Stilstand

If your memory serves you well ...

Die Konservativen und Mr. Hyde

Kaum dachte der Leser, ein Frühlingshauch von Selbstreflexion durchwehte die konservative Welt, schon trällert uns ein alter Fahrensmann den konservativen Evergreen von der ewigwährenden Unfehlbarkeit, deshalb, weil wahre Konservative immer einen Kompass statt einer Seele in der Brust zu tragen pflegen:

„Konservative wissen, woher sie kommen. Und wohin sie gehen. Sie haben einen Kompass. Deshalb verlieren sie sich auch nicht in den Wanderdünen des Zeitgeists.“

Oha, Peter Hahne – auch bei den Konservativen bleibt also die dürre Wüste ringsum, nur eben das Navi käme hinzu? Berechtigt wären demnach die Klagen der Charles Moore, Konstantin Seibt und Frank Schirrmacher über die große Weg- und Steglosigkeit, und über jene Absenz eines christlichen Master-Plans, der ja nicht darin bestehen kann, plötzlich jene Zocker heilig zu sprechen, die Jesus noch mit Fußtritten zum Tempel hinauskomplimentierte?

Das konservative Denken mag zwar einen Kompass haben, was nützt dies aber, wenn der Magnetpol fehlt? Auch die Konservativen funzeln mit ihren Taschenlämpchen derzeit in einer großen intellektuellen Saharanacht herum – und sie wissen nicht, ob ringsum überhaupt Wanderdünen zu finden sind, oder aber Salzseen, Felsenformationen oder gar das Himmlische Jerusalem. Keine Orientierung nirgends … und auch jene kindlich schlichte Definition, Herr Hahne, dass der Konservative halt eben immer ein wenig retardiert wäre, die hilft da nicht weiter. So etwas wie einen Plan haben derzeit allein die Ultra-Liberalen, von denen die Konservativen sich allzulange vereinnahmen, ja unterwandern ließen …

Geschichtlich zählt der Konservatismus zu den drei großen Ideologiegebilden, die aus der französischen Revolution entstanden. Vorreiter war der Tiers état mit seinem ‚Liberalismus‘, dies war der wahre Revolutionär unter den Drillingen: Fortschritt, Wissenschaft, Umbruch, unbedingte Aufklärung, Niederreißen aller Schranken, die nicht ökonomisch sind, den verhassten Staat aufs Minimum reduzieren. An der Seite dieses Gewalttäters stand zweitens der Chiliasmus diverser sozialistischer Romantiker, deren Denken mit dem Liberalismus siamesisch wie von einem Fleisch verwachsen war. Das Credo dieser linken Sozialrevolutionäre lautete: Zwar wird der Liberalismus dieser rechten Sozialrevolutionäre die Armen erst einmal durch die Hölle führen – aber dann kommt der große Moment der Katharsis, wo jedem nach seinem Möglichkeiten gegeben wird usw. Parteihymne: „Kreuzberger Nächte sind lang, aber dann, aber dann!“ Marx flocht dann noch einen großen Haufen von Tabellenkalkulation drumherum, die diese religiöse Hoffnung auch ‚beweisen‘ sollte, so richtig verstanden hat meines Wissens dies bisher noch niemand.

Die dritte Denkschule in dieser ideologischen Trias, die alle Anfang des 19. Jahrhunderts ausgeformt wurden, das war dann der Konservatismus. Er setzte, in denkbar größtem Kontrast zum rechenhaften und rationalistischem Liberalismus, auf mystische Prinzipien, als da wären Wachstum, Entwicklung, Geist, Individuum, natürliche Ordnung, Erfahrung, Geschichte usw. Daraus ließen sich dann mannigfache Ideologiegebäude zimmern, von Savigny, Möser, Müller usw., am erfolgreichsten tat dies vielleicht Hegel, der mit der Dialektik sogar noch eine gewisse Mobilität ins Spiel brachte, so dass man bedarfsweise von einer Kufe auf die andere treten konnte – „alles was ist, ist auch vernünftig“, der kleine Fisch, wie eben auch der große Fisch, der den kleinen Fisch frisst. Mit der Sinngebung der Geschichte ist der Konservative immer am ausgiebigsten beschäftigt, er ist in Wahrheit Walter Benjamins ‚rückwärtsgekehrter Prophet‘ – ein ewiger Romantiker.

