Wodurch sich diese beiden typischen prosaischen Stilformen unterscheiden – diese Frage lässt alle Sprachseminare für einen Moment stumm werden. Der Gebrauch des Dialogs und derjenige der wörtlichen Rede, das seien doch eher typisch dramatische Stilmittel, heißt es dann tastend, während der Epiker über die Stoffmassen gebiete, notfalls ganze Gespräche ergebnishaft in einem Satz zusammenraffe, damit er sich dann wieder detaillistisch in einer endlosen Landschaftsschilderung verlieren dürfe. Daran ist vieles richtig – nur gibt es die wörtliche Rede auch in den epischen Gefilden:

„Die unendliche Steppe. Der dünne schräge Fadenregen zog hinter ihnen her, überrieselte sie, legte einen grauen Schleier vor sie. Paars Pferd drängte sich an seins, Paar drängte sich verlangend, Hände hinlangend an ihn, rief etwas dem Mann zu, der den Kopf auf die Brust vor dem Wasser senkte. Die Sätze verschluckt, die Stimme schrie, beschwor den andern, suchte ihn vom Pferd zu bewegen. Um des Heilands willen nicht zurück, er möchte vertrauen, oh vertrauen. Von drüben die Worte: „Wo ist die Jagd? Führt mich zurück. Ihr seid verloren sonst.“ Immer weiter in die rieselnde Dämmerung. Die lautlosen Pferde. Hinter dem Kaiser zu seiner Seite, jagte Paar. In dem Kaiser stieg die Angst, saß an seinem Rücken, auf seinen Schultern: „Der Satan ist da“. Gehölz zur Rechten, schwellendes federndes Moos“ (Alfred Döblin: Wallenstein, 23)

In dieser Szene, wo der deutsche Kaiser Ferdinand am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges den Tross der Jagdgesellschaft verliert und an der Seite eines dubiosen Edelmanns durch den Regen reiten muss, da geht es dem Autor des Textes um die Angst als ewige Begleiterin aller Mächtigen jener Zeit. Der Tischnachbar war stets ein potenzieller Attentäter, jeder Mensch war des Menschen Wolf. Aus der Konstellation allgegenwärtigen Misstrauens wächst in der Folge die besondere Brutalität dieses Krieges. Das ist der ‚Sinn‘ solcher Passagen in diesem Roman, der – das nur nebenbei – höchst lesenswert ist.

Döblin als allwissender Autor schaut seinem Kaiser also direkt in den Kopf, er sieht die kirchlich geprägten Vorstellungen vom Satan, die den Kaiser schauern lassen. Dieser Satz – „Der Satan ist da“ – der ist trotz aller Anführungsstriche nur scheinbar wörtliche Rede, es ist viel mehr ein Gedankenfetzen des Potentaten, womit Döblin die Gedankenwelt und den Aberglauben dieser Zeit auf den Punkt bringt. Die gesellschaftlichen Führungsschichten stecken mental noch in einer tiefen katholischen Nacht, die keine Aufklärung je erhellte. Der „graue Schleier“ des Regens wird zum unterstützenden Symbol, das die überall herrschende Blindheit und Kurzsichtigkeit unterstreicht; auch die Landschaft und ihr Wetter haben eine Funktion. Kurzum: Wir sehen hier geradezu das Schulbeispiel einer „epischen Passage“.

Gegenbeispiel: Dass ein nobelpreistragender Theaterautor auch in seiner Prosa gern die Glanzlichter des ‚Theatralischen‘ aufstecken wird, das dürfen wir mit Fug und Recht vermuten. Luigi Pirandello bestätigt uns auf fast jeder Seite aufs Schönste – hier bei einer Abtreibungsdebatte:

„Nun“, fuhr Trigona fort, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. „Ich wollte euch sagen, daß ich immer zu gewissen Herrn habe meine Zuflucht nehmen müssen, von denen uns Gott befreien und erlösen möge, um … Ihr versteht? Und natürlich haben sie mir den Fuß auf den Nacken gesetzt. Ihr wisst, wer in unserer Gegend für diese Art von Operationen zuständig ist …“
„Dima Chiarenza?“ rief Scala sofort und sprang leichenblass auf. Er schleuderte den Hut zur Erde, fuhr sich wütend über die Haare; dann fügte er, die Hand hinter dem Nacken liegen lassend und mit aufgerissenen Augen den Zeigefinger der anderen wie eine Waffe gegen Trigona richtend, hinzu:
„Ihr? Ihr geht zu diesem Schurken? Zu diesem Halunken, der mir das Hemd vom Leibe gezogen hat? Wieviel habt ihr genommen?“ … (Luigi Pirandello, Sizilianische Novellen I, 83)

Bei dieser theatralischen Prosa sieht man die Menschen förmlich vor sich. Alles gewinnt ‚Gestalt‘, die Hand, die im Nacken bleibt, der Hut der auf die Erde geschleudert wird. Die Redeweise ist zwar immer noch weit vom ‚O-Ton‘ realer Gespräche entfernt, die Sätze aber brechen schon mittendrin ab, es wird auch mal gestammelt oder bloß gestöhnt. Wir sehen vor uns die Taten und Worte der Menschen.

