Stilstand

If your memory serves you well ...

Die Grammatik der Schizophrenie

Das Hexeneinmaleins ist längst die Grundrechenart der feinen Gesellschaft geworden: Die oben liegen in ethischer Hinsicht in der untersten Schublade, und die einstmals so geschätzte Geschäftsmoral hat sich in selbstgefällig geblähte Spekulationsblasen verwandelt, wo nur der richtige Zeitpunkt beim Ein- oder Ausstieg über Gut und Böse entscheidet, nicht länger das gute Betriebsergebnis oder die Zukunftsperspektive eines Unternehmens – alles natürlich streng im rechtlichen Rahmen.

So wirr und misanthrop jedenfalls fühlte ich mich, als ich gestern in der ARD – ziemlich fassungslos – das große Feature über den Untergang des Karstadt-Quelle-Konzerns verfolgte. Ein Konzern, den sich offenbar einige Finanzmanager systematisch ‚zu eigen‘ gemacht hatten, um der fetten Beute überall ihre Blutegel zu setzen – dies jedenfalls war die argumentativ bestens unterfütterte Tendenz des Reports (Leider ist die Sendung bisher in der ARD-Mediathek nicht online verfügbar, vielleicht bin ich aber auch nur zu blöd, sie zu finden. Eine Besprechung der Sendung findet sich hier.).

Bemerkenswert war die Chuzpe, mit der ein zweifellos Hauptverantwortlicher wie Thomas Middelhoff sich als ein ‚Marschall Vorwärts‘ versuchte. Überlegen lächelnd stellte er sich auch den unangenehmen Fragen der Reporter, wobei er sprachlich in schönstem Ökonomurks seinen Crash-Kurs nachträglich rechtfertigte, obwohl er in meinen Ohren nur große Wolken von Sprachstaub und Marketing-Sprech aufwirbelte. Eine kleine, unauffällige Redefigur, die der Herr Middelhoff einleitend nicht nur einmal gebrauchte, stieß mir auf:

„Ich erkläre mir das heute so …“, mit dieser Floskel begann Middelhoff fast schon regelhaft seine Antworten.

Betrachten wir den ‚Frame‘, der einem solchen Sprachgebrauch zugrunde liegen muss: Zwei Personen – nennen wir sie Middelhoffs ‚Ich‘ und ‚Mir‘ – sehen wir in seinem Kopf dort hausen: Ein dunkles Ich im Hintergrund, das dem anderen Ich zuhört, welches ihm die argumentative Rabulistik für sein Verhalten nachträglich zuliefert. In solch einem mentalen Zwei-Personen-Haushalt lässt sich mit Verantwortlichkeiten natürlich trefflich Pingpong spielen: Das war nicht Ich, das war bloß das andere Ich. Vermutlich fühlt sich eins dieser Ichs selbst heute noch moralisch sauber – und nicht im Geringsten an jenen Aktientreibereien und gezielten Presse-Kampagnen persönlich beteiligt, welche das andere Ich als Dienstleister einer großen Investmentbank den Mitarbeitern – laut ARD jedenfalls – verzapft hat. Ein Schritt noch, und die halbe Person wäre selbst zum Opfer geworden: Ach, hätte ich doch bloß nicht auf diesen anderen Hallodri gehört!

Die einstigen Mitarbeiter wiederum stehen heute auf der Straße und betrachten fassungslos das abgenagte Skelett ihres vormals so großmächtigen Arbeitgebers und fragen sich verwundert: Ou sont les richesses d’antan?

Merke: Solche Schizophrenie – die sich gerade auch in sprachlichen Kleinigkeiten äußert – das ist die Methode der Erfolgreichen, derer mit den Zähnen im Maul. An ihrer Metaphorik und ihrem Wortgebrauch sollt ihr sie erkennen. Es ist höchste Zeit für den Sprachpsychiater …


3 Kommentare

  1. Dabei dürfen wir aber noch froh sein, dass die Herren Middelhoff nicht in noch größerer Schar aufgetreten sind und uns folgende Satzeinleitungen erspart haben:
    „Wir erklären uns das heute so …“

  2. Ego, Super-Ego, Es.

    Middelhoff ist ein Beweis, dass Freud Unrecht hatte, denn er weist keines dieser Trinität auf. Nur einen Lautsprecher und einen kleinen Alien, der hinten in der Schaltzentrale sitzt und ihn lenkt.

  3. @Axel
    Hier von Einzelfall zu reden ist eine Untertreibung. Scheffler, Opel, diverse Bankenmanager? Die reinste Pandemie.

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