Wodurch charakterisiere ich eine Person? Ganz klar – durch ihr Wesen, das ich wiederum durch die Art dieser Person erläutere, so oder so zu handeln und zu sprechen. Vielleicht verpasse ich meiner Marionette zusätzlich noch einen ‚Tic‘, damit der Leser sie auch sicher wiedererkennt, dann, wenn sie nach einer kurzer Handlungspause im folgenden Akt wieder auf meine kleine Puppenbühne stolpert. Tolstoi bspw. ließ seine Figuren gern sich die Nase reiben, beim Reden ein Taschentuch knüllen oder schnippisch die Oberlippe emporziehen – umstandslos kehrte bei den Lesern seiner dickbändigen Romane mit der kleinen Geste die Erinnerung an die gesamte Person zurück.

An ihrem Aussehen aber kann ich menschliche Wesen meist nicht erkennen – ob in der Literatur oder draußen auf der Straße. Selbst eine Kampfanzugfigur mit Thor-Steinar-T-Shirt muss ja nicht zwingend ein Nazi sein – es könnte eben auch der Undercover-Agent des BND so durch die Kameradschaftsszene schleichen. Insbesondere die Literatur lebt von ’spannenden Figuren‘, wo sich Äußeres und Wesen widersprechen: Der Prinz und der Bettelknabe, Die Elenden, Felix Krull, Der Graf von Monte Christo, Der Mann ohne Eigenschaften, Die Wohlgesinnten usw.

Andererseits gibt es Mitglieder bestimmter Szenen, die da meinen, dass sie die Menschen nach ihrem Äußeren klassifizieren könnten, dass sie sich also den Weg des jeweiligen Kennenlernens sparen könnten. Für mich ist dies eines der sichersten Anzeichen menschlicher Dummheit. Solche Leute verprügeln dann gern mal ein paar Inder, weil man an deren brauner Haut doch sehen könne, dass sie nur Sozialschmarotzer seien, sie mischen auch mal ‚Zecken’ mit bunten Haaren auf, oder filmen sich dabei, wie sie auf einen Obdachlosen urinieren – denn es ist ihnen immer unmittelbar klar, wer so aussieht … usw.

Kurzum – die Klasse der Herz- und Hirntoten, die keineswegs nicht an ein bestimmtes Einkommen oder eine bestimmte Schulausbildung gekoppelt ist, die spinnt sich auf einfachste Art ihre Form der Menschenkenntnis zurecht: ‚Sieht es so aus wie ich, ist es wohl auch wie ich, sieht es fremd aus, gibt’s was vor die Goschen‘. Zurecht laufen solche Leute allen möglichen Scharlatanen in die Arme, die sich nur den Erwartungen gemäß kleiden müssen, um Erfolg zu haben. Mit anderen Worten: Wer einen Schlips trägt und teure Schuhe, der muss ein anständiger Mensch sein – siehe zum Exempel diesen Herrn Madoff.

Oberflächenpsychologen gibt es also überall – ‚vor allem’ aber dort, wo es den Leuten mangels anderer Qualitäten darauf ankommt, zur ‚Incrowd’ zu zählen und immer ‚hip’ und ‚trendy’ zu sein: „You can burn my house, steal my car, drink my liquor from an old fruitjar. Do anything that you want to do, but uh-uh, … don’t you step on my blue suede shoes„. Jaja, diese blauen Wildlederschuhe – die halbe Pop-Literatur seither zeichnet auf diese Weise von sich das Bild einer hochgestylten und hirnamputierten Aussehenskunst …

Natürlich gibt es auch im Web Schreiber, die sich zu den Literaten der Oberfläche rechnen, die da meinen, ihre Gestalten durch Klamotten zureichend zu charakterisieren. Und die es für goldigen Humor halten, wenn sie darüber spotten – Mobbing-Literatur gewissermaßen. Dabei ist so etwas doch nur selbstentlarvend:

Am nächsten Tag, kurz vor dern nächsten Besichtigung ist Marco vom Typen “Kölner Stricher” auf “Stylo-Metal” umgestiegen. Ich höre sie schon, bevor ich sie sehe und mein 2,50€ Frühstück bleibt mir im Halse stecken. Er ganz in schwarz mit Iron Maiden Shirt, 5-6 Goldkettchen und einer riesigen schwarzen Baumwollhose. Sie in dunklen Braun- und Blautönen gekleidet. Lediglich ihre dicken Waden quellen wieder, wie am Vortag, aus denselben Stiefeln und seine schwarzen Tennissocken schauen neckisch aus den Chucks heraus“.

Eine solche Zumutung an sein ‚ästhetisches‘ Empfinden, meint unser Literat, wäre dann Grund genug für sehr viel weniger feinsinnige Gewaltfantasien: „Eine Sekunde länger und ich hätte ihn käferartig die nächste Toilette heruntergespült“.

Tscha, immer noch gilt dieser gute, alte Satz, angelehnt an Heinz von Foerster: „Wenn der Herr Schreiber den Anblick eines Menschen obszön nennt, dann erfahren wir viel über den Schreiber und wenig über den Menschen, den er beschreibt“.