Stilstand

If your memory serves you well ...

Die Ölprinzen

Zum Thema der Intelligenzwerdung gibt es neuerdings besonders ‚einsichtige Einsichten‘, die dazu noch den Vorteil haben, dass sie auf (natur)wissenschaftlicher Grundlage stehen. Ich will bei meinen Quellen nicht ins Detail gehen, wen es interessiert, der möge unter Suchbegriffen wie Gerhard Roth, Humberto Maturana, Kognitionswissenschaft, Konstruktivismus oder Metaphernforschung näheres nachschlagen.

Das Bild, das sich inzwischen zeigt, bietet eine Erklärung dafür, weshalb so viele junge Menschen bei formal hoher Qualifikation trotzdem dumm und unflexibel bleiben. In meinem privaten Sprachgebrauch spreche ich bei diesem Typus von ‚den Ölprinzen‘, was nicht heißen soll, dass nicht die eine oder andere Prinzessin darunter ist.

Zur Sache – und in gebotener Verkürzung: Der Mensch wird erst durch Reduktion seiner anfänglichen Gehirnkomplexität ‚intelligent‘, weniger wird hier gewissermaßen mehr. Zum Zeitpunkt seiner Geburt ist er ein komplett vernetztes System: Jede Gehirnzelle steht mit nahezu jeder anderen in Kontakt. Die große Lehrmeisterin, die Erfahrung, räumt dann ab den ersten Lebensmonaten in diesem Überfluss gewaltig auf: Erhalten bei der nun einsetzenden großen Reduktion bleiben jene ‚Cluster‘, die auch gebraucht wurden. Je mehr und je unterschiedlichere Erfahrungen ein Mensch schon früh macht, desto feiner strukturiert bleibt folglich auch sein Gehirn. Die restlichen Verbindungen sterben ab oder treten in den Hintergrund. Daher kommt es darauf an, schon dem Säugling und Kleinkind möglichst viele Anregungen und Kontakte mit der Erfahrungswelt zu bieten, damit es überhaupt die Chance hat, intelligent zu werden. Intelligenz ist also nicht angeboren.

Das Gehirn bleibt aber in Grenzen immer plastisch: Der Mensch kann auch später noch Erfahrungen sammeln, die durchaus schmerzlich sein können. Das Gehirn, immer auf ‚Deutung‘ gepolt, reagiert darauf mit der Reaktivierung geschwächter Verknüpfungen, es bildet durch Benutzung neue ‚Frames‘ aus, ‚Rahmen‘ zur Selbsterklärung der Welt, die den Menschen mit seiner Umwelt kompatibel erhalten. Ja, der Prozess geht sogar so weit, dass Menschen unterschiedliche ‚Frames‘ ausbilden: Je nachdem, welches Erklärungsmodell aktiviert wird, entwickeln einige auch Handlungsalternativen: Sie sind eben keine TINA-Menschen mehr (‚There is no alternative‘) – sie sind flexibel.

Die Lektüre, also das mentale Probehandeln in fiktionalen Räumen, ist übrigens eines der wirkungsmächtigsten Instrumente, um auf diese Art intelligent zu werden: Man gewinnt Einblicke in andere Lebenswelten und Handlungsformen – und wenn ein Text zunächst ’schwer‘ zu lesen ist, dann liegt es oft daran, dass die dazu passenden Synapsenverbindungen im Hirn noch nicht erzeugt wurden.

