Stilstand

If your memory serves you well ...

Einäugigkeit

Dieser professorale Vollhonk schafft es doch tatsächlich, spaltenlang die westlichen Medien zu kritisieren, ohne die russischen Medien auch nur einmal zu erwähnen:

„Die westlichen Medien haben den Konflikt verschärft, Journalisten haben für die eine oder andere Seite Partei ergriffen. Beides erscheint mir nicht im Sinne des Qualitätsjournalismus.“

Ach, der QJ mal wieder! Ein Wesen, das jeder Verleger gern beschwört, und das kein Leser je sah. Vielleicht ist aber auch dieser ominöse ‚Qualitätsjournalismus‘ derzeit bei ‚Russia Today‘ untergekrochen … wer weiß das schon? Da macht man sich schließlich die dollsten Stories noch selber … und der Interviewer dort, der müsste auch noch mal einen Grundkurs besuchen.

Hier gibt es übrigens das bravouröse Transskript einer Krisensitzung direkt aus dem Abenteurer-Hauptquartier. So etwas ist investigativer Journalismus! Seither wissen wir, die Bandidos gehen sich dort gerade selbst an die Gurgel, diese ‚ehrenwerten Familien‘ werden demnächst wohl ausschießen, wer recht hat:

“You said — or rather it was said about you, by bastards — that your goal is Rostov. So you must refute that,” he insists as they turn their backs and leave. Otherwise “you are disrupting your supply. Disrupting!”

Oops! Rostov? Liegt das nicht in Russland? Und diese ’supply-chain‘ käme also – selbst eingestanden – direkt aus der russischen Föderation? Und die Art, wie der Interviewer dort im Video drei Kalaschnikows um sich drapiert, entspricht vermutlich auch eher dem Grimm’schen Ideal eines ‚objektiven Qualitätsjournalismus‘. Moment, jetzt verstehe ich’s – darum geht’s, um viel größere Ziele, es geht um den bevorstehenden ‚Maidan‘ in Moskau, angeführt von Kapitänleutnant Strelkov:

„If Akhmetov manages to go on supporting the situation of rivalry of regiments of the militia, the situation will remain a zero-sum game, but with a worsening situation. Under such a scenario by autumn, Strelkov’s people and those detachments who have joined him will be forced to leave Donbass and take Rostov under control in order to make it a base for the Russian uprising.“

Freiheitskämpfer - ganz familiär

Freiheitskämpfer – ganz familiär

Im Kreml haben sie jedenfalls die Hosen voll, sie haben Angst vor einem Kapp-Putsch in Russland, und Commander Strullkov wird deshalb gerade kräftigst demontiert, wie zum Beispiel von diesem populären Putin-Supporter:

„Girkin is fighting not for Russia there, but for himself. Or for the DPR, or the LDPR, or who the heck knows — for something, but not for Russia in any way. And for me, Russia is more primary than Donbass; in general I believe that Donbass is not our Russian Crimea, and under no circumstances does Russia need this crap at all, and we are not at all obliged to fight there at all. Why should we fight, please explain to me? For what reason should we put our soldiers there? For the ambitions, I’m sorry, of Girkin? For Ukrainian Russians, the borders are always open — come as you please, there are practically entire state programs to help refugees from there, and even without any programs we will always help our own. But Girkin does not seem to be one of ours. Russia has a leader, he is the Commander-in-Chief, it is the president of the country, Vladimir Putin. And no Girkin can show him or provoke him into a decision with his small-town problems. Russia is greater than the Donbass and much more important, in fact for all Russian Federation people without exception.“

Solche spannenden Entwicklungen lassen sich mit etwas gutem Willen ganz leicht recherchieren. Und was lesen wir davon in den ach so ‚russophoben Mainstream-Medien‘? – Eben …

8 Kommentare

  1. Auf reddit gibt es einen Thread zu diesem Video mit Teilübersetzung und interessanten Kommentaren:

    With all the talk about Putin’s strategic abilities (he plays chess, rest of the world plays checkers, etc.), he really pushed himself into a corner, because what else could he realistically do? If the separatists are suddenly seen riding a 100 tanks into battle, it would be obvious they came from Russia which means more sanctions. If he does absolutely nothing, he’ll piss off the radical nationalists he himself unleashed (or at least validated their ideas of Novorussia, Russian Spring, etc.), something that might even threaten his position.

