Stilstand

If your memory serves you well ...

Die Leere des Fortschritts

Nach dem SPD-Parteitag sind sich alle ganz sicher: Die Beschlüsse, die dort getroffen wurden, seien „rückwärtsgewandt“ – allem voran die geplante Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Das sagt – klar! – der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, das findet natürlich auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, und die einschlägigen Medien plappern dies brav nach. Die gleiche Kritik kommt aber auch von links oder von aufgeklärter Seite: F!XMBR argumentiert so – und auch der Wolfgang Michal bei Carta.

Ich will mich an dieser Stelle gar nicht auf den Streit um ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ einlassen, sondern nur auf die Semantik: Da nämlich der Teufel ein Logiker ist, sollte jemand, der andere als ‚rückwärtsgewandt‘ abstraft, schon wissen, wo denn ‚vorne‘ wäre, wo also das ‚Vorwärtsgewandte‘ haust. Er hat sich ja auf diese ebenso tückische wie richtungweisende Kompass-Metaphorik eingelassen, aus der sich solche Fragen logisch zwingend ergeben. An diesem Punkt wird es dann brabbelig und nebulös – denn keine Vermögenssteuer zu erheben, wäre demnach bspw. ‚fortschrittlich‘. Richtig gehört!

Aber woher wissen die das, wie begründen die das? Gar nicht, lautet die schlichte Antwort. Unseren Parteien, Verbandshäuptlingen, Öchsperten und Zukunftsdeutern ist ein echter Fortschrittsbegriff längst abhanden gekommen. Keine Partei weiß mehr, wohin die Reise im Gesellschaftswagen uns führt. Vor allem aber ‚Wozu?‘. Von einem dreistufigen ‚fortschrittlichen‘ Steuersystem jedenfalls werden sich nur Verblendete einen ‚Ausbau der Demokratie‘ in Deutschland erhoffen, um mal ein mögliches Zukunftsziel zu nennen. Von einer niedrigen Umsatzsteuer für das Übernachtungsgewerbe soll jetzt die ‚wirtschaftliche Erholung‘ folgen, so jedenfalls verkündet es das ‚Wachstumsbeschleunigungs-Gesetz‘ im schönsten faktenenthobenen Liberallala-Stil. Lauter Ziele, an welche die Handelnden wohl selbst nicht glauben.

Wohl aber lässt sich aus solcher mentalen Verfasstheit schließen, um welchen Fetisch die perspektivlosen Zukunftsbeschwörer wie die Derwische tanzen: Das Ziel dieses ewigen Ringelreihens ist immer blankes Wachstum, das – haste nich gesehen! – mit dem ‚Fortschritt‘ ohne nähere Begründung gleichgesetzt wird. Das ist die einzig verbliebene konkrete Utopie, die sich aus nahezu allen Parteiprogrammen destillieren lässt. Wachstum also wäre Fortschritt, und Fortschritt wäre Wachstum – Herr, wirf Hirn vom Himmel! Nach dieser schlicht gestrickten Logik wäre dann auch Krebs Fortschritt …

Im Kern alles ‚Vorwärtsgewandten‘ sehen wir also immer dieses unverwüstliche ‚Wachstum‘, den bundesdeutschen Fetisch sans phrase, am Zukunftshorizont sein Fortschrittsfähnchen schwenken, so, wie der Igel im Märchen. Im Kern ist dies wiederum ein Ziel, das unverändert schon in den 60er, 70er und 80er Jahren ebenso formuliert wurde. Auch das vermeintlich ‚Vorwärtsgewandte‘ entpuppt sich damit als ‚rückwärtsgewandt‘. Sie alle wollen ihren Kaiser Wilhelm wiederhaben!

Mit anderen Worten: Es gibt gar keinen ‚Fortschritt‘ in der Politik mehr, dieser Begriff hat abgedankt. Alles, was derzeit damit bezeichnet wird, ist bei näherer Analyse ‚gestrig‘. Nur die Metaphorik des Pseudo-Fortschrittlichen lebt fort. Schlicht „Mehr, mehr, mehr!“ lautet das Credo aller Parteien, die Gier hat nicht nur in der Wirtschaft, sondern eben auch in der Politik längst Einzug gehalten, alle sitzen auf dem Rücken von Walter Benjamins Engel der Geschichte und versuchen aus dem Gestern eine Politik für morgen zu formulieren. Unsere Parteien ähneln programmatisch durch die Bank dem Oskar aus der Tonne … es herrscht Sesamstraße für alle!


6 Kommentare

  1. Ja, das liebe Wachstum. Darin sind sich alle Parteien einig. Das Problem, dass es keinen wirklichen Fortschritt mehr gibt, liegt darin, dass meiner Meinung nach daran, dass das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ausgereizt und an seinen Grenzen angelangt ist. Es braucht eine Weiterentwicklung.

  2. ähm… „Weiter“entwicklung ? Nach „vorn“ ?

  3. Ich zitiere mich einmal selbst:

    Klaus hat da leider meinen Artikel auf F!XMBR falsch verstanden – vielleicht habe ich mich auch einfach falsch ausgedrückt. Mit der Headline SPD – Vorwärts in die Vergangenheit war mitnichten gemeint, dass die Beschlüsse der SPD rückwärtsgewandt sind. Es sollte als kleines Wortspiel dienen. Nach jedem Parteitag wird ein Aufbruch verkündet, vorwärts Genossen. Ich wollte damit eigentlich nur aussagen, dass es mit dem gewählten Personal keinen Aufbruch geben wird, sondern ein Zurück in die Vergangenheit, in Agenda-Zeiten. Das hat nur sekundär mit den Beschlüssen, wie zum Beispiel der Vermögenssteuer zutun – mal völlig abgesehen davon, ob ich der SPD noc ein Wort glaube oder nicht.

  4. @ Chris: Das widerspricht dem doch nicht. Auch die SPD möchte im Grunde sich wieder einkuscheln in einer vergangenen Welt, wo alles noch schön übersichtlich war. Auch sie pflanzt dazu die Fahne eines vorgeblichen Fortschritts auf …

  5. Ein lustiger Clown auf dem Bild =)

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