Genuine Konservative erkennt man an ihrer Sprache: Dort, wo man den Dingen „Zeit zur Reife“ geben muss, wo die „natürliche Ordnung“ zu beachten ist, wo „übergeordnete Prinzipien“ in Betracht gezogen werden müssen, wo man „den Menschen nicht überfordern“ dürfe, wo man „auf Bewährtem aufbauen“ muss, wo der „Geist einer Verfassung“ zu beachten ist und „Kultur und Geschichte mitreden“, da hört man den genuinen Konservativen rhetorisch trappsen. Der späte Fontane gehört in die Kategorie, aber auch Bismarck, Goethe oder auch ein Varnhagen von Ense.

Das Problem des Konservatismus ist immer sein Tempo. Sobald die Zeit aufs Gaspedal tritt, wirkte die morphologische Denkfolge des Konservativen – von Säen und Keimen über Knospen und Blühen bis hin zu Reifen und Ernten – immer ein wenig retardiert, um nicht zu sagen ‚betulich‘. Im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung hielt der Konservatismus spätestens seit der Industrialisierung immer nur noch die rote Laterne in der Hand, und mit ewig verbrannten Fingern klang auch seine Stimme durchweg kassandrahaft. Es gab daher eine ganze Reihe von Versuchen, dem Konservatismus ideologisch Beine zu machen, meist aus den Reihen der Künstlerschaft. Die bekanntesten Stunts legten dabei – neben den Dandys und ‚Ästheten‘ – Thomas Mann und die Firma ‚Stefan George Nachf.‘ aufs Parkett.

Thomas Mann, selbst kein Konservativer, sondern eine charakterlich ‚auf hochanständig‘ camouflierte Doppelexistenz, schuf selbstherrlich einen Gegensatz, von dem die Welt zuvor noch nie etwas gehört hatte: ‚Kultur‘ gegen ‚Zivilisation‘. Zivilisatorisch – und damit ’schlecht‘ und ‚flach‘ – sei nur der dekadente Westen mit seinem Journalismus, seiner Aufklärung, seinem ‚Gutmenschentum‘ und seinem ‚Multikulti‘ – der Träger wahrer Kultur sei dagegen das germanische Dunkelmunkel des Geistes, wo man sich oft selbst nicht verständlich sei, wo das Wort in uteralen Tiefenschichten rumore, man den Begriff ‚Demokratie‘ allemal an den nächsten Baum stelle, und aus ’nationalem Instinkt‘ heraus dann wiederum die dollsten Kulturartefakte produziere. Das halbe Nietzsche-Vokabular floss dem delirierenden Thomas dabei aufs Papier: „Wille zur Macht“, „Schicksal“, „Weltnotwendigkeit“ und „Erdengröße“ – eine 500-seitige Glorifizierung von Eroberungskriegen, von der anständigen Konservativen bisher noch nichts schwante – und wo heute nur Hardcore-Exegeten des Münchner Bohemiens noch Restbestände an Ironie zu wittern vermögen: „Die Geschichtsforschung wird lehren, welche Rolle das internationale Illuminatentum, die Freimaurer-Weltloge, unter Ausschluß der ahnungslosen Deutschen natürlich, bei der geistigen Vorbereitung und wirklichen Entfesselung des Weltkrieges, des Krieges der ‚Zivilisation‘ gegen Deutschland, gespielt hat.“ Ein feinsinniger Verschwörungstheoretiker, der weiß, wie man Messer und Gabel hält … nur dumm, dass die Geschichtsforschung in jeder Hinsicht uns später von seinem Gesumms so rein gar nichts ‚lehrte‘ …

Es ist ein überaus künstlicher Extrakt, den uns der schwule Schwabinger hier als gewachsenen deutschen Riesling verkaufen möchte, die wahren Konservativen schoben den Text mit spitzen Fingern beiseite. Ideologisch sind die ‚Betrachtungen des Unpolitischen‘ kein Dokument des deutschen Konservatismus, es ist der untaugliche Versuch, unter Zuhilfenahme der Pläne von Spengler, Wagner, Stöcker, Nietzsche & Co. einen neuen ideologischen Hafen für Rechtsintellektuelle an der germanischen Fieberküste aus dem Schlamm zu stampfen. Wo sich aber schon bald ganz andere ansiedeln sollten – weshalb der Thomas, weil er ‚das Repräsentative‘ als die ihm gemäße Rolle zunehmend entdeckte, dass Buch auch auf den Dachboden verbannte.

