschow:
    http://de.ria.ru/zeitungen/20140410/268243266.html

  7. Naja … der Wladimir Putin: „Geschätztes Privatvermögen: 40 Milliarden Dollar.“ Sicherlich alles ehrlich erworben …

    Aber es zeigt, mit welchen Prämissen die neue Ideologie der Eurasier operiert – und sie ‚verbindet‘ auf diese Art auch rechts und links. Eine Art Nationalbolschewismus 2.0 mit globalen Ansprüchen, der Hand in Hand mit ‚edlen Milliardären‘ auf die Not des Volkes zu achten verspricht … solche Bündnisse haben noch nie hingehauen. Putin hat die Oligarchie auch keinesfalls abgeschafft, sondern allenfalls Hyänen durch Schakale ersetzt. Die Implementierung des neuen imperialen Glaubens aber läuft auf allen Kanälen.

    Wo aber ist die konkrete Verbindung zu den ‚Montagsdemos‘? Mal abgesehen davon, dass sie dort die gleichen Muster verwenden … und ferner ist das Ziel, die Korruption zu beenden, doch das erklärte Ziel des ‚Maidan‘, wenn diese Bewegung dort überhaupt etwas eint. Weshalb dann diese Feindschaft?

  8. @olaf

    das ist in etwa das, was ich auch versuche, klaus beizubiegen: ein bißchen mehr distanz zu allen seiten ist auf jeden fall eine auf dauer haltbarere position 😉

    @klaus

    das mit dem „westen“ sehe ich à la longue auch ein bißchen anders. daß die sich jetzt so verwirrt benehmen, liegt glaube ich eher daran, daß sie zu selbstgewiss waren was den „common sense“ mit r ussland betrifft und nun ein bißchen brauchen, sich „zu sortieren“. da sind ja sehr unterschiedliche positionen unter einen hut zu bringen und es ist nun mal demokratie, daß der chor sich dann vielstimmig anhört, bevor er „singt“.

    dann wird er „harmonisch“ klingen, auch wenn das, was dann passiert, nicht harmonisch ist sondern eher entschieden. deine position ist ja eindeutig die „des westens“, sprich: pacta sunt servanda, die herrschaft des rechts über die gewalt.

    der rubicon ist die offene anwendung von gewalt, um ziele durchzusetzen. davon sind wir noch ein bißchen entfernt, das sehe ich anders als du. für mch sind diese landsknechtsjungs nicht mal aus moskau zu kontrollieren, der sprichwörtliche geist aus der flasche, den der zauberlehrling in seiner selbstüberschätzung freigesetzt hat.

  9. @ hardy: Dass die Bandidos dort jetzt auch autark agieren, ist richtig. Soll ich aber den ‚Zauberlehrling‘ jetzt deshalb loben – er hat doch den Besen beschworen?

    Ganz so autark sind sie übrigens auch nicht. Es scheint mir eher so zu sein, dass kleine Stoßtrupps der russischen Armee zunächst immer neue Besetzungen vornehmen, um diese neuen Stellungen dann an lokale Milizen aus Arbeitslosen, Hooligans, Ex-Afghanistankämpfern usw. zu übergeben, um selbst zur nächsten Besetzung weiterzuziehen. So erzielt man mit einem Minimum an ‚Manpower‘ den maximalen ‚Mayhem‘.

  10. klaus,

    du sagst es: „es scheint so zu sein“.

    ich weiss das alles nicht, ich höre, was und wie „sie“ es mir erzählen, lache mich scheckig über die plumpe reinstallation des „würstchens“ und glaube keinem ein wort.

    http://youtu.be/1dYq1YZwW3c

    du sollst putin natürlich nicht loben, der mann ist auch nur ein würstchen und trickbetrüger. aber halt eben kein adolf und kein stalin. pläne machen kann der von mir aus amchen, so viele er will, er wird schon selbst sehen, wohin das führt.

    ansonsten: gut zu wissen 😉

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