    But I do agree, I think he will allow them to die in Ukraine and to be frank – good riddance!

    http://www.reddit.com/r/UkrainianConflict/comments/2a4vox/translate_full_press_conference_with_sergey/

  2. Interessant finde ich die Formulierung ‚this crap‘. Denen ist also auch klar, dass sie sich mit der Ostukraine ein von Oligarchen völlig ausgeplündertes und heruntergewirtschaftetes Land einverleiben würden, und keinesfalls jene ‚blühenden Landschaften‘, von denen das Putin-Kommentariat stets schwärmt. Und dafür dann weltweit geächtet in der Landschaft stehen?

    Ein wacher Mensch ist auch jener Kommentator dort: „If you look at the official actions of Russia, the writing was on the wall in mid-May – the moment Russia declined to recognize DNR and LNR (compare to instantly recognized Abkhazia and South Ossetia). Unofficially, it was there even sooner, at the end of April, when „polite people“ and united/ local/ Ukrainian-born separatist leadership failed to materialize in Donbas (as they did in Crimea). Historical re-enactors, swindlers, entertainers, and criminals became prominent figures instead. Disreputable „Cossacks“, Ossetians, Chechens appeared in noticeable numbers. Murders of Rybak and Popravko, taking journalists/monitors hostage happened around the same time, showing that separatists do not control their own, and that „clean hands“ approach of Crimea is not happening again. In other words, Putin did not even try to manage DNR/LNR as a long-term political project. All help was limited to prolonging the conflict.“

    Zur Diskussion dort bei reddit ist auch das ganz erhellend (haben eigentlich die Nashibots das Forum noch nicht geentert? Es geht so merkwürdig rational dort zu): „This Kurginyan wouldn’t be guarded by Kadyrovtsi if he wasn’t Putin’s personal errand boy in the Donbass. Kurginyan’s primary job seems to be to fool the rebels into thinking that Russian has their backs, so they don’t capitulate, and his secondary jobs seems to be to conjure up the illusion that aid from Russia is coming.“

  3. klaus,

    mein stiefsohn, ein vorrangiger reddit konsument, hat mir schon vor monaten erzählt, daß dort eine große diskussion über das thema stattgefunden hat und die das „geklärt“ haben.

    ich finde das auch weniger überraschend, daß die dort wacher und hellsichtiger sind als wir: die haben keine „ossis“ wie wir. bei uns ist das problem ja nur deshalb so „stark“, weil wir sozialismus-sozialisierte „linke“ haben, die sich in ihrer wahrnehmung der dinge doch krass von uns (west)-alt-„linken“ (war das jetzt präzise?) unterscheiden: die sind „doublethink“ gewohnt, wir nicht.

    danke für den hinweis auf den indymedia post. mich nervt zwar dieses gebabbel rundherum, aber da hast du eben einen „west-linken“, denke ich mal.

    wir hier lagen von anfang an „richtig“, sonst wäre ich nicht explizit hier gewesen. danke noch mal für den gemütlichen „englischen club“, das hat mich schon an die besten aller zeiten, die ich erlebt habe, erinnert.

    mehr kann ich dich nun wirklich nicht loben, ohne daß es wie schleimen klingt – es ist aber so gemeint wie gesagt: so redet man miteinander – man hört zu, denkt, denkt, denkt … und dann antwortet man freundlich und mit respekt dem anderen gegenüber.

    ach ja: blue mountain, von a bis z 😉

  4. …haben eigentlich die Nashibots das Forum noch nicht geentert? Es geht so merkwürdig rational dort zu…

    Es gibt dort schon Parteigänger beider Seiten, aber für bloße Propagandaparolen ohne Infos gibt es Punktabzüge. Hochvoten durch Fake-Accounts würde den dortigen Nerds auch schnell auffallen.

    Aber die Putin-Propaganda zielt ja nicht auf solche Info-Junkies, sondern auf die Masse, die wenig Sachkenntnis über die Region, aber viel Unmut über EU und USA hat.