Nun stelle man sich einen jener ‚Ölprinzen‘ vor, der von seinen ‚Eislaufeltern‘ schon im Kindergarten auf Erfolg und Anpassung an das Bestehende gedrillt wurde. Er ist von Anfang an unter Ähnlichen, er lernt, dass es nicht Anbetungswürdigeres gibt als den Erfolg, der sich wiederum in Schulnoten ausdrückt, er besucht eine Eliteschule, wo er von allem Divergierenden ferngehalten wird, er studiert mit dem Ziel eines möglich raschen Einserexamens, was er auf leichtem Wege erlangt, indem er die bestehenden Welterklärungsmodelle seines Jura- oder BWL-Professors möglichst Eins-zu-Eins rezipiert und in dessen ‚Frames‘ zu denken lernt. Sein Gehirn wird dadurch auf eine bestimmte Art ‚verdrahtet‘, das Alte reproduziert sich, nur das ist richtig, was seine Synapsen künftig feuern lässt, alles ist andere falsch. Die Folge: Alternative Denkmöglichkeiten sterben ab, zumindest sind sie nicht ohne weiteres mehr im Denkraum aktivierbar.

Die angepassten Gelfrisuren, denen wir zunehmend auf allen Management-Etagen begegnen, entstehen auf diese Art. Und sie sind als Phänomen auch hirnphysiologisch vollständig erklärbar. Mit den TINA-Figuren füllt sich zunehmend eine TINA-Welt, die alles Geschehen von einem Punkt aus erklären möchte, weil sie ja keine Alternativen oder Möglichkeiten mehr kennen kann. Bildung in ihrer heutigen Express-Form macht also blöd – je besser und schneller ein Examen abgelegt wurde, desto mehr. Der gesellschaftliche und generationenübergreifende Konservatismus – „mehr desselben!“ – ist somit eine Folge ebenso erwünschter wie defizitärer Denkstrukturen im Gehirn.

Die Sprache spielt dabei eine überragende Rolle zur Verkürzung der Verständigung untereinander: Fallen Worte wie ‚Eltern‘, ‚Freiheit‘ oder ‚Marktwirtschaft‘, dann sind dies nur Trigger oder Auslöser für Informationen, die jeder im Gehirn über die benannten Sachverhalte längst bei sich trägt: Das Wort aktiviert auf kürzestem Weg nur den entsprechenden ‚Frame‘ im Gehirn, nur dazu dient die Sprache. Keineswegs aber verstehen zwei Menschen unter einem Wort genau das Gleiche. Sind aber die Sozialisation und der Bildungsweg ähnlich, dann mögen allerdings auch die Frames ähnlich sein.

Intelligent im strengen Sinne wären damit nur diejenigen Leute, die unterschiedliche ‚Rahmen‘ oder ‚Cluster‘ in sich aktivieren können: Je-Nachdem-Menschen, die auch Widersprüche erzeugen, die sie aushalten und zu etwas Neuem verbinden können, zu komplexeren und anspruchsvolleren Frames, welche die Welt zuvor noch nicht kannte.

Nun stelle man sich wieder unsere Ölprinzen vor: Sie haben Erfolg gehabt durch die Aktivierung immer derselben Frames, was sie einerseits zu handfesten Ideologen macht, weil sie bei gleichem Sprachgebrauch auch zu immer den gleichen Schlüssen kommen: Alles, was ihnen nicht passt, ist dann ‚Sozialismus‘. Andererseits sind sie genau deshalb unfähig, in Krisen situativ adäquat umzusteuern, weil sie sich buchstäblich nichts ‚Anderes‘ mehr vorzustellen vermögen. Über kurz oder lang reiten sie durch ihr Handeln jedes System in die Grütze, weil sich – im Gegensatz zu ihnen – die Umwelt unaufhörlich ändert. Ihre Anschauungen und Welterklärungen, die ja der Anpassung dienen sollten, tun genau dies jedoch nicht. Hier liegt in meinen Augen eines der größten Zukunftsprobleme: Wie machen wir die Menschen auf Führungspositionen durch Möglichkeiten zur Etablierung neuer Frames wieder zeitgemäß handlungsfähig? Anders ausgedrückt: Wie bringen wir zur Abwechslung intelligente Menschen an die Schaltstellen unserer Gesellschaft, statt der angepassten Rundgelutschten mit Einserexamen, die über Intelligenz im eigentlich Sinne gar nicht verfügen?

