Stilstand

If your memory serves you well ...

Die gedachte Realität

Martin Lindner (FDP), der Mann mit dem Burschenschaftsschmiss in den ewig verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln, lamentierte gestern bei Maybrit Illner über die zahlreichen neuen Bürgerproteste, die das Land von Stuttgart bis Gorleben immer flächendeckender erfassen. Sinngemäß sagte er, dass es sich bei diesen demonstrierenden Figuren vor allem um Wohlstandsbürger reiferen Alters handele, die sich für 500.000 Euro ein Anwesen in Stuttgarter Bahnhofsnähe als Altersruhesitz gekauft hätten und die es aus purem Egoismus nicht hinnehmen wollten, dass zehn Jahre lang Baulärm ihren Pensionsschlaf und dazu auch noch den Grundstückswert erschüttere. Und wegen diesen Leuten kämen alle Vernunft und aller Fortschritt zum Stillstand.

Ist das, was dieser Herrenreiter des Monetarismus daherparlierte, also falsch? Nun, nach Ansicht der vernünfigen Mehrheit im Lande sicherlich. Lindner wurde wegen seiner steilen Thesen zum Demonstrationsgeschehen ja auch von der Runde gebührend ausgelacht.

Richtig aber ist diese Ansicht natürlich aus der Sicht eines solchen Ultraliberalen. Denn ein echter FDP-Haudegen kann es sich ja nicht vorstellen, dass gesittete Bürger aus anderen als aus ökonomischen Gründen zum Protest zu bewegen wären. Prompt überlegt er, was um Himmels Willen wohl ihn höchstpersönlich auf die Straße treiben könnte – und schon ‚konstruiert‘ er sich eine Situation herbei, die auch ihn zum Revoluzzer machen würde. Einen beherzten Griff zum Demo-Plakat könnte in Lindners Weltsicht allein der allzeit dräuende Sozialismus rechtfertigen, also ein Werteverfall des Eigentums. Schon hat er die wahren Ursachen des Bürgerprotestes erkannt – denkt er …

So eben arbeiten die ‚Frames‘, die festverdrahteten Überzeugungen unseres Gehirns. Die Realität wird von uns immer passend gedacht – und wer uns seine Wirklichkeit beschreibt, erzählt immer auch von sich.

10 Kommentare

  1. Seit Sigmund Freud ist das Phänomen als ‚Projektion‘ bekannt.

  2. Richtig – bloß die Psychoanalyse erklärt das Phänomen mit dem Wirken unterbewusster Mechanismen, die Neurophysiologie ohne einen solchen Deus ex Machina schlicht mit der Funktionsweise des Gehirns.

  3. Wolfgang Hömig-Groß

    17. Dezember 2010 at 16:00

    Meinst du jetzt Christian Lindner oder Martin Lindner?

  4. Ich meine den Martin – dem eigentlich nur noch das Monokel fehlt, um als Komparse durchzugehen.

  5. „…es ist mir nie wieder möglich gewesen, mich, mein Gehirn oder
    die gesellschaftliche Welt ganz so ernst zu nehmen. Seit jener Zeit ist es mir peinlich bewußt gewesen, das alles was ich sehe, alles in und um mich, eine Schöpfung meines eigenen Bewußtseins ist, und das jeder in einem neutralen Kokon von privater Wirklichkeit lebt…“ (T.Leary)
    humwaoh
    Rainer

  6. Das stimmt: Wer jemals LSD nahm, kann die Welt nie mehr als eine ‚gegebene‘ betrachten, oder er müsste sich selbst belügen. Es ist wie mit dem Schleier zu Sais …

  7. Ich kann bestätigen: LSD war tatsächlich eine Zäsur. (Mein Gott, wie lange ist das nun schon wieder her…)
    Bestimmte Leute sollten aber besser die Finger davon lassen.

  8. der Kuckuck und der Esel die…
    wer wohl am besten sänge
    in diesem Sinne
    gesegnete Mahlzeit und fröhliche Ostereier
    (Psssst- die hopi sagen wir sind zeitlebens alle Clowns
    na denn, die meisten „bestimmten“ Leute sollten mal
    ‚John Barleycorn‘ die Gefolgschaft aufkündigen.
    Wäre doch nett anzuschauen wenn ‚Think tanks‘ zu
    ‚Sinking tanks‘ performen.
    Ist wohl doch nur eine Frage der Choreografie
    humwaoh
    Rainer

  9. Lieber Klaus!
    Guten Morgen und vielen Dank- Traffic war zwar auch im Pool,
    doch dachte ich ursprünglich(diaphan) an Jack London „John
    Barleycorn-Der Alkohol“.
    Synaptische Freud ensprünge kommen im deutschbabylonischen
    Sprachraum ganz sicher häufiger vor.
    Danke für Musik,Liebe–bliss–und deine Aufmerksamkeit
    ein Stück des Weges waren wir Gefährten
    humwaoh have a nice day today
    Rainer

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