Der Nachteil: Wir können nicht mehr in die Menschen hineinschauen. Einige Autoren, die auf diese Weise verfuhren, zum Beispiel Prosper Merimée, die haben versucht, diese Form zum Kunstideal zu erheben. Der Leser soll nur hören, was die Menschen sagen, er soll nur sehen, was sie tun – niemals aber dürfe der Autor seinen Leser in die Rolle eines ‚Dämons‘ versetzen, der im Kopf der handelnden Figuren hocke und ihnen beim Denken zuschaue. Historisch ist dieses Kunstgesetz gescheitert – Prosper Merimée ist fast vergessen, obwohl er den Franzosen lange als Meister der luziden Prosa galt.

Herrschend ist heute wieder das Epische, der Schreiber geht umstandslos in den Godlike-Modus. Die Wortwörtlichkeit schwindet also, wichtiger als der Wortlaut der Erzählung ist die Sinngebung durch den Autor, der tief im Seelenleben seiner Personen steckt:

„Sie erzählte ihm so vage wie möglich von dem Unfall. Ein bemerkenswert nüchterner Bericht: dreißig Jahre Routine im Vertuschen von Familiengeheimnissen. Sie bat um zwei Tage Urlaub. Er bot ihr drei. Zuerst wollte sie protestieren, dann nahm sie dankbar an“ (Richard Powers: Das Echo der Erinnerung, 15).

Ein langes Gespräch, verkürzt auf drei Zeilen – ohne jeden Funken ‚Theater‘. Diese Stilform ist geradezu ‚zeittypisch‘ geworden, garniert noch mit langen reflexiven Passagen, in denen der Autor uns seine ‚Philosophie‘ erläutert – und das nicht nur in der amerikanischen Literatur.

Was das alles wiederum mit Blogs zu tun hätte? Nun, dort kommt der Thomas Knüwer doch auch als theatralischer Autor daher, wenn er von seiner ‚kleinen Agentur am Rande der Stadt‘ erzählt – die Personen bewegen sich, sie tun dies, tun das, sie sagen dies, sagen das. Wir als Leser müssen aus dem Gesagten schon selbst auf das Seelenleben zurückschließen:

„… Ich bin der Geist der Weihnacht“, antwortet die Frau. „Warum nur, Alex, bist Du so verbittert?“
„Und warum bist Du so tantig? Na toll. Geist der Weihnacht. Hat mir gerade noch gefehlt. Kaum gibt’s Whiskey kommen die Dickens-Figuren raus. Schaut George Clooney rein, wenn ich auf Saumagen umsteige?“
„Ich möchte Dir doch nur zeigen, dass all diese Garstigkeit zu nichts führt“, sagt die Geistin und ihr Zeigefinger macht eine lockende Geste. „Komm mit, ich möchte Dir etwas zeigen.“ Dann verschwindet sie Richtung Flur, aus dem mit einem mal ein strahlendes Licht zu glühen scheint. …

Andererseits ist jener FAZ-Blog, den der Don Alphonso neuerdings schreibt, zumeist in typisch epischem Stil gehalten. Die auftretenden Personen sagen selbst nichts, sie sind Anlass zur Reflexion, sie werden vom Autor beurteilt und verurteilt, und zwar auf Grund ihres mehr oder minder ärmlichen Seelen- und Gedankenlebens, das an demjenigen des Autors mit den vielen Vorfahren gar nicht ‚klingeln‘ kann. Von dem hinwiederum auch nur der Autor weiß, warum er uns glauben machen will, dass dieses Seelenleben so sei, wie er sagt, dass es dies sei:

„… Ein ungastlicher Ort ist diese Welt geworden, und alle Sicherungssysteme erweisen sich als angekoppelt an den Gang, oder besser, den möglichen Untergang der Weltwirtschaft. Deutsche Eliten kaufen diesmal Gold, Gold und noch mal Gold, es schlagen die Erinnerungen an die schlechten Zeiten durch, man möchte sich abkoppeln und über das Einzige verfügen, was in einer drohenden, dann leider gelebten Dystopie noch Kontrolle erlaubt: Physisch, glänzend, und global begehrenswert. Vor allem: Scheinbar sicher vor Inflation, von der man ja auch nicht weiss, ob sie einem über die Amerikaner und Briten aufgezwungen wird. Überall Drohung, überall Unsicherheit, also hört man beiläufig auf dem Weg zum Konditor, dass die Unze sicher auch noch 2000 Dollar… sollte sich doch alles zum Guten wenden, werden sich Zehntausende von Erben dereinst über das sinnlose Metall im Depot ärgern.

Ich könnte auch sagen: Im theatralischen Bereich schauen wir erfundenen Menschen beim Leben zu, im epischen Bereich dem Autor beim Nachdenken über erfundene Figuren und deren Motive …