  5. Es bleibt spannend…und auch gefährlich.
    Klar ist, dass Strullkow auf der Abschussliste steht. (Gerüchten zufolge wird ihm jetzt noch vorgeworfen, er habe die Revolutionskasse/Kriegsmaterial veruntreut. Ihm – dem Ehrenmann! 😉 ) Einerseits kann Putin so sein Gesicht wahren, andererseits könnten sich aber die Konsequenzen für ihn innenpolitisch als fatal erweisen, da die ultra-nationalistische Front rund um Dugin Amok läuft und die Zustimmungswerte für Putin sinken. Das ist mMN hochexplosiv.
    Dann ist da noch das Wostok-Bataillon, das sich unter der Führung Khodakovskis abgesetzt hat, und von dem es nun heisst, es sei Teil des ursprünglichen Plans zwischen Moskau und Achmetow gewesen, den Donbass unter gemeinsame Kontrolle zu bekommen. (Ich habe ja schon immer gedacht, dass Achmetow nicht zu trauen ist, aber Steinmeier sah das wohl anders…)
    Und schließlich gibt es noch andere Schauplätze neben dem Donbass. Unklar ist z.B. wer hinter den Angriffen durch Ultrarechte auf den Maidan und den Schwulenclub in Kiew steckt. Sind das eigene oder fremde bzw. gibt es innerhalb des Rechten Sektors auch solche, die ihre Befehle aus Moskau empfangen, wie wir ja schon vor einiger Zeit spekuliert haben?
    Da ich mich auf mehrere Quellen beziehe, die ich nicht mehr einzeln nachvollziehen kann, hier nur die wichtigste:
    http://www.interpretermag.com/kremlin-grey-cardinal-surkovs-deal-for-a-donetsk-transdniestria/

    Und tatsächlich ist reddit eine gute und aktuelle Informationsquelle, danke dafür @sol1! Die Richtlinie, Kommentare zu verbieten, die Wörter wie „Junta“, „Nazis“, „Faschisten“, aber auch „Terroristen“ enthalten, sollte auch in anderen Foren übernommen werden.

  6. @ SaiZ: Ich denke ja, dass der Strullkov auch wegen dieses katastrophalen Rückzugs aus Sloviansk in der Kritik steht, der eher einem blanken Fiasko glich. Dabei kam wohl kaum jemand unverwundet aus der Stadt: Panzer weg, Kämpfer tot … die ukrainische Armee scheint recht erfolgreich Russlands Spitzel aus dem Offizierskorps eliminiert zu haben – und ist derzeit höchst erfolgreich:

    https://www.youtube.com/watch?v=UvX04kFmXKA

  7. …da die ultra-nationalistische Front rund um Dugin Amok läuft…

    Das Probelm von Putin ist, daß diese Netzwerke sich schon mit ihren eigenen Zielen gebildet hatten, bevor er an die Macht gekommen ist. Die Spur von Igor Strelkow und Alexandr Borodai etwa führt zu Konstantin Malofejew, dem Veranstalter des eurasischen Gipfeltreffens, das vor kurzem in Wien stattfand:

    http://www.interpretermag.com/is-separatist-colonel-strelkov-the-kremlins-wag-the-dog-gone-out-of-bounds/

    Die Quelle des Interpreter ist Slon.ru – im aktuellen Print-Spiegel gibt es eine Story über die Schikanen, denen diese Website ausgesetzt ist (Digitale Konterrevolution, S. 72 ff.).

  8. @sol1

    mein stiefsohn berichtet, daß die zb. im bereich european news schlicht wie folgt vorgehen: „news“ von blogs wie PI, infowars, DWN, DMN etc dürfen einfach nicht mehr gepostet werden und schaffen es so eben nicht ins ranking. ich denke mal in sachen ukraine gehen die schlicht ähnlich vor.

    @saiz

    heute abend im dlf hintergrnd politik eine ausführliche einschätzung von sabine adler

    @klaus

    das mit den spitzeln aus dem offizierskorps ist ein klarer, gut nachvollziehbarer und wohl auch richtiger gedanke.

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