Stilstand

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Die Zeitung zur Zeit

Wenn Deutschlands Verleger ’neue Ideen‘ umsetzen, dann kommt hinten meist ein ‚Business Punk‚ oder eine ‚Gala for Men‚ dabei heraus, weil sie nicht publizistisch, sondern von der Anzeigenakquise her denken. Gratis und völlig kostenfrei stelle ich hier mal eine ganz andere Geschäftsidee zur Diskussion, die meines Erachtens zwingend Erfolg hätte: Eine neue Tageszeitung – nennt sie ‚Die Republik‘ oder wie auch immer – die sich gegen den überbordenden INSM-Mainstream stellt, aber aus einer konsequent bürgerlichen Perspektive heraus. Kein DGB-Programmblatt also, kein altlinkes Refugium.

Nehmt die Gutachten der Wirtschaftsweisen zu Hilfe; entlarvt das Unternehmensberater-Blabla, indem ihr es sprachlich und ökonomisch analysiert; schaut, was aus angeblich so ‚innovativen Geschäftsideen‘ nach zwei Jahren wurde; führt Interviews mit Enzensberger oder Heiner Geissler; betrachtet das Rösler’sche Kopfprämien-Gesundheitssystem, in dem ihr vor Ort in die Schweiz reist, wo es ja gerade mit Karacho gegen die Wand rast; kauft euch dafür die besten Schreiber ein – und genießt den unausweichlichen Erfolg, den ein solches Projekt hätte. Der letzte Satz jedes Artikels müsste, um eine redaktionelle Linie in das Projekt zu bringen, gedanklich zwingend lauten: „Im übrigen bin ich der Meinung, dass Tigerentenhausen zerstört werden sollte„.

Erfolg hätte ein solches Projekt deshalb, weil es alle Kriterien der Marktgängigkeit erfüllt: Alleinstellung, Publikumsbedarf und genügend Radau-Potenzial (neudeutsch ‚Awareness‘), um zehn publizistische Zirkuszelte mit seinem Weckruf zu füllen. Warum bloß macht es keiner, sind die Verleger alle saturiert …?

6 Kommentare

  1. Warum machen wir es nicht?

    Verleger gibt es praktisch nicht mehr, gerade in den großen Medien[!]häusern sind das alles angestellte Manager mit betriebswirtschaftlichem Diplom. Die Inhalte wurden und werden von analytisch und kreativ denkenden Menschen geliefert – die heute keine Verleger mehr brauchen. Außer, Print ist gefordert.

    Für gedruckte Erzeugnisse – und ich sehe auch, dass dies heute noch wichtig und notwendig ist – braucht es selbstverständliche auch Menschen, die sich um die Koordination, die Technik kümmern. Wo gibt es mutige Verlagsmanager?

  2. Gerne nehme ich ein, zwei, drei oder mehr solcherlei Artikel mit auf, und bin gespannt auf die Reaktionen. Allerdings handelt es sich „nur“ um ein Anzeigenblatt, ein monatlich erscheinendes. Das Problem ist immer das gleiche: Geld fehlt. Gute Leute, die schreiben können, gibt es, aber bezahlt können sie nicht werden. Wie fast überall ist das Anzeigengeschäft rückläufig, man schlägt sich halt gerade so durch. Mit Mut hat das also sehr wenig zu tun, zumindest bei uns im Stadtkurier nicht.

  3. @ Mike: Was meinst du, was die Entwicklung eines Anzeigen-Containers wie ‚Business-Punk‘ den Verlag gekostet hat?

  4. Ich habe das mal durchgeblättert. Fünfstellig wird kaum reichen. Die Zielgruppe ist mir allerdings nicht ganz klar. Gibt es so viele Männer, die den Mist lesen wollen? Oder geht es nur um Anzeigenaquise? Wenn ja, dann lesen es wohl nur die Inserenten. So wie die „Schlossallee“ im Oldenburger Land. Mit anschließender Selbstbeweihräucherungsparty.

  5. Lies mal Kracauer: Die Angestellten. Die anvisierte Zielgruppe turnt abhängig beschäftigt auf mittleren Managementetagen herum, kriegt täglich ihren Einlauf vom CEO, muss sich mit stinklangweiligen Powerpoint-Präsentationen und endlosen Excel-Tabellen herumschlagen, zuhause blättert von der ehemals heißen Disco-Braut in derem ebenso lanweiligen Ehefrauendasein auch der Lack ab – da gibt es also schon das Bedürfnis und die Sehnsucht nach der ideologischen Umwertung des eigenen Sklavenalltags: Man könnte demnach zugleich White-Collar-Proletarier sein und andererseits ein völlig unangepasster Individualist – ein Business-Punk eben. Nur ist das Konzept nicht tragfähig, mangels Realitätsbezug.

  6. Du kanns sowas studieren, ist in .at geschehen: Der Standard.
    Und auch was daraus geworden ist.
    Stuff

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