Denn mit dem entstehenden Faschismus, dies muss man fairerweise sagen, hat der der deutsche Konservatismus eher wenig zu tun. Diese vierte Großideologie, die jetzt an die Seite von liberalen, konservativen und sozialmessianischen Theorien trat, verknüpfte sozusagen den Erlösungsgedanken des Sozialismus mit der Härte und dem Ahistorismus des liberalen Rationalismus. Allzuoft wird vergessen, dass eben auch der Faschismus auf wissenschaftlicher Grundlage entstand. Und nur deshalb, weil wir ‚Sozialdarwinismus‘ und ‚Rasselehre‘ nicht länger als akzeptable Wissenschaften hinnehmen, heißt dies nicht, dass sie diesen Rang damals nicht hatten. So wie bei uns heutzutage auch auf dem Humus von BWL, Human Ressources Management, Trendforschung oder Kommunikationswissenschaft die dollsten Professorentitel blühen. Der Faschismus jedenfalls war ein diktatorisch-eliminatorischer Radikalliberalismus mit eschatologischen und chiliastischen Wagnerchören, aber kein Kind des Konservatismus.

Der Verfall des Konservatismus begann erst später, als er wesensfremde Elemente assimilierte. In den angelsächsischen Ländern, wo es praktisch nur ein Zweiparteiensystem gibt, musste eine der drei großen ideologischen Leitideen irgendwo anders ‚unterkriechen‘, wenn sie politische Teilhabe wollte. So liegt bspw. der politische Bedarf an ‚Liberalismus‘ in allen westlichen Gesellschaften ziemlich konstant bei fünf bis zehn Prozent, eine liberale Partei wäre allein niemals mehrheitsfähig, was schon manchem den Glauben an die Menschheit zurückgegeben haben soll.

Die Konservativen mit ihrer Überzeugung von einer (zumeist christlichen) Vorsehung in der Geschichte, mit ihrem eher pessimistischen Menschenbild, ihrer Forderung nach einem starken, wohlausgestatteten Staat, mit ihrem Widerwillen gegen den uniformen, rein negativen Freiheitsbegriff der Liberalen, mit ihrem Blick auf die Geschichte als Lehrmeisterin auch für heutige Herausforderungen, und mit ihrer Überzeugung von der natürlichen Ungleichheit der Menschen, die kein noch so hoher Kontostand jemals aufheben könne, die hatten auf einmal den Feind – oder das Bö(r)se – in den eigenen Reihen, weil das Mehrheitswahlrecht keine vernünftige Differenzierung der Ideologien zuließ.

Margret Thatcher war gewissermaßen der erste Betriebsunfall einer konservativen Partei, die Dame mit der Handtasche war der ultraliberale Erzfeind, den aber niemand von den Eton-Jungs in der Tory-Partei mehr erkannte. „Ich kenne kein Ding wie Gesellschaft“, verkündete die Lady, einzig eine Wahlrechtsmasse von geschichtslosen atomisierten Individuen existierte für sie noch. Ein Bild, das zugleich allen Grundüberzeugungen konservativen Glaubens geradewegs ins Gesicht schlug. Paralleles geschah in den USA seit Ronald Reagan: Auch hier hatten die Konservativen für den Machtgewinn wesentliche Positionen geräumt, ein Fukuyama konnte unwidersprochen aus dem Zentrum der Grand Old Party heraus den Riesenblödsinn vom „Ende der Geschichte“ verkünden. Heute haben die verbliebenen Konservativen dafür innerparteilich die Pest am Hals, jenen vom Finanzkapital gelenkten Sauhaufen namens ‚Tea Party‘, den man sich hüten sollte, ‚konservativ‘ zu nennen. Das sind sind im Kern nur anti-etatistische Radauliberale.

