In Portugal gingen am letzten Wochenende mehr als zehn Prozent der lusitanischen Bevölkerung auf die Straße, um gegen Angela Merkel und deren Austeritätspolitik zu protestieren – gegen eine Kriegspolitik mitten im Frieden also. Zum Vergleich: Bei der größten Demonstration, die je auf deutschem Boden stattfand, entdeckten in den 80er Jahren nur knapp zwei Prozent unserer Bevölkerung den Weg auf die Rheinwiesen. Zeitgleich mit dem portugiesischen Uproar stimmten in der Schweiz mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten für eine ‚Abzockerinitiative‘, um das Gehalt jener Figuren zu begrenzen, deren Portfolios gerade in Spanien, Irland, Griechenland und anderswo mit dem Vermögen der dortigen Bürger gerettet werden sollen.

In Italien wiederum gewann ein gewisser Beppe Grillo die Wahlen, seine Fünf-Sterne-Bewegung wird italienweit zur stärksten Partei – und die ganze deutsche Presse kann es jetzt nicht fassen und verfällt in blanke Italienerbeschimpfung: Wie konnte der zutiefst irrationale Welschmann, dieser Pulcinell, nur einen solchen „Komiker“ (SZ) und „Klamauk-Künstler“ (FAZ) wählen? Was die gleichen Kommentatoren übrigens nicht daran hinderte, dem Peer Steinbrück jene Ausdrucksweise vorzuwerfen, die sie selbst soeben noch pflegten.

Verwunderlich an dem Fall Beppe Grillo ist allenfalls, dass dieser Fall nicht schon sehr viel früher eintrat: Italien schützt traditionell einen überdurchschnittlichen Anteil von Vorbestraften und Kriminellen durch ein undurchdringliches Parlamentsmandat. Die Mandate dieser Unberührbaren werden nicht etwa vom Volk vergeben, sondern allein von den Parteien. Das italienische System kennt gar kein Direktmandat, sondern nur ausgekungelte Listenplätze, die von Wahlperiode zu Wahlperiode vererbt werden können, sofern man die Geschäfte nicht stört. Auf einem Stimmzettel – sagen böse Stimmen – vermag der italienische Wahlbürger nur ‚Mafia-Süd‘ oder ‚Mafia-Nord‘ anzukreuzen, gut – die Camorra spielt dann auch noch eine Rolle. Das in etwa ist der Zustand der Demokratie in Italien – eine fest zementierte Mischung aus Parteien, mafiösen Organisationen und Bauindustriellen. Dann gab es bei der letzten Wahl auch noch den Mann von Goldman-Sachs, der die Rückführung der bourgeoisen Assets organisieren sollte, einen gewissen Herrn Mario Monti.

Aus all diesen und noch vielen weiteren Gründen spricht das italienische Volk, ist von Politikern die Rede, nur noch von ‚La Casta‘. Was wir nur in milderer Form kennen – eine abgehobene ‚politische Klasse‘ – das besitzt Italien im Übermaß.

In einem solchen Land wuchs ein hochbegabter, mehrmals preisgekrönter Schauspieler heran, der zunehmend auch sein kabarettistisches Talent entdeckte. Beppe Grillo, ein ehemaliger Buchhalter, wurde zu Italiens großem Fernsehstar, er erzielte jene Quoten, von denen alle Fernsehsender träumen. Und natürlich ist der Mann eitel, wer wäre schließlich je zu Ruhm gelangt, ohne eitel zu sein? Weil dieser Grillo sich zunehmend politisch zeigt, weil er mit seinen Hanswurstfingern in den Wunden des Systems herumprökelt, schlägt ‚La Casta‘ dann endlich zurück: Im Jahr 1993 hat Grillo bei der RAI seinen letzten Auftritt – vor immerhin 16 Mio. Zuschauern, also weit mehr als einem Viertel aller Italiener. Alle Altmedien und Sender bleiben ihm seither verschlossen. Das Phänomen Beppe Grillo lässt sich übrigens den Deutschen ganz gut erklären, wenn man ihnen sagt, dass dort ein Til Schweiger mit einem Volker Pispers und einem Oliver Welke gekreuzt wurde.

Eine solche Figur hält natürlich nicht die Schnauze, wenn ihr das Establishment den Stuhl vor die Tür stellt. Aus Beppe Grillo, dem Kabarettisten, wird Beppe Grillo, der Blogger. Täglich feudelte dieser Mann im besten Rentenalter jetzt mit dem verbrauchten Personal der ‚Casta‘ die politische Bühne – unter jubelnder Zustimmung der italienischen Mehrheit, sofern diese jung, gebildet und zunehmend auch arbeitslos ist. Denn Merkels Kommandos und ‚Reformen‘ wirken sich immer wahrnehmbarer auch in Italien aus: Geld nur gegen Sozialabbau und ökonomische Marktausrichtung. Womit sie begreiflicherweise nicht auf das italienische Wahlrecht zielt. Es ist auch kein Zufall, dass Grillo im italienischen Süden, wo es von Neapel aus abwärts geht, seine größten Erfolge feiert. Dort versickern alle Subventionsströme und alle Hilfsprogramme seit 50 Jahren schon in der Wüste der Korruption, lange bevor sie das Meer des Volkes erreichen.

Beppe Grillo reaktiviert für sich nun die klassische Rolle des Volkstribunen – er wird der unbestechliche Mann der Menge, der keine Kompromisse und Halbheiten kennt, der alle Wahrheiten drastisch und laut herausschreit. Die weitere Entwicklung ist bekannt – auch die dunkleren Flecken auf seiner Weste. Denn der gleiche Beppe konnte sich gründlich empören, wenn ‚La Casta‘ seine Steuerklärung veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass auch er längst zu den Großverdienern im Lande zählt. An dem Punkt zeigt er die bekannten Züge von Peer Steinbrück – und er eifert gegen völlige Transparenz, sofern sie ihn betrifft.

Die Entwicklung eines Beppe Grillo war hier ebenso folgerichtig wie simpel nachzuzeichnen: Es ist ein hochbegabter Mensch, den das bestehende korrupte System ausgespuckt hat, und der mit diesem verbrauchten System jetzt Schlitten fährt – aus dem gleichen Grund, mit dem sich der Hund die Eier leckt.

Weshalb alle deutschen Meinungskolumnisten zu einem solchen biographischen Nachvollzug nicht in der Lage sind, weshalb sie aus einem Volkstribun im ursprünglichen Sinn des Wortes partout einen ‚Pinocchio‘ machen müssen, das ist für mich nur mit ideologischer Blindheit zu erklären. Sie schreiben alle aus einer innenpolitischen und national beschränkten Position heraus, und damit weit an jeder Analyse vorbei: ‚Germany wants its money back!‘ – das ist ihr Herr-im-Hause-Standpunkt. Und wenn die faulen Ithaker das nicht kapieren, dann … ja, was dann?

Überall in Europa hat die Mehrheit der Menschen die Schnauze voll, zwar nicht vom Parlamentarismus, aber doch von jenem marktkonformen Parlamentarismus, den uns dessen Nutznießer und ihre Medien tagtäglich vollmundig anpreisen: in Italien, in Portugal, in Irland, in der Schweiz, und in milderer Form auch in Deutschland, dem größten Profiteur unter allen schwäbischen Hausfrauen. Es grollt und grummelt allerorten, die deutschen Medien aber spielen ‚Business as usual‘ …