Stilstand

If your memory serves you well ...

Die radikale Mitte

Aus der Diskussion mit dem ‚Nazienkel‘ dort unten über unsere Großväter entstand dieser Text. Er wundert sich über die Verwunderung unserer Politiker, dass in Dresden und anderswo plötzlich ‚ganz normale Bürger‘ mitlaufen würden. Ja, was denn sonst? Die ‚Radikalisierung der Mitte‘ ist das Kennzeichen aller rechtspopulistischen Parteien – und der Rechtsextremismus kriecht nicht aus irgendwelchen dunklen Troglodytenhöhlen, er entwickelt sich auch nicht im ‚Pöbel‘, er entsteht vielmehr, wenn frustrierte bürgerliche Schichten sich gewissermaßen ‚in Pöbel verwandeln‘.

So war der Nationalsozialismus vor 1933 in der Masse keine Arbeiterbewegung. Gerade die Arbeiter, sofern sie in Großbetrieben arbeiteten, erwiesen sich als verhältnismäßig resistent. Wie übrigens auch die katholischen Gebiete. Zentrum und Sozialdemokratie verfügten über geschlossene Weltbilder und damit über konstante Wählerzahlen, während das eher protestantische Weltbild des Nordens mit seinem gewohnten Muster von Aufstieg durch Leistung und Werkheiligung in der Wirtschaftskrise zerbröselte. Die NSDAP wurde folgerichtig überdurchschnittlich oft von Selbständigen gewählt (Funktionsberufe, Bauern, Handwerker, Kaufleute), aber auch die Universitäten waren tiefbraun gefärbt. Ferner wies auch die Beamtenschaft und die Oberschicht der ‚Happy Few‘ einen beträchtlichen Anteil von Nazi-Wählern auf. Sie alle glaubten ersatzweise dem Märchen von der ‚jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung‘, welche ihre Verelendung verursacht habe. Der Sieg der Nazi-Partei folgte aus der Entwertung alter Ansprüche des Bürgertums, der Führer wurde von einer bürgerlichen Protestbewegung an die Macht getragen. Seine Rhetorik kam ‚aus der Mitte der Gesellschaft‘, auch wenn er einem Wiener Obdachlosenasyl entstieg.

Interessant im Zusammenhang mit der Pegida ist für mich jetzt der Faktor des ‚verlorenen Weltbildes‘. Auch heute wird längst das medial herrschende Narrativ des Neoliberalismus nicht mehr geglaubt – es verfängt nicht mehr. Der Protest gegen die ‚Lügenpresse‘ hat hier seinen Ursprung. Deregulierung, Privatisierung und Globalisierung führen in der Erlebniswelt von Pegida-Mitläufern dazu, dass ihr altes Tellerwäscher-Märchen immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert, weil immer mehr Menschen aus dem Mittelstand erleben, dass sie durch unentwegte Leistung gerade nicht mehr aufsteigen können. Im Gegenteil sind u.a. steigende Mieten, marginalisierte Prekariats-Existenzen, der Verlust des Vermögens oder eine unerhörte Austauschbarkeit der Individuen am Arbeitsplatz die Folgen dieser Deregulierung, die alle sozialen Bande eiskalt und moralbefreit zu zerschneiden pflegt. Die ‚Eliten‘ reproduzieren sich längst selbst, wie auch ihre wachsenden Vermögen, und ‚die da unten‘ sollen gefälligst sehen, wo sie bleiben. Kurzschlüssig schieben diese Leute dann die Schuld an der laufenden realen Entwicklung ‚den Ausländern‘ zu, die ihnen angeblich ihre gewohnten Chancen durch Zuwanderung rauben würden. Es ist das alte Sündenbock-Muster, das sich lieber mit den Schwächeren als mit den Starken anlegt. Das sehnsuchtsgeladene ‚Abendland‘ im Namen der Pegida ist jene alte Welt, die zunehmend hinter dem Horizont versinkt. Insofern schon ein treffender Name … während statt des Popanzes der ‚Islamisierung‘ dort besser ‚Neoliberalisierung‘ stünde. Und ‚patriotische Europäer‘ sind so etwas wie ein ’schwarzer Schimmel‘, den gab es früher höchstens auf dem Drogenmarkt.

