Stilstand

If your memory serves you well ...

Die Provinz des Menschen

Bekanntlich hat die Entdeckung, dass die Sonne nicht um die Erde kreist, zu einer ‚Provinzialisierung des Menschen‘ geführt. Seither sind wir faktisch nur noch ein kleiner Pups am Rande der Galaxis, ein Dorfbahnhof, der sicherlich nicht unter einer besonderen Vorsehung stehen dürfte. Auch nicht unter der eines persönlichen Gottes, der mit Argusaugen Tag und Nacht über unser Treiben wacht, um alles in sein ‚großes Buch‘ zu kritzeln. Die Musik spielt seither gewissermaßen woanders, dem Schicksal sind wir egal: Wir sind also für uns selbst verantwortlich … und auch alle Konzepte eines durch Gott ‚auserwählten Volkes‘ sind seither obsolet. Ganz egal, ob solch ein Quatsch nun in der Bibel steht, in ‚Mein Kampf‘ oder im Koran.

Bei einigen Zeitgenossen hat sich die Entdeckung des Herrn Kopernikus immer noch nicht herumgesprochen. Sie leben weiterhin fröhlich in ‚vorkopernikanischen Zeiten‘ und sind über das 16. Jahrhundert geistig nie hinausgekommen. Ein Beispiel für diesen Sachverhalt ist jene Häme, die sich aus fundamentalistischer Ecke nach dem Unglück von Duisburg über eine angeblich allzu laszive und sexgeile Techno-Szene ergoß:

Dort nämlich faselt eine Bande religiöser Neandertaler, fern jeder Humanität, von einem „vernichtende(n) Schlag gegen eine satanische Alkohol- und Sexorgie“, „eine triebgesteuerte, notgeile und zugedröhnte Horde Asozialer h(ätte) den Zorn des Herrn heraufbeschworen.“

Da fragt sich der gebildete Leser doch, weshalb dieses radikalisierte Christentum immer noch mit Menschlichkeit und Humanität in Verbindung gebracht wird, wo doch die Anhänger dieses jesusamputierten Glaubens so rachegeil, sündenbesoffen und denkbefreit daherschwatzen. Theopathen habe ich diese Figuren in der ‚Sargnagelschmiede‘ getauft.

Also noch einmal – und nur für euch: Gott, so es ihn gibt, hat sicherlich anderes zu tun, als sich um eine randständige irdische Provinz am Abstellgleis der Milchstraße zu kümmern – oder schlimmer noch: um eine graue Stadt wie Duisburg. Über euch wacht also keineswegs persönlich das Auge Gottes. Der beste Beweis: Wäre es nämlich so, dann hätte euch Figuren längst der Blitz beim Sch…n getroffen …

10 Kommentare

  1. Wobei wirres Gefasel ja beileibe nicht nur aus Theopathenköpfen hervorquillt. Selbst wenn man alle Gläubigen in Gummizellen steckt und sämtliche Radikale (Rechts-, Links-, Markt-, etc.) dazu, werden der Welt die Spinner nicht ausgehen.

  2. Ich frage mich bei solchen Aussagen immer: Woher wissen Menschen, was und wie Gott denkt?

    Einige Prämissen sind hier natürlich notwendig, so muss es überhaupt einen Gott geben, dann muss er einzig sein, er muss der abrahamische – allwissende, allmächtige, unerklärliche – Gott der Juden, Christen und Moslems sein. Jener Gott also, dessen Wege unerfindlich sind, der das Übel in der Welt duldet, weil es [s]einem höheren Plan dient. Jener Gott, dessen Tiefe wir als Menschen auch nicht erreicht haben, als wir vom Baum der Erkenntnisse nahmen.

