Stilstand

If your memory serves you well ...

Die Tegernsee-Legende

Wer des öfteren beim Don Alphonso mitliest, sei’s im Rebellmarkt oder in den Stützen der Gesellschaft, der weiß, dass der Tegernsee mit seinen stolzen Villen ihm als letztes, altkulturelles Reservat wahrer Besitzbürger in Deutschland gilt. Hier ist das Schöne, das Gute und Bewahrenswerte daheim, die echten Werte und ein solide mit Grundstücken und Geldanlagen unterfüttertes Selbstbewusstsein, gegen das eine Talmi-Metropole voller Kultur-Strizzis wie Berlin gar nicht anstinken kann. Der Tegernsee ist für Don Alphonso das bourgeoise Paradies in Deutschland, die Wahlheimat der besseren Gesellschaft.

Da ich gegen allzu deftige Verklärungen und Legendenbildungen gern anstänkere, habe ich mir meine Ausgabe mit Ludwig Thomas Beiträgen zum ‚Miesbacher Anzeiger‚ aus dem Regal geholt (ed. Wilhelm Volckert, München 1989). Dieser ‚Miesbacher Anzeiger‘ führte im Untertitel die Bezeichnung ‚Tagblatt für den Bezirk Miesbach-Tegernsee und dessen Umgebung‘, er war nach dem Ersten Weltkrieg die meist gelesene Zeitung rings um den Tegernsee. Die hier endlich einmal aufgelisteten Beiträge fehlten nicht ohne Grund bisher in jeder Ludwig-Thoma-Ausgabe, weil sie den bajuwarischen Polemiker vom marmornen Sockel stürzen.

Der ‚Miesbacher Anzeiger‘ war zugleich das Verlautbarungsorgan des bayrischen Bourgeoisie-Häuptlings und Ministerpräsidenten Gustav von Kahr (1862 – 1934), der die Münchner Räterepublik blutig niederschlagen ließ, um dann mit seinen Einwohnerwehren als Provinzdiktator ein Schreckensregiment in Bayern zu errichten. Seine historisch anständigste Tat war es noch, dass er (vermutlich) beim Münchner Bürgerbräuputsch auf Hitler und Ludendorff schießen ließ. Was ihm 1934 in Dachau dann das Leben kostete.

Kahr jedenfalls war der Mann des bayrischen Bildungs- und Besitzbürgertums, von Thomas Mann bis hin zu Franz Xaver Ritter von Epp samt der ganzen Tegernsee-Mafia, all der Leute, die ein Bohème-Viertel wie Schwabing am liebsten abgefackelt hätten. Lion Feuchtwanger hat all diese Figuren für die Nachwelt festgehalten. Dieser Gruppe des bajuwarischen Besitzadels lieh der große Ludwig Thoma seine Stimme – sie war nicht mehr allzu wohltönend – und an manchen Stellen klingt sie uns merkwürdig bekannt. Zum Beispiel dann, wenn es gegen Berlin geht:

„In Berlin tanzen dicke, herausgefressene Schieber mit ihren Toppsäuen und schlemmen – in Deutschland sitzt eine arme Familie um einen Tisch, auf dem ein Lichtlein brennt.“(S. 93)

Man muss nicht erst Falladas ‚Kleiner Mann – was nun?‘ gelesen haben, um zu wissen, dass auch in Berlin die Armut endemisch war. Was diesen vermeintlichen Kontrast umstandslos als bloßes Pasquill entlarvt.  Doch scheint es mir eine bajuwarische Besonderheit zu sein, stets die dunkelgefärbte – also unwahre – Berlin-Folie zu entrollen, wenn es gilt, vor ihrem Hintergrund die eigene volkstümelnde Lebensart samt Lodenduft zu glorifizieren:

„Es gibt in Berlin keine Gesellschaft, keine Upper Class, keine Klasse und auch keine fest gefügte Bürgerlichkeit.  … Nicht der Tegernsee muss sich von denen etwas sagen lassen, die müssen dem Tegernsee die Stiefel lecken. Wenn sie das nicht tun, lässt man sie eben so verhungern, wie man ohne Zwangstransferleistungen auch gern den Rest der sog. Berliner Oberschicht darben lassen würde.“ (Kommentar No. 6)

Das war jetzt nicht Ludwig Thoma, das war der Don Alphonso – aber immer noch ist hier ‚der Tegernsee‘ der Hort wahrer Bürgerlichkeit, die Wiege von Sitte und Anstand, verglichen mit dem ‚großen Babylon‘ namens Berlin.

