Manchmal lohnt es sich, den ‚Spiegel‘ zu kaufen. In dieser Woche nicht wegen der Titelgeschichte, die mehr einer bloßen Aufzählung massenhafter Fehler unserer schwarzgelben Regierung gleicht. Nichts Neues unter der Sonne. Großartig aber ist der Essai von Cordt Schnibben, der unter dem Titel „Die bürgerliche Kernschmelze“ (S. 50 ff, leider nicht online) die große Transformation des Bürgertums untersucht – und damit auch diejenige des ‚bürgerlichen Lagers‘. Schnibbens zentrale, gut belegte These: „Die Wirklichkeit [des Bürgertums] ist nicht mehr rechts„.

Der Begriff ‚Wirklichkeit‘ meint dabei mehr, als nur ‚Zeitgeist‘, ‚Stimmung‘, ‚Demoskopie‘ oder ‚vorwiegende Meinung‘. Die Wirklichkeit ist immer ein gesellschaftlich herrschendes Paradigma. Sie ist jene Kategorie, nach derem Wandel alles, was nicht zur neuen Weltsicht passt, als rundweg falsch, verblichen und ‚verkehrt‘ erscheint, quer über alle Lager hinweg. Kein Satz, der sich gegen das neue Wirkliche stellt, trifft mehr den Kern. Für Altgläubige ist die Welt plötzlich wie verhext. So, wie sie einst auch den Linken erschien, als plötzlich die Neoliberalen zwanzig Jahre lang definierten, was die neue Wirklichkeit sei.

Ein solcher Paradigmenwechsel hat stilistisch Folgen, vor allem für den bisherigen Hegemon, in diesem Fall also für die Rechten. Selbst dann, wenn sie retardiert sind, wenn sie sich unentwegt gegen das neuerdings Anerkannte wenden, müssen sie wider Willen dessen veränderte Kategorien ständig in ihren Texten mit reflektieren. Prompt verknoten sich die Sätze, ihre Argumentation erscheint angestrengt, bemüht und rabulistisch, jedes Satzglied wird zwangsläufig mit erläuternden Anhängseln überfrachtet.

Grammatisch ist ein Resultat die Partizipialwurst, zu bewundern derzeit bei Ulf Poschardt, dem stellvertretenden Chefredakteur der ‚Welt am Sonntag‘, jenem Zufluchtsort, wo das gewohnte Alte seine ideologische Heimat gegen die brandende Flut noch mehr oder minder gekonnt verteidigt.

Typisch ist zunächst die Wahl eines möglich entlegenen Themas, in diesem Fall das der Sozialdemokratie. Das ist jene Partei, die sich bekanntlich zur Zeit aus jedem gesellschaftlich relevanten Diskurs selbst herausgekegelt hat. Poschardt redet trotzdem über sie, als sei hier der Quell allen Übels zu suchen: „Die SPD schraubt an gerechtigkeitsfeindlicher Politik.“

Über die Qualität von Headlines und über die angewandte ‚Schraubermetaphorik‘ wollen wir an dieser Stelle nicht richten, der Kern des Vorstoßes ist jedem klar, der Poschardt kennt: Hartz IV und die Rente mit 67 waren gerecht. Eine Erhöhung von Sozialleistungen wie auch eine Reduzierung der Lebensarbeitsleistung – das wäre hingegen höchst ungerecht. Ausgerechnet Steinbrück, der Hartz-IV-Mitkonstrukteur, sei bei dieser Kehrtwende von Schröder zu Marx der böse Dämon, der an der alten neoliberalen Gerechtigkeit rüttelt. Nun ja, wer Kolportage mag, mag Kolportage mögen …

Seine gewagten Thesen versucht Poschardt nun unter großem winkeladvokatorischem Aufwand zu beweisen: Schwarz sei weiß, und Weiß sei schwarz, und Hartz IV sei eigentlich die Inkorporierung der Caritas. An die Stelle von Gottes Gerechtigkeit tritt der IWF:

„Knapp zusammengefasst plant und schraubt die SPD in Bund wie Ländern an einer Politik, die leistungs- und gerechtigkeitsfeindlicher kaum sein könnte. Sie ignoriert OECD- und IWF-Berichte, die Deutschland wegen der hohen Steuern und Abgaben zu schnellen Reformen mahnen, und sie vergeht sich vor allem an jenem für die Gesellschaft so wichtigen Unruheherd der Aufsteiger.“

Ach ja – dieser ‚Unruheherd der Aufsteiger‘ (Bild, steh mir bei!), wo die Aufsteiger vermutlich durch den Kamin geblasen werden, während die SPD sich rammelnd an ihm vergeht, wo Poschardt zugleich die eigentliche Stammwählerschaft einer geborenen ‚City-Partei‘ wie der SPD verortet, das ist schon eine gewagte Metapher. Und das, wo doch gerade Schwarzgelb das Feuer in diesem Herd höchst erfolgreich löschte, indem diese Regierung eine höchst immobile Gesellschaft nach Kräften förderte. Weil sie bspw. das ‚Schuster-bleib-bei-deinem-Leisten‘ durch eine verfehlte Bildungspolitik systematisch zementierte, andererseits aber auch den neoliberalen Wohlstand längst nicht mehr auf Arbeit, Aufstieg oder Leistung, sondern auf Zinsen und Rendite ruhen ließ.

Kurzum: Der ganze Text ist in Maximaldistanz zur neuen Wirklichkeit aufgebaut, d. h. zur Erfahrung und Lebenspraxis der Menschen. Das merkt man ihm vor allem an seinen bemühten, überlangen Partizipialwürsten an. Schlichte Subjekte und Objekte im Satz werden mit Beiwörtern behängt, bis sie einem aufgeputzten Zirkuspony gleichen. Alle Geradheit der Argumentation ist dahin, und damit auch die Überzeugungskraft. Einige Beispiele, darunter dann der Poschardt’sche Satzkern ohne jedes Beiwerk:

„Dazu passt sehr gut, dass angesichts von Zehntausenden drohenden Hartz-IV-Umzüglern der rot-rote Senat erwägt, die Wohnkosten und damit die sowieso schon jeden Etat sprengenden Sozialleistungen zu erhöhen.
[„Der rot-rote Senat will die Wohnkosten an den Mietspiegel angleichen.“]

Gleichzeitig wird das Versagen des stets mit noch mehr Steuermitteln gestopften Staats nicht mehr thematisiert.
[„Der Staat verfügt über viel zu viel Geld (s. a. ‚Schuldenuhr‘).“]

Wie das bedingungslose Umsorgtwerden durch den Staat die sozial Schwachen ruiniert, dazu ist in der Partei wenig zu hören.
[„Jede staatliche Unterstützung ruiniert die Armen.“]

So gesehen passt ein blendender Unterhalter wie Peer Steinbrück mit seiner Belesenheit und den bürgerlichen Umgangsformen gut in die Zeit des neosozialromantischen Backlash.
[„Steinbrück ist der ideale Kanzlerkandidat.“]

Dass seine One-Man-Show bislang nur vorsichtig eingebremst [sic] ist, folgt entweder der List seiner Konkurrenten oder – deutlich wahrscheinlicher – dem lethargischen Zustand der Partei- und Fraktionsspitze.
[„In der SPD spricht derzeit nur noch Steinbrück.“]

Entweder ist es Dada oder Gaga, was ‚hinten herauskommt‘ (Helmut Kohl), liest man unsere Partizipialwürstchen bloß gegen den Strich. Das alles habe Poschardt doch gar nicht gemeint, könnte jetzt jemand einwenden. Genau das ist der Punkt: Einer neuen Wirklichkeit weicht niemand aus. Wer sie mit hohem verbalen Aufwand zur Vordertür hinauskegelt, bei dem schleicht sie sich durch die Hintertür wieder ein. Die alten Argumente – negative Freiheit, Staatsverarmung, Selbsthilfe für die Armen usw. – die passen einfach nicht länger in die Zeit und zu einer veränderten Wirklichkeit.

Einen neuen Konservatismus aber haben sie auch bei der ‚Welt‘ noch nicht entdeckt. Obwohl an ihm auch eine neue Wirklichkeit Bedarf hätte. Nur muss man sich dann auf diese auch einlassen.