Stilstand

If your memory serves you well ...

Die Schülerlotsen

Auf den Weg gebracht!“ – kaum eine Plattitüde duftet so streng nach Parlament und Ausschusswesen, wie diese rundgeschliffene Perle des politischen Sprachgebrauchs: „Das Bundeskabinett hat gestern eine Änderung bei der Besteuerung kleiner und mittlerer Unternehmen auf den Weg gebracht.“

Heute ist es nicht länger Hauptaufgabe der Politik, etwas zu erreichen oder ein Projekt bis ins Ziel zu bringen. Es genügt, ihm den richtigen Weg zu weisen, dann vielleicht noch ein kleiner Schubs, und schon muss das politische Baby auf eigenen Füßen gehen. Einer weiteren Bemutterung durch die Politik bedarf es nicht:

„Gut zwei Monate sind vergangen, seitdem der Bundesrat das Gesetzespaket zur Energiewende auf den Weg gebracht hat.“

Zu diesem Zeitpunkt zeigt sich regelhaft die Schwachstelle dieser Stanze, ihre immanente Fragwürdigkeit: Denn warum hören wir in der Folge so rein gar nichts mehr von dem, was von solchen ‚Entscheidern‘ einst auf den Weg gebracht wurde? Wie lang ist überhaupt dieser Weg? Ist ihn schon jemals jemand zu Ende gegangen? Und was wird am Ende vom Selbstläufer noch übrig sein?

Fragen über Fragen – die dann, diesem Sprachgebrauch zufolge, allesamt nicht mehr Aufgabe der Politik sind. Denn sobald eine Initiative ‚auf den Weg gebracht‘ wurde, endet der politische Sektor. Obwohl die Leichen derer, die von der Politik auf den Weg gebracht wurden, zu Tausenden den Straßenrand säumen …

4 Kommentare

  1. Klingt nicht goldig, eher funzig (oder pfunzig), was ich als ersten gebuchten Ausdruck des „Auf-den-Weg-Bringens“ im Kern-Korpus des DWDS fand:

    „Freilich fällt das Plus an Schmach und Elend, das auf seiten der Dirne gegenüber dem Manne, der sie benützt, wirklich liegt,
    nicht ihr zur Last, sondern der Gesellschaft, die diesen Zustand im Geschlechtsleben der Menschen möglich, ja sogar notwendig macht. Die angeborene Disposition, die der Dirne ihren Beruf möglich macht, immerhin zugegeben, ist es doch vor allem die wirtschaftliche Not, der ökonomische Zwang, der sie auf den Weg bringt, zu dem sie diese Disposition befähigt. Man bedenke, was es heißt: » das Leben wird teurer «. Die sofortige Folge dieser so schlicht klingenden Konstatierung ist, daß jeder sofort mehr wirtschaftlichen Einsatz leisten muß, der leben bleiben will.“
    (Meisel-Hess, Die sexuelle Krise. Jena: Diederichs 1909, S. 492)
    Claro: Die real-imaginativ-metaphorische Redensart ist viel älter!
    Bei DWDS.de:
    http://www.dwds.de/?qu=auf+den+Weg+gebracht&view=1

  2. Der hier im Zitat noch gemeinte Weg ist eher die ’schiefe Bahn‘, auf welche Prostituierte zwangsläufig geraten, und zwar dorthin getrieben allein von wirtschaftlicher Not. Dieser Weg ist eine Art ‚Kismet‘. Das Planvolle und Steuernde aber, das unsere heutigen Politiker sich zuschreiben, wenn sie sagen, sie hätten ein Gesetzesvorhaben ‚auf den Weg gebracht‘, das fehlt 1909 noch völlig.

  3. Ich glaube, Sie haben nicht erkannt, welches Problem diese Formulierung lösen soll. Oft liest man “Das Bundeskabinett hat gestern eine Änderung bei der Besteuerung kleiner und mittlerer Unternehmen beschlossen.” Das ist natürlich Unfug, denn die gesetzgebende Gewalt liegt in Deutschland immer noch bei Bundestag und Bundesrat und nicht etwa beim Bundeskabinett. Staatsrechtlich korrekt wäre: „“Das Bundeskabinett hat gestern beschlossen, eine Gesetzesvorlage zur Änderung bei der Besteuerung kleiner und mittlerer Unternehmen beim Bundestag einzubringen.” Das ist natürlich etwas kompliziert, schwer verständlich und wirkt unverbindlicher als es de facto ist, denn allermeistens folgt der Bundestag ja im Wesentlichen den Vorschlägen der Regierung. Die Formulierung „auf den Weg bringen“ signalisiert zutreffend, dass das Vorhaben damit noch nicht abgeschlossen ist, aber doch viel dafür spricht, dass er so wie geplant umgesetzt werden wird.

  4. Naja – in meinem zweiten Beispiel war es ja der Bundesrat, der dort das Gesetz zur Energiewende ‚auf den Weg gebracht‘ hatte, die institutionelle Klippe war also schon umschifft.

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