    Zugestanden, dieser Gott ist alles andere als logisch und konsequent erfasst, so behaupten die Juden, dass er EINE Person ist, die Christen finden, dass er 2 Personen und ein Plasma ist, die Moslems gestehen eine Person, ein Plasma und zwei mehr Propheten zu. Außerdem ist die Bibel von Gott selbst geschrieben – in Aramäisch, Hebräisch, Griechisch, Latein, Englisch, Deutsch, Arabisch, Persisch …

    Also, wenn all das, was uns vor allem aber nicht nur die fundamentalistischen Monotheisten über ihren Gott erzählen stimmt, wie kann irgendeiner von denen wissen, was Gott warum und wann tut?

  3. „werden der Welt die Spinner nicht ausgehen.“

    …die werden nicht ausgehen, weil jeden Tag neue geboren werden.
    Uns geht’s doch selbst so: man lernt das ganze Leben lang, man macht Erfahrungen, man weiß mehr und mehr (natürlich nie genug) …und dann stirbt man. Das ist sowas von unfair. Aber totsicher.
    Und der neugeborene Mensch fängt wieder von vorne an und zwar wie wir: ganz doof.

  4. Ich finde es sehr schade, was ich diesmal unter „Stilstand“ zu lesen bekomme: eine eifernde Epistel, in der von übel auftretenden Knallchargen[*] auf „dieses radikalisierte Christentum“ zurückgeschlossen wird. Die Schlussfolgerung plattiert dann in das ungemein schöne und selten gehörte „Die sollte doch der Blitz beim Sch…n treffen!“

    Na dann – bis zu einem hoffentlich wieder
    gelungeneren nächsten Mal!
    ein Erwählter

    *) man assoziiere hierbei ruhig dieses Bild: Chargierte einer Burschenschaft mit knallenden Schlägern beim Kommers

  5. @ Der Matze: Allenfalls eifere ich hier gegen Eiferer. Ich habe doch ausdrücklich von einem ‚jesusamputierten‘ und ‚radikalisierten‘ Christentum gesprochen. Das ist also keine Pauschalisierung, sondern eine Differenzierung. Ob ihr in eurer Gemeinde solche unaufgeklärten Hetzer duldet, die im Kern doch Satanisten sind, weil sie ihn nämlich überall wittern, vor allem beim Anblick nackter Haut, das ist eine Frage, der ihr euch mal stellen solltet.

  6. Ähem, Klaus, die christlichen Denominationen sind alle Satanisten-Kulte, ebenso wie der Islam. Gott ist denen zweitrangig, sie bauen durchweg auf der Angst vor der Hölle [übrigens in der Bibel höchstens oblique erwähnt] und dem Teufel auf. Dafür muss man nicht mal Nietzsche lesen.

  7. @ Dierk: Stimmt, die Hölle wurde uns erst von abgemagerten Märtyrern ausgemalt, die in ihrem Fieberwahn gern apokalyptisch daherhalluzinierten. Im ausgehenden Mittelalter entwickelten die Katholen dann die Marketing-Idee vom Fegefeuer, wovon auch so rein gar nichts in der Bibel steht. Wer nur zu Lebzeiten genügend spendete und Ablassbriefe kaufte, der wurde post mortem nur ein ganz klein wenig gegrillt, bis sozusagen alle moralischen Makel ausgebrannt waren. Dann konnte die verstockte Seele, wenn auch verspätet, doch noch ins Himmelreich einmarschieren, um dort die Laute zu schlagen – oder was weiß ich …

  8. Ja, nee … is‘ klar! Sehr überzeugend, euer redliches Aufklären: ich glaub‘ ich fall vom Glauben ab. ich habe auch schon mal geglaubt, dass der Pazifismus Wegbereiter für die Nazis war…

    So geniesse ich hier sehr abseitige Blüten über Satanismus, Fegfeuer und auf was uns unsere Randlage in einer Spiralgalaxie hinweist.

    … und meinen leibfeindlichen Brüdern und Schwestern werde ich gelegentlich Bescheid stossen. Amen? Amen!