Klar wäre es besser, wenn diese Menschen nicht den Rattenfängern dort glauben würden, deren Horizont auch nicht weiter reicht, als ihr eigener. Dazu müsste aber erst einmal ein neues Narrativ entstehen, das nicht im stinkenden Tümpel von ‚Politically Incorrect‘ und ähnlichen Gruben geboren wurde. Eines, das einerseits den Forderungen der Realität entspricht, das andererseits nicht den ausgelatschten Spuren des Neoliberalismus und der ratlosen Parteipolitiken in dessen Kielwasser folgt, Worthülsen von orientierungslosen Politikern, die nur noch wie billiges Talmi oder bestenfalls Eiapopeia klingen. Ein Narrativ, das also eine lebenswerte Utopie beschreibt, etwas, was der Liberalismus nicht länger vermag. Dessen Versprechen sind hohl geworden, während auch ‚die Linke‘ (whoever that is) nichts Überzeugendes mehr zu bieten hat.

Wer schreibt es? Ich sicher nicht …

6 Kommentare

  1. Wobei es da auch regionale Unterschiede gibt. Ich war gestern bei der Gegendemo von Bogida und das verlorene Häuflein musste die Demo leider auf eine Kundgebung reduzieren, weil alle Straßen um den Versammlungsort voll von Gegendemonstraten waren. Nach zwei Stunden trollten sie sich dann wieder, obschon sie eigentlich dreieinhalb Stunden demonstrieren wollten.

  2. Es ist ja schon seit Jahren bekannt,dass Dresden ein einziger brauner Sumpf ist.

  3. Dresden ist vor allem eine sehr bürgerliche Stadt: Verwaltungshochburg, Shopping- und Touristenzentrum, wenig Industrie.

  4. Jo, war vielleicht ein wenig schnoddrig ausgedrückt.
    Aber wenn man sich die Wahlergebnisse anschaut und dazu noch die Auseinandersetzung um die Art des Gedenkens der Dresdner Bombennacht, und darüber hinaus die sehr fragwürdigen Vorgänge des Staatsschutzes unter Biedenkopf, kann man schon von einem gewissen Sumpf reden. Das Zerbrechen des neoliberalen Narrativs tut sicherlich seinen Anteil, aber das geht meines Erachtens noch ein wenig weiter. Zunächst hat man in den östlichen Bundesländern noch einen gewissen Untertanengeist. Ich will die West-BRD nicht verklären, aber in Bezug auf Erziehung zum mündigen Bürger war sie der DDR sicherlich um einiges voraus. (Danke 68).
    Außerdem hielt ich den Wiederaufbau der Frauenkirche für einen großen Fehler. Die Ruine hätte wie in Berlin als Mahnmal bestehen bleiben sollen. Nach dem Wiederaufbau und der Verschönerung des Stadtbildes kommt nun nämlich die Verschönerung der Erinnerung, die den Bombenkrieg in den Vordergrund stellt.
    Ich weiß nicht, ob du die Drewermannrede dieser so genannten Friedensdemo vom Sonntag gelesen oder gehört hattest: Er reduzierte den II WK neben den Nürnberger Prozessen, die er auch nur ansprach, um den Amerikanern Doppelzüngigkeit vorzuwerfen, auf genau diesen Bombenkrieg. Kein Wort von Holocaust, kein Wort vom Vernichtungskrieg im Osten.
    Diese Entwicklung ist auch noch nicht abgeschlossen. Mit dem Wiederaufbau der Garnisionskirche und des Berliner Schlosses wird eine ziemlich umfassende Rehabilitierung des „Preußengeistes“ vollzogen. Sieht man ziemlich frappierend bei den Wiesaussiehtkommentariat: Es gibt den idealen Staat, wenn er als ideeler Gesamtkapitalist das Allgemeinwohl fördert, von ihm gehen alle bedeutenden Impulse aus, er wird von Lobbygruppen nur missbraucht, die Entscheidungsträger sind fremdgesteuert durch Amerikaner, Juden oder was weiß ich was.