Wenn also die Konservativen – zu recht! – über ihre verlorenen Werte sinnieren, dann sollten sie nicht ewig über eine ‚Sozialdemokratisierung‘ ihrer Parteien barmen, das ist eine Chimäre, zumindest war die unter Erhard und Kiesinger schon mal wesentlich weiter fortgeschritten. Die ‚Liberalisierung‘ ihrer Partei ist das Problem. Sie sollten also die schleichende Expropriation ihrer Werte durch den Feind in den eigenen Reihen reflektieren, durch die Ultraliberalen, von denen jeden wahren Konservativen seit der Gründung dieser politischen Strömungen ein ideologischer Unvereinbarkeitsbeschluss trennt, solange konservativ ‚konservativ‘ bleibt, und liberal ‚liberal‘. Heute sitzen beide Parteien, die CDU wie die FDP, in dunkler Nacht zusammen auf einem Kutschbock, das Gesicht der fürnehmen Frau Dr. Jekyll ist aber eine Maske – schiebt sie die in die Stirn, dann sehen wir Mr. und Mrs. Hyde …

4 Kommentare

  1. Was soll man machen, wenn es die privilegierten Stände, also den Adel und die Geistlichkeit, nicht mehr gibt?

  2. „Kultur“ gegen „Zivilisation“ – ich halte diese völlig willkürliche Unterscheidung in gewisser Hinsicht für „typisch deutsch“. (Auch wenn fast alle heutigen Deutschen glücklicherweise wie der „Rest der Welt“ die Begriffe „Kultur“ und „Zivilisation“ synonym verwenden.) „Typisch deutsch“ nicht nur, weil sie meines Erachtens z. B. in Frankreich oder England buchstäblich „undenkbar“ wäre. In einem anderen Umfeld als dem des wilhelminischen Deutschland wäre, vermute ich, selbst ein so widersprüchlich lebender und denkender Mensch wie Thomas Mann nicht auf so einen willkürlich konstruierten Gegensatz gekommen. Ungemein verräterisch ist der starke „antirömische Affekt“ in T. Ms. „Betrachtungen eines Unpolitischen“ – dieser Affekt funktioniert nur dann, wenn eine gerade Linie zwischen Arminius und den römischen Legionen, Luther und der „antirömischen“ Reformation und der in einem Krieg gegen das „romanische“ Frankreich „geschmiedete“ Deutsche Reich konstruiert wird. Also nicht mal zwischen Äpfeln und Birnen, sondern zwischen Äpfeln, Heckenscheren und Gartenmöbeln. Ein Geschichtsbild, das, von Teilen der „Neuen Rechte“ mal abgesehen, heute kaum noch jemand vertritt, das aber zu Kaisers Zeiten „Mainstream“ war.
    Dieser konstruierte Gegensatz „Kultur – Ziviisation“, der sich auch z. B. bei Sprengler findet, ist natürlich „Rosinenpickerei“ gegenüber der Moderne: Was ihm an der Moderne in den Kram passte (wenig genug), wurde der „Kultur“ zugeschlagen, der große Rest war eben minderwertige „Zivilisation“.
    Trotzdem bin ich Mann, Sprengler und anderen selbsternannten „Konservativen“ für ihr Konstrukt dankbar: es ist ein ziemlich zuverlässiger Indikator um, wenigstens im deutschen Sprachraum, Konservative von „Konservativen Revolutionären“ bzw. „Neuen Rechten“ unterscheiden zu können.

  3. @ MartinM: Diese Begriffsverwirrung macht mich auch oft kirre – dass also ein ‚Konservativer‘ nicht zugleich ein ‚konservativer Revolutionär‘ sein kann, ohne dass alle etablierten Kategorien Handstand machen. Ebensowenig wie der ‚Liberalismus‘ in den konservativen Wesenskern hineingehört. Ein ‚liberaler Konservativer‘ ist so etwas wie ‚atheistischer Ultrareligiöser‘. Konservatismus und Liberalismus, Adenauer und Thatcher, wachsen auf verschiedenen Wurzeln …

    Bei dem Tomtom Bramarbas aus der Mann-Familie kam übrigens noch Neid gegenüber dem großen Bruder hinzu, der damals wesentlich erfolgreicher war – nach ‚Die Göttinnen‘, ‚Die kleine Stadt‘, ‚Die Jagd nach Liebe‘, ‚Professor Unrat‘ und ‚Der Untertan‘. Die repräsentative Rolle, die dieser Tom an der Seite seiner Bankiersgattin so gern innegehabt hätte, die fiel s-kandalöserweise viel öfter dem großen Bruder Heinrich zu, der sich doch nur in der Demimonde herumtrieb. Die Hälfte der Polemik gegen die ‚Zivilisation‘ in den ‚Betrachtungen‘ ist daher auch ‚Bruderzwist im Hause Habsburg‘ …

  4. Das wusste ich nicht, aber so was wie einen Bruderzwist ahnte ich schon. Wobei Heinrich meiner Ansicht nach tatsächlich der bessere Schreiber war.

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