  9. Lieber Der Matze, was Sie persönlich glauben, interessiert mich recht wenig, oder besser gesagt: es würde mich recht wenig interessieren, wenn Sie mir Ihren Glauben nicht vorsetzen würden. Nun gehört selbstverständlich die öffentliche Bekundung des christlichen [bzw. moslemischen] Glaubens zur entsprechenden Reliogosität, noch schlimmer, sogar die Mission gehört dazu. Christen und Moslems müssen nachgerade anderen von ihrem tollen Glauben erzählen, sie dazu bringen, diesen anzunehmen.

    Reverend Roy Ratcliff, soweit ich beurteilen kann, ein ehrenwerter Mann, hat Jeffrey Dahmer auf dessen Wunsch getauft und ihm auf die Frage, ob er ins trotz seiner massenhaften schlimmen Taten ins Himmelreich gelangen würde, gesagt, ‚Ja‘, denn es wäre ausschließlich der Glaube an Jesus Christus, der dafür vonnöten wäre. Scheißegal, ob jemand zig Menschen brutal tötet und zerstückelt, wenn er nur Jesus annimmt, ist alles vergeben. Das war es übrigens worüber sich Blaise Pascal [satirisch] ausließ, als er Pascals Wette erläuterte.

    Worauf ich eigentlich hinaus wollte, sie [und Sie], die Gläubigen, erwarten totale Toleranz von den Anderen. Sie möchten nicht, dass über Glaubensfragen rational diskutiert wird, sie möchten nicht, dass jemand sich über Religion – genau genommen nur das eigene Glaubensbekenntnis – lustig macht. Sie möchten gerne und immer wieder jedem erzählen, wie toll und wichtig Ihr Glaube und seine Verfassung ist. Ja, so manch einer entblödet sich nicht, Atheisten, Deisten, Agnostikern und Rationalisten vorzuwerfen, sie würden ja auch nur einer „anderen“ Religion anhängen.

    Nun, wenn ich als Kritischer [sic!] Rationalist, als Atheist tatsächlich nur ein WissenschaftsGLÄUBIGER bin, dann erwarte ich von Ihnen und Ihresgleichen, meine Glaubenssätze genauso rausposaunen zu dürfen wie Sie. Ohne dafür von der Seite angepisst zu werden.

  10. Ein Versuch, die von mir leichthin eingebrachte Schärfe wieder raus zu nehmen:

    Es ist tatsächlich so, dass die „Christenheit“, die sehr weit reicht – mindestens von römischen Katholiken über Orthodoxe über klassische Evangelische über Freikirchen bis hin zu sehr eigenständigen Gläubigen wie Pascal oder Kierkegaard (um mal Einzelpersonen hiermit frech zu vereinnahmen) – immer noch durch Neuzeit und Moderne herausgefordert ist und auch gar nicht (mehr) außerhalb der Moderne steht. (Ich denke, dass darüber hinaus die Herausforderungen des „Leibes Christi“ von Anfang an da waren – und immer wieder gut UND schlecht angenommen wurden.)

    Immer noch auftretende Abwehrreflexe, wie der Kampf gegen „Modernismus“ (aktuell Pius-Bruderschaften) und Leugnen naturwissenschaftlicher (und geisteswissenschaftlicher) Erkenntnisse sind schmerzhaft sowohl für Umstehende als auch für Christen selbst. Des weiteren ist es sicher auch so, dass eine im Lauf der Geschichte errungene Deutungshoheit (War das gut? War das nur schlecht?) auch wieder verloren gegangen ist. Deswegen ist mir schon klar, dass Nichtgläubigen (i.S.d. Christusglaubens) demonstrierte Glaubensgewissheit deplaziert und nervig erscheint.

    Wenn ich mit Überredungsversuchen penetriert werde (und das noch als Mission bezeichnet wird), ist’s auch mir schnell zuviel.

    Deswegen lass mich Dir, Dierk, wie einstens Jesus zu Peter sagen: „Lass steck‘, ’s is genug!“ (Okay, okay, ich konnte das Würzen schon wieder nicht lassen…)

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