Stilstand

If your memory serves you well ...

Die Füllwort-Queen

Kaum jemand verstreut so verschwenderisch Füllwörter zwischen den Zeilen, wie die Jennifer Nathalie Pyka. Dadurch gewinnen ihre Texte jenen unwiderstehlich verschwurbelten Charme eines Smalltalks am Pool im Barbie-Haus, den sie zu ihrem Markenzeichen machte. Hier ein Satz als Beispiel für das Verunklaren alles Klaren durch unaufhörliches Pseudo-Präzisieren und Pseudo-Einschränken. Ich entnahm ihn ihrem jüngsten Oeuvre, drüben beim ‚European‘:

„Allmählich glaube ich ja, dass der immer komplexer werdende Alltag viele Menschen überfordert.“

Hier dasselbe mit gekennzeichneten Entbehrlichkeiten:

Allmählich glaube ich ja, dass der immer komplexer werdende Alltag viele Menschen überfordert.“

Tscha, mein Meinen ist mein Chateau Platitude – Hauptsache, die Aussage steht erst im Nebensatz. Hier das redigierte Resultat, wo ich mir die Mühe machte, das große Geschwurbel auf den Kern der Aussage einzudampfen:

„Der Alltag überfordert die Menschen.“

Schon wären wir im Reich unhaltbarer Behauptungen angekommen. Alle sind nämlich überfordert, außer Barbie:

„Also, weißt du, Ken, mir ist so langweilig. Selbst das Shoppen bringt mir keinen Spaß mehr. All die Labels und Etiketten – da blick‘ ich gar nicht mehr durch. Ist doch eigentlich egal, was da drauf steht, der Fummel muss zu mir passen. Das ist doch schließlich die Hauptsache. Meinst du nicht auch? Der Handel wird doch wohl wissen, was er macht. Alle meine Freundinnen sagen das auch. Im übrigen, da bei Gucci, da habe ich gestern ein Kleid gesehen … och, Ken. Bitte bitte!“

Nebenbei: Füllwörter sind nicht grundsätzlich abzulehnen, ein Schreiber sollte sie kontrolliert einsetzen. ‚Aus den Synapsen frisch auf den Bildschirm‘ ist sicherlich nicht der richtige Weg. Näheres hier …

18 Kommentare

  1. Thomas Hanke

    31. Mai 2013 at 11:35

    „Schon wären wir im Reich unhaltbarer Behauptungen angekommen“
    Das zum Satz soll Satire sein, oder? „Allmählich“ und „komplexer“ als Füllwörter – okay …
    Natürlich ist Ihr Text, so wie dieser, auch nicht ohne.

  2. … also, irgend etwas hast Du mit der Dame. Ich finde ja auch, daß sie recht schnuckelig aussieht, aber wenn sie den Mund aufmacht… meint natürlich ihre zierliche Feder, die nachdenklich über das samtene Papier huscht, unmerklich, hingebungsvoll und doch so geschwurbelt.
    Gips zu: eigentlich magst Du sie!
    Gruß
    das Pantoufle

  3. Der Jarchow. Schwurbelt zwar selber mit der Sprache rum, nach dem Motto, ich kenn Fremdwörters, ich bin intellell, aber wenn das unerreichbare Objekt seiner Begierde wieder geschrieben hat, dann kriegt es nicht fertig, souverän die Klappe zu halten.

  4. @Waldemar
    Eine lässliche Sünde, nicht das Maul zu halten.

  5. Über das Alter pubertärer ‚Begierden‘ bin ich längst hinaus. Da müsste anderes hinzukommen, wer will schon mit Barbie ins Bett? Kritik ist – bis auf weiteres – auch noch keine Form der Galanterie. Solche Faktoren scheinen eher bei ihren Anhimmlern eine Rolle zu spielen, die ständig ‚rote Rosen‘ kommunizieren. Auch bei unserem Waldemar glaube ich – je länger, je mehr – er hat vielleicht selbst Ambitionen. Die beiden passten vom Niveau wie von der Ideologie her auch besser zusammen …

    Die gute Frau ist hier im Blog schlicht ein ‚Running Gag‘ für das, was schiefläuft im ‚modernen Qualitätsjournalismus‘: Sprachferne, ‚Argumente‘ aus Broders Second-Hand-Laden und auch wissensmäßig kein Erlebnispark … aussehen aber soll sie doch, wie sie will. Hier geht’s nun mal um Texte, und da schafft sie es bei mir noch nicht einmal in die ‚Tag-Cloud‘. Von mir aus dürfte sie sogar der Dodo Siems gleichen, wo ja auch niemand einem Kritiker indezente Motive unterstellen würde. Jedenfalls ist mir das bei der noch nie passiert …

  6. Nun ist es aber ein Unterschied, ob ich schreibe:

    »Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen im Alltag überfordert sind.«

    oder

    »Viele Menschen sind im Alltag überfordert.«

    Ersteres ist eine Ich-Botschaft, letzteres eine Tatsachenfeststellung. Insofern sind in Frau Pykas Satz nicht nur Füllwörter enthalten.