Wer’s noch nicht gemerkt hat: Dies ist ein Plädoyer, mehr und ‚von anderen‘ zu lesen …

Hier noch ein einstündiges Video zum Thema. Vorsicht – es verfügt sprachlich über eine ziemlich hohe ‚Oettinger-Schwelle‘ …


8 Kommentare

  1. Intelligenz ist die Fähigkeit, auf sich ändernde Umstände kreativ reagieren zu können – sowohl unter Abrufung bereits Bekanntem [als Instinkt, Reflex oder Gedächtnis] als auch Schaffung von Neuem [Verknüpfungen oder Originäres].

    Ich bin vorsichtig damit, diese Definition mir zuzuschreiben, habe sie allerdings bisher so noch nirgendwo gefunden, möglicherweise, weil ich mich nur mit Philosophie, Biologie und Literatur beschäftige, bei der modernen Psychologie allerdings vehement bei Humphreys, Miller, Pinker et al. stehenbleibe.

    Was die im Beitrag beschriebene Kategorie von Langweilern angeht, das mendelt sich aus. Ich find’s zwar schön, wenn Menschen sich gegenseitig befruchten*, aber es stört mich auf lange Sicht nicht, wenn die Eindimensionalen und Westerwelles gut gebildetet Dummbeutel bleiben.

    *Als Mann darf ich zwar nicht feuchtgebieten oder hässliche Tierchen auf die Straße klatschen, aber zweideutig sein geht bestimmt noch.

  2. Ich habe zu diesem (übrigens guten) Artikel was auf meinem Blog gesenft http://martinm.twoday.net/stories/6185261/ (Wenn auch mit verdammt geringen kreativem Eigenanteil 😉 .)

  3. @ Dierk: Es ist keine ‚Psychologie‘, sondern beinharte Kognitionswissenschaft. Wer konkurrierende Strukturen in seinem Gehirn zulässt und ausbildet, der ist ‚intelligenter‘ und damit ‚handlungsfähiger‘, insofern als er ‚viable‘, also ‚gangbare‘ Wege durch den Schlamassel des Lebens finden kann. Damit meine ich jetzt nicht: langbeinige Weiber, dickes Auto, sattes Einkommen, fette Rente, sondern adäquates Handeln an den Schaltstellen der Gesellschaft, dort wo ‚intelligente‘ Funktionseliten zu finden sein sollten.

    @ MartinM: Antwort in deinem Blog …

  4. Klaus, ich wollte damit nur sagen, dass ich ausgerechnet im Bereich der Psychologie nicht so bewandert bin, dass ich jede Definition kenne, die dort gegenwärtig zu ‚Intelligenz‘ umläuft. Anders als Frl. Hegemann gebe ich gerne zu und an, nämlich, was von anderen stammt und nicht von mir.

  5. @ Dierk: Schon klar. „Frollein“ Hegemann ist gut – wiewohl zutiefst antifeministisch und ihren deflorablen Zustand missachtend.

  6. Bin gerade über ruhrbarone.de -> sprengsatz.de auf diesen Artikel gelinkt worden.

    Finde ich sehr gut analysisert und komprimiert. Danke dafür. Es erklärt mir in der Tat die Gelfrisurenträger, aber auch die Halbglatzenrasierer auf Managementetagen.

    Bei der FDP kommt noch was dazu: Die Mitglieder glauben zur einen Hälfte das mal werden oder materiell erreichen zu können, was die andere Hälfte über tradierte Privilegien bereits erreicht und abgesichert hat. Die erste Hälfte träumt vom Aufstieg durch Gefallen und die andere Hälfte lässt diese weiter träumen.

    „Liberalismus“ ist in Deutschland in der Tat ein Fall für Neurologen.

  7. @ Frank: Wer Friedrich Naumann liest – der immerhin der Stiftung der Liberalen den Namen gab – und wer dessen Einsichten mit den Denkbemühungen des heutigen Zwergwuchses vergleicht, der ist erstaunt, wie tief doch ein vormals leuchtender Begriff in den Dreck sinken kann.

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