Zurück zum Tegernsee und Ludwig Thoma. Antiparlamentarismus ist für ihn nach dem Ersten Weltkrieg zum großen Thema geworden, ganz ähnlich wie bei seinem Abgott Kahr, der auch ohne ‚Schwatzbude‘ in Bayern regierte. Hier ein Porträt des Reichstags aus bajuwarisch-besitzbürgerlicher Perspektive:

„Keine Spur von Autorität, Persönlichkeit, Würde. … Drüben links hocken unter polnischen Juden ein paar dicke Weibsbilder, wie man sie früher in Kellerkneipen der Vorstädte sah; aufgeschwemmte, freche Gesichter; hie und da schreit eines von diesen, in schmierigen Wollblusen steckenden Frauenzimmern dem Redner dazwischen; Eine gestikuliert heftig, die andere bohrt in der Nase. Alle sehen sie aus wie jene Weiblichkeiten, die in Kaschemmen hinter der Buddel hocken oder vor Jahrmarktsbuden an der Kasse sitzen“ (S. 82).

Ohne weitere Recherche nehme ich einfach mal an, dass auch in der Weimarer Frühzeit die Frauen im Parlament keineswegs eine Mehrheit stellten. Ludwig Thoma bedient hier einfach nur die Klischees von ‚Flintenweibern‘ und ‚Pöbelherrschaft‘, also den allwirksamen Bürgerschreck und antidemokratischen Reflex einer zutiefst verängstigten Münchner Provinzbourgeoisie. Kulturelle Differenzbildung kommt hinzu: Wollblusen – igitt, wie kann man nur, wahrer Besitzadel trägt doch solide Trachtenjanker! Und manchmal sammelt er eben auch silberne Teekännchen …

Thoma bedient mit solchen Texten, die damals übrigens auch voller Antisemitismus steckten, worüber ich hier gnädig den Mantel des Schweigens breite, nicht etwa die Instinkte des bayrischen Kleinbürgertums. Das las die ‚Münchner Post‘ und andere Blätter. Der ‚Miesbacher Anzeiger‘ aber war das Leib- und Magenblatt der Tegernsee-Schickeria, derjenigen, die Kahr solide finanzierten, all der Jagdpächter und Fabrikbesitzer, der Couponschneider und Bildungsbürger, die sich daraufhin an den deftigen Invektiven eines Ludwig Thoma gegen ‚die Berliner Judenrepublik‘ genussvoll erfreuten.

Insofern ist es dann auch nichts mit der aufgeklärten Tradition und mit einer kulturellen Hegemonie wohlgesitteter Bildungs- und Besitzbürger, die sich seit Generationen am Tegernsee gedrängt haben sollen. Die Welt der ‚Stützen der Gesellschaft‘ ist eine blanke Fiktion, zumindest, soweit es ihre Vergangenheit betrifft. Inzwischen mag ja einiges vielleicht anders sein, so wie es Don Alphonso behauptet – allein, mir fehlt bis heute der wahre Glaube an die Vereinbarkeit von Besitz und Kultur. Vor allem dann, wenn dieser Besitz jenen gefährdet erscheint …

4 Kommentare

  1. Dafür gibt’s in Berlin jetzt schon überall das Tegernseer Bier zu kaufen, nachdem auch der Plebs das zunächst als Geheimtipp gehandelte Augustiner zu schätzen gelernt hat.
    Und weiterhin gilt: Städtediskussionen entlang dem Dreieck München-Hamburg-Berlin sind eigentlich nur als verbales Knabberzeug erlaubt – für die Leute, die bei Privatpartys immer in der Küche stehen.

  2. Du vergisst dabei, dass Don Alphonso eine Kunstfigur ist …

  3. Nun – auch Kunstfiguren können schließlich Bayern sein. Ich habe ja auch nur über den öffentlichen Don Alphonso und dessen Phobien geredet, den anderen, den privaten Verfasser kenne ich ja gar nicht. Mich interessieren immer ‚die Muster, die verbinden‘ – der Ludwig Thoma trat im ‚Miesbacher Anzeiger‘ übrigens auch unerkannt auf. Noch nicht einmal Feuchtwanger wusste, wer dieser giftelnde Kolumnist in der Realität ist …

  4. Ach geht, bitte nicht diese Nummer von wegen „Don Alphonso ist nur eine Kunstfigur“. Sein Schimpfen und seine Auseinandersetzungen mit realen Personen waren voller Ernst und noch nie kunstfigürlich gemeint. Bestenfalls kann man den oben zitierten Kommentar als Rollenprosa verstehen, wie sie in dem FAZ-Blog ja häufiger vorzukommen scheint. Aber dazu gehört guter Wille. Anders wäre aber auch vieles von dem, was er da ablässt, nicht hinnehmbar.

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