  7. War das jetzt die Geschichte mit den Hunden, dem Treffen und dem Bellen, die den guten Jarchow dazu bewegte, sich ellenlang erklären zu müssen?

  8. @ stefanolix: Das ist genau das, was ich oben mit ‚Pseudo-Einschränken‘ meinte: Sie verschanzt sich hinter einer Subjektivitäts-Phrase, die Botschaft aber kommt bei ihrem Publikum trotzdem an: Wer mir zustimmt, zählt zu jener konsumistischen Elite, die unüberfordert auf der Achse des Guten durchs Leben rollen darf, unbeirrt durch diesen Pipifax in Bangladesh. Es ist ja gar keine Formel, die eine subjektiv beschränkte Einsicht betonen soll, sondern eine, die nach Applaus hascht.

    @ Papst: Ein Hund bin ich manchmal schon, deshalb belle ich ja auch nicht mit dem Schwanz wie gewisse andere Leute, die hier nachweislich als erste Laut gaben …

  9. Ich habe mich auf den zitierten Satz und den sprachlichen Aspekt beschränkt. Zu einer Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Kommentars von Frau Pyka fehlt mir gerade die Zeit. Vielleicht später.

    Was die Füllwörter betrifft: Wer sie wirklich niemals eingesetzt hat, der werfe den ersten Stein 😉

    Ich hätte vermutlich geschrieben »Viele Menschen scheinen im Alltag überfordert zu sein.«

    Wendungen wie »immer komplexer werdend« oder »immer weiter zunehmend« sind mit sehr großer Vorsicht zu genießen.

  10. Tscha – der Alltag wird sogar immer einfacher, und nicht komplexer. Frag‘ mal deine Oma …

    Füllwörter haben natürlich Bedeutung – und auch ich setze sie ein. Der Schreiber soll bloß nicht mit ihnen ‚tricksen‘ oder aber mangels Inhalt Zeilen schinden (s. Link im Nachtrag). Und er muss zunächst lernen, ohne Füllwörter auszukommen, bevor er sie wieder dosiert und zielgenau einsetzt. Diese Lernreihenfolge scheinen mir manche zu übersehen. Woher sonst das viele Plapperlapapp und das Geschwurbel? Dieser fingierte Ken-und-Barbie-Text dort oben steckt zur Illustration voll unangebrachter Schwurbel-Füllwörter. Dass diese wiederum einen bestimmten gesellschaftlichen Typus kennzeichnen, ist klar. Ich spreche da verkürzend vom Zahnwaltsgattinnen-Jargon.

    Die Lektüre des Artikels kannst du dir schenken: Ich habe nicht herausgefunden, was ihre Conclusio ist. Vielleicht weiß sie es selbst nicht. Smalltalk am Pool, wie gesagt …

  11. Tstst. Erst einen auf Wortfanatiker machen und dann Papst schreiben. Katholenkomplex?

    Pabst bitte mit B. Wie Bolschewistenkiller.

  12. sag mal, klaus, bin ich hier wirklich der erste, dem bei waldi sofort (!) kapp einfiel und was die jungs als erste auf den helm geschmiert trugen. schande!

    ansonsten hat pantouffle unter 1 just das gesagt, was ich sagen wollte, bevor ich sah, daß er es schon gesagt hatte 😉

  13. @ hardy: Naja, das, was sie sich auf dem Stahlhelm pinselten, das müssen wir unter historischen Gesichtspunkten den Liebknecht-Mördern und dem anderen Gesocks schon anders in Rechnung stellen: Das geschändete Kreuz war damals noch ein allgemein ‚völkisches Abzeichen‘ für abgehalfterte Frontsoldaten, aber kein Parteisymbol. Solch Runenunwesen gab es überall, wo Unbedarfte den Ludendorffs und Hindenburgs deren Märchen von den chlorreichen Siegen allzulange geglaubt hatten – wo all diese Hohlköpfe nun über Versailles und zerplatzte Seifenblasen greinten, und sich deshalb die dollsten Märchen vorlasen (‚Dolchstoß‘ usw.).

    Die Partei des Österreichers galt, als diese Garde-Kavallerie-Schützen-Division metzelte, noch eher als eine von zahlreichen komischen Folklore-Truppen, vor allem in Bayern, die sich typischerweise dann in ‚Hofbräuhäusern‘ konstituierten. Für die Lektüre hier zu empfehlen: ‚Erfolg‘ von Feuchtwanger – aber auch Ludwig Thomas Artikel für den ‚Miesbacher Anzeiger‘. Auch später wären sie chancenlos gewesen, hätte sich nicht eine verrannte Bourgeoisie diesen Desperados mit Haut und Haaren ausgeliefert. Von einer ‚Machtergreifung‘ kann jedenfalls keine Rede sein, eher schon von einer ‚Schlüsselübergabe‘ durch die deutschen Eliten.

