Stilstand

If your memory serves you well ...

Die zweite Liga

Ach ja, Joyce, Proust, Musil, Beckett, Pynchon, Döblin, Brecht, Hemingway – die Stars unter den Schriftstellern kennt jeder. Ich aber stöbere inzwischen gern bei Sternen zweiter Ordnung herum. Bei denen, die heute zumeist vergessen sind. Unverdient vergessen …

Da wäre zum Beispiel ein F.C. Weiskopf wiederzuentdecken. Gewiss, ideologisch ist dieser ehemals erste Diplomat der Tschechoslowakei längst nicht mehr auf der Höhe der heutigen Zeit. Seit den 20iger Jahren schon war er Kommunist – und ebenso vorhersagbar wie die Entwicklung der Gesellschaft waren eben auch seine Romanfiguren. Die Guten werden letztlich immer zu Kommunisten – und die Bösen eben alles andere als das. Seine Protagonisten funktionieren ähnlich wie die Histomat-Automaten. Immerhin aber leben sie, was bei Gotsche, Seghers, Becher usw. nicht immer der Fall ist.

Dieser F.C. Weiskopf war nämlich zugleich ein großer Stilist, der formale Mittel besser als viele, ja fast als alle seiner Berufskollegen beherrschte. Und er war ein heller Beobachter, der uns eine erstaunliche Menge an ‚Zeitkolorit‘ überliefert, mehr als unter den Gleichzeitigen bspw. ein Kafka oder ein Hermann Hesse, deren Texte doch meist in einem Irgendwo oder Ungefähr angesiedelt sind.

Ich greife einfach mal aus der achtbändigen Werkausgabe (Dietz Verlag, 1960) einen der weißen Bände heraus. ‚Lissy‘ heißt dieser Roman, der sich im vierten Band findet. Hier der erste Absatz:

„Groß ist der Bedarf an Träumen, wenn die Zeiten dunkel und die Menschen ohne Hoffnung sind. Groß war der Bedarf an Träumen im Deutschland des Jahres 1931; groß war er, und leicht und billig waren die Träume zu haben, viel leichter als Arbeit, viel billiger als Brot“.

Weiskopf schlägt hier gewissermaßen einen mythischen Ton an, den er durch eine kunstvolle Verwendung von ‚Dopplungen‘ oder ‚Reduplikationen‘ erzeugt. Die Trias – ‚groß ist‘, ‚groß war‘, ‚groß war‘ – mäandert durch den Text wie der Bass in einer Fuge, das ‚leicht und billig‚ wird in einen Komparativ transformiert, der an den entscheidenden Stellen die Betonung des Satzes verstärkt: ‚viel leichter als Arbeit, viel billiger als Brot‚. Kurzum, es ist blanke Wortmusik, über die Weiskopf hier gebietet – es ist Kunst.

Im Zentrum des Romans steht die kleine Zigarettenverkäuferin Lissy Schröder, die in die Mühlen der Wirtschaftskrise gerät und angesichts ihrer Erfahrungen mit den kapitalistischen Verwertungsgesetzen zur Kommunistin reift. So weit, so erwartbar. Was aber Weiskopfs Roman wertvoll macht, das ist seine feine soziale Beobachtungsgabe: Wer rauchte denn damals was? Wer Juno, wer Abdullah, wer Saba? Wir erfahren etwas über die distinguierende Kraft der Marken, für die viele Betriebswirtschaftler erst nach dem zweiten Weltkrieg ein Gefühl entwickeln werden. Wir erfahren wie in den 30iger Jahren ein Automatenrestaurant funktionierte, das es – aha! – damals also schon gab. Wir haben die Schlager der Zeit im Ohr – „In einer kleinen Konditorei, da saßen wir zwei …“ – wir geraten in einen waschechten ‚Siedlerverein‘ und in die Untiefen der Hehlerläden und in die Klein-Ganeff-Szene. Mit anderen Worten: Die ‚Welt der kleinen Leute‘ in den 30iger Jahren entsteht rings um uns her, mitsamt ihrem Lebensmotto ‚Not macht erfinderisch‚. Und zwar in einer Dichte und Präsenz, wie sie ansonsten allenfalls noch bei Hans Fallada zu finden sind. Das sind keine Brecht’schen Holzpuppen, die hier aufmarschieren, keine Heinrich Mann’schen Salonproletarier und auch keine wandelnden Parteiprogramme wie bei Willi Bredel. Allenfalls ein Übermaß an Sentimentalität könnte man Weiskopfs Figuren vorwerfen, wobei ich mir allerdings nicht sicher bin, ob dieser verkitschte Geisteszustand nicht für das Milieu absolut zutreffend ist, das uns der Autor hier skizziert.

Franz Carl Weiskopf kehrte 1945 aus dem amerikanischen Exil in die Tschechoslowakei zurück, er wurde Botschaftsrat in Washington und Botschafter in Peking, geriet zunehmend in stalinistisches Fahrwasser und starb 1955 auf ideologischen Positionen, die noch nicht einmal in der DDR mehr en vogue waren. Politisch ist er also gescheitert. Schriftstellerisch nicht …

Kurzum – lest F.C. Weiskopf und lernt.


1 Kommentar

  1. Bei so manchem Schuster wünschte man, er wäre bei seinem Leisten geblieben.
    Ein paar Hirngespinste:
    Würde Michael Jackson noch leben, hätte er nur getanzt, statt auch noch zu singen?
    Ginge es den Sozialhilfeempfängern besser, wäre Gerhard Schröder gleich Manager und nicht erst Kanzler geworden?
    Würde Pina Bausch noch leben, hätte sie gesungen und damit weniger geraucht, statt nur getanzt?

    … to be continued

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