In der Jugend mag uns das noch so vorkommen: Da wird gesimst und gechattet, was die Tastatur aushält. In den Pubertätsecken des Internet blühen die intimen Konfessionen wie einst im ‚lieben Tagebuch‘: „Boaar, hastu den Kenny gsehn, ej! Den könnt ich fielleich – ej. Ir wist ja nix fon Liebe – ir Schlampn!“ [Zeichensetzung halbwegs normalisiert] …

Das Internet – sagen wir’s, wie’s ist – steckt voller ‚Mist‘: 99,9 % der Botschaften interessieren niemanden – nur den Absender. Das alte grundlegende Problem allen Schreibens bleibt im WWW erhalten: Man muss schon etwas zu sagen haben, damit man etwas schreiben kann – und es ist ein verdammt langer Weg vom Kopf auf den Bildschirm, und ein noch längerer von dort in den Kopf des Lesers.

Wir erleben mit dem Netz keineswegs die erste Welle einer Jedermann-Kommunikation: „Rubber Duck, Rubber Duck – hier spricht Rubber Duck …„, nach der Durchgabe der nächsten Polizeikontrolle wussten aber schon die Kurzwellenamateure nicht mehr viel zu bekakeln. Schaue ich hier in Bremen den ‚offenen Kanal‘ für jedermann, dann schalte ich schnell wieder um, weil das Dargebotene so grauslich ist, dass ein ‚Fremdschämen‘ mich überwältigt. So geht es mir eben auch mit vielem im Netz, ganz ähnlich wie beim Privatfernsehen.

Die strukturellen Analphabeten sind nicht das einzige Problem: Durchgeknallte, Neonazis, Vertreter, Betrüger, Gummipuppen-liebhaber und Trickdiebe treiben und schreiben im Netz ihr Unwesen, hinzu kommt ein rapide steigendes Aufkommen an Werbern, Marketing-Fuzzies und selbsternannten Web-2.0-Gurus, welche zwar die Grammatik halbwegs meistern, inhaltlich aber eher Uninteressantes feilbieten, was sie dann wie die Koberer auf der Reeperbahn an den Mann bringen müssen. Kurzum: das Netz ist auch von den ‚Alphabeten‘ kontaminiert. Und jeder von ihnen glaubt, ausgerechnet er stünde im Zentrum des Geschehens, nur weil das Netz kein Zentrum hat. Trotzdem geht es im Netz auch nur so zu wie auf dem Grabbeltisch eines Buch-Discounters.

Seltsamerweise sortiert sich das Netz ganz von selbst – allerdings nicht entlang der Klickraten, wie dies die Ökonomisten irrtümlich meinen, sondern entlang der Vorlieben: Jeder schafft sich seine Blogwelt, die er gerne aufsucht – und die umfasst in meinem Fall nun mal nicht das ‚Bildblog‘ oder irgendwelche Tekkie-Blogs à la ‚Basic Thinking‘. Das Netz ist also tatsächlich ein ‚Medium für jedermann‘, wo jedermann jene Jedermänner umschifft, die ihm nicht passen.

Dabei sollten dann nicht nur Grammatik und Orthographie eine halbwegs unfallfreie Kommunikation möglich machen. Wichtiger ist eine andere Fähigkeit: Kann ich eine Geschichte so aufbauen, dass sie interessant ist, dass sie Witz versprüht, dass sie bildhaft ist, dass sie den Leser bei der Stange hält und auf eine unwiderstehliche Pointe zuläuft? Mit anderen Worten: Kann ich erzählen? Das entscheidet mehr als alle Kommunikation und auch Information darüber, ob ich im Sinne des Web 2.0 „schreiben kann“. Zumindest ist dies mein Kompass …