    Die ‚Völkischen‘ hingegen waren – wie gesagt – vor allem Ex-Frontsoldaten, die als Penner in der Gosse geendet wären, hätten sie nicht den Krieg im Inneren, an der polnischen Grenze und im Baltikum einfach auf eigene Faust fortgeführt. Hier ist Ernst von Salomon einschlägig (‚Die Geächteten‘) oder Arnolt Bronnen (‚O.S.‘). Was anderes als Marschieren und Morden hatten solche Figuren ja nie gekonnt: Schule abgebrochen, dem hohlen Pathos der Nationalisten hinterhergerannt und an der Front das Abschlachten aus dem Effeff erlernt. Später lagen etliche dieser Grüppchen mit der Bewegung des GröSchwaZ sogar gewaltig über Kreuz.

    Ansonsten: Das Aussehen hat im Journalismus keine Rolle zu spielen. Und wenn, würde ich bei einer Anja Reschke weit eher schwach, als ausgerechnet bei jener. Ich bin nun mal kein Heißluftanhänger – und man will ja auch mal miteinander reden können. Es ist ja auch komisch: Eine Andrea Seibel oder eine Dorothea Siems habe ich hier mindestens ebenso oft zu fassen, da unterstellt mir aber niemand solche Motive. Das muss dann wohl etwas mit den Phantasien meiner Leser zu tun haben. 😉

    Ich lasse allerdings gern Banalitäten platzen, hege und pflege meinen kleinen Streichelzoo und freue mich, wenn inmitten all der Selbstbeweihräucherung auch andere Stimmen auf der ersten Google-Seite zu finden sind. In gewisser Weise bin ich dabei bloß ‚Volkes Stimme‘ – lies doch mal die Kommentare dort drüben. Selbst die Kloppertruppe von Broders Achse hat’s aufgegeben und eilt ihr längst nicht mehr zu Hilfe.

  14. Ach, ach: Ich wollte ja gar nicht. Ich selber schaue ja hin und wieder ganz gerne nach einem schönen Menschen, wenn auch im Falle Pykas nur durch die Lücken der vors Gesicht geschlagenen Hände. Daß der Gründer des Kyffhäuserbundes dann reingrätschte, erschröckte mich gar sehr. Der Herr war mir bis dato unbekannt – daß er beruflich Pykas Jubelperser ist, entgangen.

    Phantasie? Mädelz? Ich? öhhhmmm…

  15. zur „strafe“, weil du offensichtlichtlich beim letzten mal nicht drauf geklickt hast: ich bin ein klitzekleines bißchen mit der materie vertraut.

    als ich den schinken damals ausgrub (es gab noch 7 exemplare in der fernleihe, heute kann man ihn als nachdruck in dubios völkischen verlagen wieder erwerben), gab es außer wilfried daim niemanden, der das thema auch nur mit spitzen fingern anzufassen wagte, obwohl es doch werner maser schon ausführlich dokumentiert hatte.

    meinen prof jedenfalls hat es jedenfalls damals relativ verstört hinterlassen, sich das ns-system plötzlich als okkulte religion und nicht als politische bewegung vorstellen zu müssen. was ja einiges unerklärliche plötzlich verständlich macht.

    danach musste ich mich (vater geworden) in die kohorten der von der faz diese woche als studienabbrecher aussortiert gescheiterten existenzen einreihen, die mit lächerlichem wie computern ihr brot verdienen mussten. am thema selbst liegt mir aber immer noch …

    das mit dem helm selbst war eine anspielung auf „gewaltfrieden“ von bernd fischerau, das ja mit dem bild eines soldaten mit aufgemaltem hakenkreuz beginnt und nach drei stunden auch wieder endet. eben pabst und seine rotte.

    äußerst sehenswert, falls du es nicht kennst.

    genug namen gedroppt. ich war halt erschocken, daß nicht jedem sofort bei pabst sofort die richtigen assoziationen aus dem zettelkasten poppten: wo blut floß, waren er und seine kohorten mit dabei. von salomon kann man da ja noch – angesichts seiner späteren einsichten – verkraften, bei pabst regiert bei mir jedenfalls sofort der würgreflex.

    ah, sorry, bei wiederhergestellten 100% blut- & sauerstoffzufuhr ins gehirn neige ich plötzlich wieder zu übermut.

    liebe grüße und sorry für das komplette off topic 😉

  16. – – – gelöscht, wie angekündigt – – –

  17. Hab mir den Pyka-Artikel grad mal gegeben und bin nicht recht schlau draus geworden. War’s „mir doch alles egal, will Shoppen, lasst mich mit der Scheiss-Moral in Ruhe“ oder war’s „schlimm, echt schlimm, was da so in Bangladesh…“ oder war’s „jaja, kritische Verbraucher, ohne die geht’s im Kapitalismus fei ned“?
    Es riecht tatsächlich stark nach Barbie: „Ey, voll schlimm, aber super Party, huch, hahaha“!
    Bin unregelmäßiger Gast, aber an den kürzlichen Pabst-Grusel kann ich mich erinnern. „Killer“. Wat’n Argument. Gaanz groß. Toller Hecht.

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