Stilstand

If your memory serves you well ...

Die semantischen Felder

Präzise und genau zu schildern, was offen vor Augen liegt, das genügt nicht, um gut zu schreiben. Alle Schilderung von Landschaft ist immer auch Schilderung von Bedeutung. Wenn Büchners Lenz ins ‚Gebirg‘ geht, dann geht es nicht um graue Granitfelsen, sondern um das, was „in der Brust drängt, wenn das Gestein so wegsprang„. Und schon befinden wir uns auf den semantischen Feldern, den ‚beseelten Landschaften‘ der Literatur …

Es ist keineswegs egal, welche Bedeutung (oder Semantik) in eine Landschaft hineingelegt wird. Wenn Gerhart Hauptmann im Bahnwärter Thiel die Schienen, Telegrafendrähte und Baumäste am Bahndamm zum dichten Netz verflicht, dann geht es ihm nicht um die Botanik Niederschlesiens, sondern um angeblich naturgesetzliche Prinzipien, die der deutsche Naturalismus mit Hilfe der Landschaft predigte, dass nämlich der Mensch durch Vererbung und ‚Schicksal‘ unausweichlich so und nicht anders handeln müsse. Es ist, ideologisch betrachtet, der Abgesang auf den freien Willen:

Die schwarzen parallellaufenden Gleise glichen einer ungeheuren eisernen Netzmasche, deren schmale Strähne sich im äußersten Süden und Norden in einem Punkte des Horizontes zusammenzogen. … Auf den Drähten, die sich wie das Gewebe einer Riesenspinne von Stange zu Stange fortrankten, klebten in dichten Reihen Scharen zwitschernder Vögel. ….

Wenn der kleine Bahnwärter seine pflichtvergessene Frau kurz darauf dahinmetzelt, dann trägt an dieser Tat gar nicht er die Schuld. Er ist viel zu simpel gestrickt, um zu durchschauen, was ihm geschieht. Im Grunde trägt seine Naturanlage die Verantwortung. Er war nur die Kugel, die aus dem Lauf des Schicksals abgefeuert wurde. Das ‚Milieu‘ hat ‚wie auf Schienen‘ gemordet. Nebenbei bemerkt: Dieser Schicksalsbegriff, dessen Zwangsläufigkeiten so seltsam deutsch anmutet, der sollte bis 1945 noch viel Unheil anrichten, als die Deutschen kollektiv zur ‚Schicksalsgemeinschaft‘ umgedeutet wurden.

Jaja, schon gut, das war damals, höre ich einige stöhnen: heute aber schreiben wir das Jahr 2009. – – – Ja und? Deswegen muss noch gar nicht alles anders sein! Guckt doch mal, zu welchen philosophischen Reflexionen der Urner Bergbauer seine Alm und Kühe nutzt. Was der Don Alphonso aus Ingolstadt samt oberbayrischer Ebene an Sinngebung zaubert – oder aus seinem Hass auf Berlin. Oder zu welchen semantischen Flicflacs dem Rainer, diesem Ruhrpott-Rändler, sein Düsseldorfer Ambiente dient. Bei mir spielt immer auch die norddeutsche Küstenlandschaft mit: Watt und Torf und Platt. Ich glaube, man kann gar keine Landschaft ’neutral‘ und zugleich lesenswert schildern. Und auch dann, wenn unsere Heldin Liebeskummer hat, dann hat draußen gefälligst nicht die Sonne zu scheinen. Das passt nicht in die Semantik …

Semantische Felder darf man übrigens nicht auf Naturschilderungen beschränken. Der Landschaftsbegriff ist weiter zu fassen: Es kann sich um eine Stadt, eine Wohnung oder ein Großraumbüro handeln – oder um ein Altersheim in der Provinz. Immer aber geben die semantischen Landschaften unserem Geschreibsel erst Sinn und Verstand. Vor allem aber ‚Bedeutung‘ – diese verzuckerte Leimrute, an der die Leser dann kleben. Dazu dürfen wir aber nie unbeteiligt in unseren semantischen Landschaften herumstehen, wir müssen sie bewerten, ausschmücken und gestalten, manchmal auch sinnvoller, als sie ‚in Wirklichkeit‘ sind …

4 Kommentare

  1. (Der beste Weg, um bei uns auf dem Scheiterhaufen zu landen, ist entweder die Verwechslung mit Neuburgern oder mit Niederbayern. Das ist Oberbayern. Mir ist es ja egal, aber die leute hier…)

  2. Oops, ich kann vom wilden Tumurkuland, wo die Männer Hosenlätze tragen, nicht alles wissen: der geographische Fehler ist korrigiert …

  3. Seltsam, daß Wikipedia, die unzuverlässigste aller Quellen, hier doch einmal recht hat: denn in der Tat ist das T in Gerhart hart.

  4. Die wikipedia schlägt jeden Brockhaus inzwischen locker, vor allem deshalb, weil sie ihre dubiosen Stellen klar kennzeichnet, was ja noch nicht einmal die Encyclopedia hinkriegt …

    Aber mit diesem t haben Sie – und die wikipedia – natürlich völlig recht – und ich habe es auch korrigiert …

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