Stilstand

If your memory serves you well ...

Die Parataxe

Ob der Blödheit mancher Rezensenten möchte ich manchmal die Tastatur in die Ecke pfeffern. Gerade im vorgeblichen Hort des Geistes, im Feuilleton, wird die Zeitung immer öfter zu einer publizistischen Zumutung. So schreibt ein gewisser Oliver Jungen in der FAZ über den Schriftsteller Airen. Ein Blog-Autor, der bekanntlich jener – von eben demselben Feuilleton – hochgeträllerten Plagiatorin Helene Hegemann zu ihrem Machwerk ‚Axolotl Roadkill‘ per Copy & Paste die passende Erlebnisvorlage lieferte. In Oliver Jungens ‚Kritik‘ findet sich, neben vielem anderen Stuss, die folgende beckmesserische Anmerkung:

„Stilistisch gelangt das Opus nirgends über den schnodderig-expliziten Tonfall und die Parataxe hinaus, welche die meisten Online-Foren prägen. Das Tempus ist der Tagebuchform wegen ein ödes Universalpräsens.“

Mit einer einzigen germanistischen Renommiervokabel meint der Herr das Buch aus den Tiefen der Blogosphäre stilistisch erledigen zu können. Ein wahrhaft schwankender Turm, auf dem er dort steht. Zum allgemeinen Verfallszustand des Feuilletons, das sich mit solchen Bauerntricks über die wesensfremde Online-Welt zu erheben trachtet, hat Don Alphonso anlässlich seines ‚Besuchs bei Analphabeten und Zauseln‘ schon das Nötige gesagt. Über das Buch will ich mich auch gar nicht äußern, denn ich habe es gar nicht gelesen. Völlig unnötige Skrupel, die mir jede Laufbahn als Feuilletonist verbauen. Worin aber besteht der blödsinnige Vorwurf, in einem Text Parataxen zu verwenden?

Zunächst einmal ist die Parataxe nichts als eine Reihung von Hauptsätzen, die idealerweise zudem grammatisch gleich aufgebaut sein sollten. Ausführlicheres hier in der wikipedia. Schriftsteller verwenden dies Stilmittel, um den Anschein entweder einer besonders linearen und stringenten Argumentation zu erzwingen, um dem Leser Raum für Deutungen zu schaffen, oder aber auch, um gewisse unheimlich-unbestimmbare Wirkungen zu erzielen. Hier einfach mal vier in angefressen morbider Stimmung von mir dahergeklimperte Zeilen:

Das Gras lag feucht und geschändet.
Der Himmel schwieg still und schlief.
Ein Teich lockt weich und moorestief.
Das Feuilleton ist doof und vollendet.

Vier Hauptsätze – vier Parataxen. In der Prosa klänge es dann ungefähr so: „Angela trug das Kind auf dem Arm. Eine Fliege schlug blindlings mit dem Kopf ans Fenster. Die Uhr trieb im Flur die Minuten vor sich her.“ Trotz des Ticktacks hätte ich so die Zeit fast zum Stehen gebracht. Was an einem der gebräuchlichsten Hausmittel jeden Schriftstellers – von Altenberg über Brentano, Goethe und Kafka bis hin zu Stefan Zweig – plötzlich kritisierenswert sein soll, sobald es sich in ein Blog verirrt, das würde ich von diesem pretiös daherschwätzenden Herrn gern mal hören. Vermutlich gewinnt er ja noch nicht einmal aus dieser schönen Parataxe einen Hauch von Erkenntnis: „Über allen Gipfeln ist Ruh. Über allen Wipfeln spürest du …„. Und dann wäre dies Machwerk auch noch in einem solch „öden Universalpräsens“ geschrieben!

Ach, Feuilleton – du Tummelplatz derer, bei denen es zum Schreiben nicht langte …

5 Kommentare

  1. Schön gesagt. Das hab ich auch gedacht, als ich das per Don A. gelesen hatte. Wirklich wie das übelste Klischee eines Feuilletonisten.

  2. Mindestens zwei hochgefeierte – zu Recht! – Schreiberlinge englischer bzw. amerikanischer Sprache sind berühmt für ihren Stil kurzer, parataktischer Reihung [von Sätzen kann man da nicht immer reden]: David Peace und James Ellroy. Hemingway war auch nicht gerade für Nebensätze und Verschachtelung bekannt – anders als Kleist oder James Joyce.

    Du hast übrigens Stakkato, Schnelligkeit, Aktion als Ergebnis parataktischer Stilmittel vergessen. So, und nun zurück zur Hypotaxe.

  3. na ich lese zumindest das ZEIT-Feuilleton eigentlich ganz gerne. Aber wie ich sehe, ist es manchmal (Parataxe hätte ich nämlich so spontan nicht gewusst) wohl ganz gut, ein Wörterbuch neben dem Bett liegen zu haben. 😉

  4. @ Not quite like Beethoven: Mir scheint das Klischee inzwischen eher die Regel als die Ausnahme zu sein … siehe das Rudelverhalten im Falle Hegemann.

    @ Dierk: Die Hypotaxe kommt bestimmt auch noch als Vorwurf – demnächst in diesem Theater. Ich kenne so einige Blogger, denen ein unbedarfter Feuilletonist ihre Nebensätzlichkeiten zum Vorwurf machen könnte. In den Spiegel zu gucken, kommt ihnen dabei aber sicherlich nicht in den Sinn. 😉

    @ kraM: Das Wörterbuch neben dem Bett nützt nichts, wenn das unbekannte Wort nur der feuilletonistischen Bildungspolizei zum Ausweis eigener Selbstherrlichkeit dienen soll.

  5. Muss es sein? Ja, es muss sein:
    Hat Oliver Jungen eigentlich Kurtaxe bezahlt? Und: Ist die Taxi-Innung verständigt?

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