    Hier haben wir vielleicht auch einen Dissens. Ich betrachte die Krise des Liberalismus als Problem und nicht als Befreiung, wobei ich auch zwischen Bürger- und Wirtschaftsliberalismus unterscheide. Gut, das eine bedingt im gewissen Maße das andere, aber die völlige Aushöhlung Bürgerwerte sehe ich mit Besorgnis und ich weiß auch nicht genau, ob der Neoliberalismus wie er seit der Jahrtausendwende praktiziert wird, nicht ein falsches Schlagwort ist. Nehmen wir z. B. die Umstellung des Umlagesystems auf eine Kapitalstocksystem. Es gibt kaum eine Branche die regulierter ist als das Versicherungs- und Bankenwesen. Wenn man sich diese ganzen Baselregeln anschaut, ist das eine Bürokratie, die einem Beamtenapparat in nichts nachsteht. Auch Hartz IV ist keine Deregulierung, sondern vielmehr ein bürokratisches Monstrum. Ich will nicht beschönigen, dass dies zulasten schwächerer Gruppen geht und „Eliten“ fördert, aber es ist m. E. weniger eine Folge einer Deregulierung, sondern eher eine Regulierung in Sinne der zweiten Gruppe. Dazu kommt noch der Rückzug der Bürgerrechte. Mich beeindruckte das Buch „die restlose Erfassung“ von Aly/Roth sehr. Darin beschrieben sie Quantensprünge der Massendatenerfassung durch Lochkartensysteme und daraus resultierende Kybernetikphantasien. Ich weiß, Analogien hinken, aber einen ähnlichen Quantensprung hat man mit der EDV. Die NSA ist ja nur die Spitze des Eisberges. Das macht die Auseinandersetzung damit ja auch so schwierig. Wenn es nur ein Überwachungsstaat wäre, hätte man klare Verantwortlichkeiten, Akteure, Gegner. Aber man lebt ja vielmehr in einer Überwachungsgesellschaft. Seien es nun die Konsumenten-, Such- oder Facebookprofile. Sei es das Handy, der RFID-Chip oder die Überwachungskamera, welche alle fast lückenlose Bewegungsmuster erstellen. Usw. usf.

    Und genau das halte ich für eine gefährliche Mischung. Die Wiederbelebung des Untertanengeistes, Gleichschaltungs- bzw. Monopolisierugstendenzen in der Wirtschaft (die großen Banken sind durch Notfusionen ja noch größer geworden) bei unglaublichen technischen Möglichkeiten.

    Dazu kommen noch zwei weitere große Fragen.

    Wie geht es mit der EU weiter? Soll sie eine Art Bundesstaat werden? Ich würde das befürworten, wobei ich schon die Probleme und Einwände sehe und verstehe, dass viele damit ein Problem haben. Nur den Rückfall auf den Nationalstaat empfinde ich als mäßig überzeugend.

    Was ist mit diesem Islamofaschismus? Ist der Islam aufklärungsfähig? Ich neige dazu, dass diese Radikalisierung ein letztes Aufzucken ist, bevor die Unhinterfragbarkeit des Korans als gesellschaftsstiftende Quelle, der unbedingten Autorität der Muezzine und die Unteilbarkeit der religiösen und weltlichen Macht an ihren Widerprüchen scheitert. Mit Alphabetentum, Satellitenfernsehen und Internet haben nun mal vollkommen neue Schichten im Nahen Osten Zugang zu anderen Lebensentwürfen, die vorher in ihren Dörfern vor sich hindimmerten. Kann man aber auch anders sehen.

    War das noch nachvollziehbar?

  5. Naja – eigentlich ging’s mir nur um die ‚bürgerliche Verwurzelung‘ des rechten Radikalismus.

    ‚Der‘ Liberalismus war im Singular immer schon eine Camouflage, wo zwei unterschiedliche und unvereinbare Ideologien sich den gleichen Namen gaben. Heinrich Mann im ‚Untertan‘ hat das mal ganz gut aufgedröselt: Da gibt es den neuen Wirtschaftsliberalismus sans phrase, heute Neoliberalismus oder FDP, verkörpert in der Familie Hessling, wo alles niedergemacht wird, was den Wirtschaftsinteressen im Wege steht. Und den republikanischen Aufklärungsliberalismus der Familie Buck, die von diesen ’neuen Ellbogen‘ an den Rand geschoben wird.

    Drewermann ist halt Theologe. Die waren schon immer bei jedem Sch…ß dabei. Es soll sogar Militärpfarrer geben.

    Was die neue Situation befeuert hat? Nun, zum einen sicherlich die Aufhebung des Goldstandards damals mit der nachfolgenden ungeheuren Aufblähung der Geldmenge durch Alan Greenspan. Daraufhin vermehrten sich die Milliardäre wie die Karnickel. Aber – pssst! – all ihr Vermögen ist real gar nichts wert. Das darf man nur nicht laut sagen, sonst wackelt das ganze Luftschloss, und im Casino bricht Panik aus. 😉

  6. Ein toller Artikel – und eine sehr interessante Frage: Wer schreibt’s? Ich danke für die ehrenvolle Erwähnung im Text. Ihre Einschätzung bezüglich der Beschwörung und Vereinnahmung des ‚Liberalen‘ von einer radikalen Mitte, die (Publicity) nicht Links und rechts sein möchte -und ‚camoufliert‘, teile ich.

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